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Am vergangenen Wochenende war Zürifäscht.

Alle drei Jahre lässt die Stadt Zürich es richtig krachen: an zwei Abenden gibt es jeweils ein riesiges Feuerwerk auf dem See, einmal zu klassischer Musik, einmal untermalt mit Pop. Zwei Millionen Besucher wälzen sich durch die Stadt. Fressbuden, Riesenrad, Hochseil-Akrobaten zwischen Kirchtürmen, Drachenbootrennen auf der Limmat, Musikbühnen an jeder Ecke locken die halbe Schweiz und das nahe Ausland. Wenn das Feuerwerk vorbei ist, trampeln sich die Massen halb tot auf den engen Brücken über den Fluss.

Diesmal hatten wir eine ganz besondere Perspektive auf das Feuerwerk am Freitagabend.

Auf unserer China-Reise haben wir eine Zürcher Cartoonistin kennengelernt, Magi Wechsler. Sie hat ein Atelier mitten in der Stadt – in der Winkel­wiese 10. Wir trafen uns zu einer chinesischen Suppe (mit allerlei mediterranen Ergänzungen), schwelgten in China-Erinnerungen und kraxelten dann über den verwinkelten Dachboden auf die kleine Terrasse ganz oben auf der Spitze der Villa Winkelwiese. Dort lag uns Zürich zu Füssen und wir schauten von oben auf das gigantische Feuerwerk.

Die Villa Winkelwiese liegt an einem der pri­vi­legiertesten Orte in der teuersten Stadt der Welt. Ihre grossen herrschaftlichen Räum­lich­keiten auf drei Stockwerken – mit Parkett, einem grossen Treppenhaus, umrahmt von idyllischem wild wachsendem Grün eines grossen verborgenen Gartens – wird bewohnt von einer bunten Wohn­gemein­schaft von jungen Leuten, etwa zehn an der Zahl. Es geht lässig zu, kunterbunt, und erinnert irgendwie an Studentenwohnheim. Und Magi hat hier ihr Atelier.

Bei chinesischer Suppe und Tsingtao Bier erzählte uns Magi von der Vergangenheit der Villa. Soweit meine – durch “zürifäscht” reduzierte, aber durch Internetrecherche angerecherte – Erinnerung trägt, bildet sich folgende Geschichte heraus:

Im Oktober 1929 – kurz vor dem Schwarzen Freitag, der die Welt­wirt­schaftskrise einläutete – soll sich ein Direktor der SKA (einer bedeutenden Schweizer Bank) mit dem Namen Ernst Gross zu einer Geschäftsreise in den USA aufgehalten haben. Dort – so geht die Geschichte weiter – wurde ihm klar, dass etwas im Busch war – er sah den Crash kommen – und kabelte per Morsecode, wie es damals üblich war – an seine Direktionskollegen: “Sofort verkaufen. Stop ” gefolgt von einer langen Liste amerikanischer Aktien. Die Antwort kam prompt: “Das machen wir auf keinen Fall. Stop”, und er gab Anweisung, unverzüglich wenigstens seine privaten Anteile all der genannten Aktien zu verkaufen und in Bargeld umzuwandeln.

Das geschah, der Crash kam, und während seine Bank – wie alle anderen – ungeheure Verluste hinnehmen musste, sass er auf einem riesigen Haufen cash.

Davon kaufte er sich am schönsten Platz Zürichs ein altes Haus – das 1836 erbaute Wohnhaus “Zur Schönau” des Musiklehrers Heinrich Arter – liess es abreissen und erbaute 1932 – als niemand sonst Geld hatte – eine im damaligen Stil mit allen Schikanen ausgebaute Villa, mit elektrisch ver­senk­barem grossem Fenster zum Garten, be­geh­barem Safe im Keller (für all sein Bargeld), Weinkeller, Waren­lift für das zubereitete Essen aus der Küche in die oberen Stockwerke, und so weiter und so fort.

Die Villa hat zwei Seiten. Zur kleinen Strasse hin – der Winkelwiese – wirkt sie klobig, abweisend, mit kleinen Fenstern und viel grauem Stein. Ihren Charme zeigt sie gegenüber dem von aussen nicht einsehbaren grossen Garten, und in ihrem Inneren.

Ernst Gross starb 1952 und hinterliess zwei Töchter, von denen eine – Dr. Vera Susanna Gross – nach dem Tode ihres Vaters unverheiratet und kinderlos im obersten Stock wohnte. Die unteren Etagen wurden 1969 vermietet, und zwar an den prominentesten Bürger Zürichs, den ehemaligen Stadtpräsidenten Landolt und dessen Frau. Beiden Mietern wurde grundrechtlich ein Wohnrecht auf Lebenszeit eingetragen, und es gehört zu den Eigentümlichkeiten dieser Geschichte, dass beide Mieter – mit Wohnrecht auf Lebenszeit – hundert Jahre alt wurden.

In der Zwischenzeit war auch Vera Gross ver­storben; sie vermachte das Haus einer pfingstlerisch-charismatischen Sekte. Darauf schritt die Stadt ein und kaufte das Haus 1974 für 3.9 Millionen Franken, ohne recht zu wissen, was sie damit tun sollte – zwar hätte sicher so mancher aus der Stadtverwaltung gern die Villa für sich genutzt, aber die Bewohner mit Wohnrecht auf Lebenszeit dachten noch 30 Jahre lang nicht daran, abzutreten.

Erst 2003 starb die Witwe von Ex-Stadtpräsident Landolt und 2005 schrieb die Stadt das Grundstück samt Gebäude für 62 Jahre Baurecht zum Kauf aus (d.h. nach 62 Jahre fällt es zurück an die Stadt).

Über 300 Bewerber meldeten sich, 31 konkret mit Plänen ausgearbeitete Angebote gingen ein. Das Rennen machte ein Erbe des Pharmakonzerns Merck – Frank Binder – der die alte Villa abreissen und ein neues grosses Projekt an dieser Stelle aufrichten will. Er zahlt einmalig 4,5 Millionen Franken plus jährlicher 210 000 Franken Baurechtszins.

Daraufhin regte sich aller möglicher Widerstand – von politischen Parteien, von Anwohnern. Die Neubaupläne liegen aus Eis, und seit zehn Jahren befindet sich die Villa in einem Schwebezustand: Den Mitgliedern der Wohngemeinschaft – und auch Magi – werden die Verträge von der Stadt immer nur zeitlich befristet verlängert; Frank Binder hat einen unterschriebenen Vertrag in Händen. Sobald seine Pläne genehmigt werden – was nochmal zehn Jahre dauern, aber auch morgen schon geschehen kann – wird die Villa abgerissen, und bis dahin lässt sich von ihrem Dach der schönste Blick auf Zürichs Feuerwerke geniessen.

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