Tags

, ,

In letzter Zeit ist Griechen-Bashing ja sehr in Mode, und ganz im Stil von BILD wird die neue griechische Regierung verkürzt auf billige Stinkefinger-Symbolik. Bestenfalls wird der ziemlich unprofessionelle, erratische Stil von Zipras und Varoufakis zur Kenntnis genommen, die immer mal wieder versuchen, durch Paradoxien (“Griechenland hat zu viel Geld bekommen”) und Herstellung verwegener Zusammenhänge (Zwangs-Darlehen der Nazis) Verwirrung zu stiften.

Dabei bietet gerade Varoufakis einiges an lesenswertem Material, das die wirtschaftstheoretische Position der griechischen Regierung verständlich machen könnte. Es ist mir schon unheimlich, hier argumentativ Partei zu ergreifen für die Vorstellungen der linksradikalen Syriza Partei, aber ich finde, sie hat eine ernsthafte Behandlung verdient, die ich derzeit komplett vermisse.
Yanis Varoufakis, Der globale MinotaususIm Jahr Seit 2002 entwickelte Varoufakis die Metapher vom “globalen Minotaurus”, die er seither in immer neuen Publikationen weiterentwickelt hat. 2011 veröffentlichte er “The Global Minotaur” (auch auf deutsch erschienen), und am 28. Januar erschien ein kostenloses e-Book, das zwar nicht das vollständige Konzept enthält (und am besten nach dem ursprünglichen Buch gelesen werden sollte), aber auch einige seiner Gedanken erkennbar macht.

So, wie die Athener in der originalen Minotaurus-Legende regelmässige Tribute an König Minos schickten, der damit den Minotaurus fütterte, so schickte die ganze Welt ihr Geld in die USA, die damit gleichzeitig ihr gigantisches Handels- und Leistungsbilanzdefizit finanzierte. So ungefähr. Jedenfalls bis zum Börsencrash 2008, als dieses mehr oder weniger stabile System kollabierte. Seitdem kommt die Welt aus dem kriseln nicht mehr heraus, und zwar – so Varoufakis’ Hauptthese, weil es nur noch Export-Weltmeister gibt (Deutschland, China, …) aber niemanden mehr, der es sich leisten kann, die von diesen Ländern exportierten Güter zu importieren, ohne dabei pleite zu gehen. Die USA waren die einzigen, die das konnten, weil sie die Leitwährung hatten, und beliebig Geld drucken konnten.

Varoufakis’ zentraler Begriff ist GSRM – “global surplus recycling mechanism”. Kurz gesagt: Der Überschuss, der durch die Unterschiede der Leistungsbilanz zwischen den Volkswirtschaften entsteht, muss irgendwie wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden, andernfalls entstehen auf der einen Seite riesige Geldberge, die aber keine Zinsen mehr abwerfen, und auf der anderen Seite Schuldenberge, die nicht mehr bedient werden können. So ungefähr.

Deutschland ist dabei für Varoufakis in der Welt nach 2008 der Haupt-Übeltäter, weil die deutsche exportorientierte Wirtschaft sich in der Zeit des “globalen Minotaurus” darauf eingerichtet hatte, riesige Exportüberschüsse zu erwirtschaften, jetzt für viele Länder der wichtigste Käufer (die USA) fehlt, und deshalb deutsche Exporte ganz Europa strangulieren. Eine ähnliche Rolle spielt übrigens China.

Richtig an der Position von Varoufakis ist nach meiner – laienhaften – Sicht, dass die unreflektierte deutsche Begeisterung an Exportüberschüssen viele Probleme Europas verursacht. Allerdings sind – wie bei den Linken oft – die analytischen Fähigkeiten besser als die Lösungsansätze. Den Deutschen zuzurufen: “Macht halt weniger Exporte”, kann nicht funktionieren. Und die Haltung, “besser ist es, jemand macht ungestraft Schulden”, weil dann die Wirtschaft besser läuft, ist ein kurzsichtiges Konzept aus dem linken Lager zu Lasten künftiger Generationen. Trotzdem bleibt Varoufakis’ Analyse eine Herausforderung, an der sich Leute, die mehr von Wirtschaftspolitik verstehen als ich, ernsthaft abarbeiten sollten.

Advertisements