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Thomas Meyers “Schickse” hatte ich mit Genuss gelesen – seine Geschichte aus dem orthodox-jüdischen Milieu Zürichs ist authentisch, es hält die richtige Balance zwischen liebevoller Identifikation mit und ironisch-süffisanter Distanz zu Motti, seiner Mame und den anderen Figuren seines Romans.

Nachdem der Autor neulich im Rahmen der Veranstaltung “Zürich liest” aus seinem neuen Werk vortrug und es dann noch sehr freundlich signierte, fing ich mit großen Erwartungen an, im neuen Buch zu schmökern.

Was für eine Enttäuschung.

Rechnung über meine Dukaten” handelt von dem Spleen Königs Fiedrich Wilhelm I von Preussen (1688-1713), sein Königsregiment mit “langen Kerls” – Soldaten mit mindestens 1.88 Metern Gardemass – auszustatten. Im Zentrum des Buches steht der König, bzw. ein zwangsrekrutierter Sachse namens Gerlach, bzw. die eine oder andere dubiose Gestalt, die als “Werber” im Auftrag des Königs ihr schmutziges Handwerk verrichtet: Es ist wirklich nicht klar, wer eigentlich im Zentrum steht.

Keine dieser Gestalten wird dem Leser wirklich nahe gebracht. Der König tritt auf eher als König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte von Lummerland; hirnlos und tölpelhaft, frönt er seiner Manie mit den “langen Kerls”, für die das Buch keinerlei Erklärung gibt. Der historische “Soldatenkönig“, der sein Land von den Kriegen seiner Zeit fern hielt wo er konnte, das Beamtentum, die Charité, die Schulpflicht einführte und von sich sagte, “die Regenten sind zum Arbeiten geboren, nicht zum faulen Leben”, kommt in dem Buch nicht vor; stattdessen ein Operettenkönig, der sich von jedermann übertölpeln lässt und nur eine traurige Figur ist.

Auch die anderen Figuren bleiben blass und schablonenhaft. Im Übrigen geht es den meisten von ihnen – wie auch der Titel des Buches andeutet – nur um eins: das Geld.

Das Grundproblem des Buches scheint mir, dass die Ironie und Süffisanz, die Thomas Meyer über seine Figuren ausschüttet, sich nur entfalten kann, wenn sie begleitet ist von Sympathie mit ihnen. In der “Schickse” ist ihm das gelungen. In den “Dukaten” nicht. Dehalb ist das Buch auch flach und die Personen kommen über Karikaturen nicht hinaus.

PS. Wer sich wirklich für das Innenleben der Oberschicht im absolutistischen Europa des 18. Jahrhunderts interessiert, sei verwiesen auf “das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ“. Seine Darstellung aus dem Innenleben des Hofes von Ludwig XVII ist spannend, unterhaltsam und erlaubt Einblicke in diese untergegangene Welt, von denen sich in den “Dukaten” leider gar nichts findet.

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