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Schon 1987 hat Gisela Erler mit ihrem Schluss mit der Umerziehung Müttermanifest mutig und erfrischend anders über die Geschlechterfrage nachgedacht. In ihrem Buch von 2012 stellt sie fest, dass – nach vielen Jahren Frauenbewegung und Gleich­stellungs­massnahmen – Frauen in der Unternehmenswelt immer noch nicht “oben angekommen” sind. Sie fragt sich, woran das liegt, und was man da tun kann, oder – mit ihren Worten – “warum die vielen Bemühungen der globalen Wirtschaft, Frauen in wirkliche Führungspositionen zu befördern, so hartnäckig und gründlich scheitern und welche Strategien vielleicht erfolgreicher sein könnten.”

Ihre Hauptthesen sind, dass erstens Männer und Frauen sich in ihrer Art, mit Situationen und Problemen umzugehen, tiefgreifender unterscheiden, als mit manchen egalitären (vor allem feministischen) Theorien vereinbar ist, dass zweitens soziale Institutionen optimiert sind auf die Kompetenzen des einen oder anderen Geschlechts, und dass man drittens – nachdem man die unterschiedlichen Bedürfnisse gut genug verstanden hat – nicht die Menschen den Institutionen anpassen soll, sondern die Institutionen den Menschen.

Das Buch ist schon deshalb lesenswert, weil es sehr persönlich und lebendig die Erfahrungen der Autorin mit dem von ihr aufgebauten, und von Frauen geführten PME Familienservice schildert; allein das ist schon eine beachtliche Lebensleistung. Gisela Erler präsentiert die beeindruckende Erfolgsgeschichte dieses Unternehmens als beispielhaft dafür, wie Frauen (erfolgreich) beruflich agieren können, und auch wie Leitungs- und Entscheidungsstrukturen unter weiblicher Regie funktionieren (oder nicht). Das ist hochinteressant zu lesen, auch wenn ich nicht sicher bin, wie weit man das als allgemein gültige Erkenntnisse über Frauen-Unternehmen lesen kann, oder nicht doch eher als die eines erfolgreichen Gisela-Erler-Unternehmens. Sie scheint die “business rules” dieser Organisation nachhaltig persönlich geprägt zu haben.

Nun zu ihren Thesen.

Der nicht ganz so kleine Unterschied: Angeboren oder erworben?

Mit etlichen Studien belegt Gisela Erler, dass Knaben und Mädchen schon von Geburt an alles andere als gleich sind, wenngleich es nicht immer einfach ist, zu sagen, worin genau die Unterschiede jenseits der körperlichen bestehen. Unbestritten und offenbar vererbt ist etwa die unterschiedliche Grösse, auch wenn diese durch Umwelt­faktoren (Er­nährung usw.) beeinflusst wird. Aber nicht nur sichtbare und leicht messbare körperliche Unterschiede bestehen, sondern auch solche der Art, Probleme anzugehen, sich einzubringen, in Teams erfolgreich zu sein. Hier betritt Gisela Erler ein seit Jahrzehnten heiss umkämpftes Terrain. Es gibt – wohl dokumentiert und seit Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus auch wild popularisiert – typisch männliche und weibliche Lebens-Strategien. In der Schule führen diese unterschiedlichen Strategien dazu, dass Knaben öfter scheitern, im Berufsleben dazu, dass Frauen weniger Erfolg haben – trotz Umerziehung, Förderung, Coaching, Gleichstellung.

Gisela Erler stellt fest, dies habe nichts damit zu tun, dass mentale Fähigkeiten verschieden ausgeprägt sind – dass also die einen dümmer sind als die anderen – sondern dass die unterschiedlichen Strategien die Herangehensweise betreffen, wie Männer respektive Frauen mit Wettbewerbssituationen, Hierarchie, deduktivem vs. induktivem Schliessen usw. umgehen. Das ist alles unbestreitbar. Die Frage ist: kann und soll man das ändern?

Traditionell stossen hier zwei Denkschulen aufeinander: die einen sagen: diese Unterschiede sind anerzogen, deshalb können sie auch umerzogen werden. Gisela Erler berichtet von solchen Versuchen und ihrem wiederholten Scheitern. Die andere Denkschule sagt: Umerziehung ist zwecklos, denn die unterschiedlichen Dispositionen der Geschlechter sind angeboren, oder wie man heute sagt: genetisch bedingt.

Umerziehung ist Gisela Erlers Sache aus guten Gründen nicht. “Die Schaffung des neuen Menschen von oben oder von außen kann nicht Ausgangspunkt von Politik sein”, und sie stellt kritisch fest: “Während heute der pädagogische Grundsatz, Kinder in ihren erkennbaren Talenten zu bestärken und zu fördern, relativ unbestritten ist, scheint auf dem Feld der Geschlechterrollen genau die umgekehrte Maxime zu gelten: Wehret den Anfängen!”

Weil sie gegen die Umerziehung ist, stellt sich Gisela Erler auf die Seite derer, die eine genetische Basis für die unterschiedlichen Gender-Lebensstrategien annehmen. Damit schwächt sie meiner Meinung nach ihre Position. Denn im Fall der Menschen ist die biologische und die kulturelle Identität unentwirrbar vermengt. Oder, wie Albrecht Lamparter in unserem alten ökolibertären Club vor vielen Jahren prägnant formuliert hat: Die Natur des Menschen ist die Kultur. Damit meine ich, Kultur prägt den Menschen viel tiefgreifender als ein paar Umerziehungs-Sitzungen im Kinderladen oder Umschulungen, Coachings usw. je aufheben können. Kultur wird nicht anerzogen sondern aufgesogen. Versuche verschiedener Despoten, Neugeborene ohne Kontakt zu Mitmenschen aufwachsen zu lassen, um den “natürlichen” Menschen zu studieren, endeten mit dem Tod der armen Kreaturen. Die These “weil kulturell erworben, deshalb umerziehbar” verkennt die kulturellen Tiefenschichten, die uns formen – und die sich auch mit der Zeit verändern – die aber willkürlichen Umerziehungsmassnahmen ganz verschlossen sind.

Gleichwertig, nicht gleichartig

Mit vielen Beispielen belegt Gisela Erler, wie die Institutionen Schule und Unternehmen heute die typischen Eigenschaften von Männern und Frauen bewerten. Ganz platt: Heisst es in der Schule, es wäre besser, die Jungen wären wie die Mädchen, gilt im Berufsleben, es wäre besser, die Frauen wären wie die Männer. Und dann wird umerzogen. Mit dem Ergebnis, dass die jeweiligen Ressourcen der Umerziehungs-Subjekte nicht gefördert sondern zugedeckelt werden. Das ist alles schön und gut lesbar beschrieben, selbst wenn man nicht jedem einzelnen Argument und Beispiel beipflichtet. (Ich selbst habe aus der Perspektive der Mitarbeiter den im Buch behandelten Fall der ehemaligen HR-Chefin bei SAP ganz anders erlebt und mein Bedauern mit der Dame hält sich in Grenzen.)

Das Interesse der Autorin gilt eindeutig dem gesellschaftlichen Bereich der Unternehmen, der auch in ihrem Buch viel mehr Platz einnimmt als das eher knapp behandelte Subsystem Schule. Insofern ist die im Titel angedeutete Symmetrie “Frauen in Unternehmen, Jungen in der Schule” etwas irreführend, und wer das Buch hauptsächlich liest, um das Erziehungswesen besser zu verstehen, mag enttäuscht sein.

Für die Behandlung der Situation von Frauen in Unternehmen ist aber die Kontrastierung mit der Welt der Erziehung sehr erhellend, weil sie klar macht, dass sich hier ein – im Habermas’schen Sinne – gesellschaftliches Subsystem zeigt mit einer eigenen Logik. Andere Subsysteme mit wieder jeweils anderen Logiken (Familie, Kirche, Politik, Militär) werden am Rande gestreift.

Da alle diese Subsysteme sich fortlaufend weiterentwickeln, und ausserdem aufeinander ausstrahlen, ergibt sich, dass die Bewertung von “typisch” männlichen und weiblichen Verhaltensmustern in diesen Systemen ebenfalls verändert werden kann. Ein interessantes, und meiner beruflichen Erfahrung in einem globalen Unternehmen nahes Nebenthema des Buches ist auch, dass sich diese Systeme und ihre Wertigkeiten in verschiedenen Kulturen durchaus verschieden darstellen.

Ressourcen freisetzen und Spass haben

Vielleicht ist der Einband des Buches ein wenig vollmundig. “Wie Frauen in Unternehmen endlich aufsteigen” (mit Betonung auf “endlich”) – nein, ein weiterer How-to-Guide ist dieses Buch nicht. Stattdessen ist es ein Plädoyer. Frauen (und Männer) sollen aufhören, sich zugunsten von äusserlich aufgedrückten Normen zu verbiegen. Stattdessen sollen sie Interesse und Respekt zeigen vor der Verschiedenheit anderer Menschen, aber auch vor den in ihnen selbst ruhenden Fähigkeiten. Nicht, weil ein Normsystem das von aussen aufzwingt, sondern weil alles dann mehr Spass macht und die eigenen Ressourcen freisetzt.

Damit steht dieses Buch zu Recht in direktem Zusammenhang mit dem, was unter dem Etikett ökolibertär vor dreissig Jahren in einem kleinen Kreis von Menschen diskutiert wurde – auch ich war einer der Teilnehmer – als wir uns überlegten, wie wir politisches Handeln ableiten können nicht aus dem Geist kollektiver Vorschriften und Verbote (damals dem sozialistische Normensystem, das grosse Teile der Grünen beherrschte), sondern als Angebote, anknüpfend an die Interessen der Menschen. Patentrezepte haben uns nie so interessiert wie die Freisetzung einer Dynamik. Gisela Erler ist sich treu geblieben.

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