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Die Zeitungen sind voller Artikel über die Mailänder EXPO – sie loben und kritteln: Ob das altruistische, auf Nachhaltigkeit bedachte Thema der Ausstellung („Nutrire il pianeta, energia per la vita“) ad absurdum geführt wird durch den Protz der Länder-Pavillons, die Fress-Buden, plattes Product Placement von Lindt über Illy, Sygenta bis McDonalds, mafiöse Schiebereien im Vorfeld und daraus folgenden Bau-Verzögerungen. Das ist alles gesagt.

Die Ausstellung ist vielfältig und weitläufig; 145 Länder präsentieren sich entlang der 1½ km langen Zentralachse. Zum notwendigen Selektieren hilft die gut strukturierte Webseite http://www.expo2015.org . Diesen Link habe ich selbst erst kurz vor Verlassen des Geländes entdeckt; entsprechend unvorbereitet und planlos liefen wir durch die Gegend und besuchten mal diesen, mal jenen Pavillon.

Deshalb hier nur ein paar persönliche Notizen.

Die EXPO wurde mit viel Prominenz am 1. Mai eröffnet – wir gehörten nicht zu den Geladenen. Obwohl in Mailand, bekamen wir weder die Eröffnungsfeier noch die Randale in der Innenstadt mit und fuhren am 3. Mai ohne spezielle Erwartungen zur Ausstellung.

Bei aller Grösse und Buntheit wirkte manches unfertig: Einige Pavillons waren noch nicht eröffnet (u.a. der der EU). Auch innerhalb der sehenswerten „Cluster“ (Reis, Kakao, Kaffee, Gewürze u.ä.) traf man auf verschlossene Türen oder leere Räume, wo sich Länder wie Kuba präsentieren sollten. Auch das Personal schien manchmal noch zu üben. Charmant aber eigenartig unprofessionell. Der dritte Tag war für einiges wohl noch zu früh.

Dafür gab es noch Apfelringe.

swissIm Schweizer Pavillon können die Besucher in vier Türmen Kaffeetütchen (Nestlé), Salz, Apfelringe und Wasser mitnehmen, soviel sie wollen, nach dem Motto „S het solangs het“, oder – in Frageform – „Ce n’e per tutti?“. Der Clou ist, dass die Ware während der 6 Monate bis zum Ende der Ausstellung nicht nachgefüllt wird, also jedes entnommene Päckchen für die nachfolgenden Besucher nicht mehr da ist. (Keine Sorge: das Wasser kommt frisch aus der Leitung; es sind die stabilen Souvenir-Plastikbecher, die wegkommen.)

Man kann an der Aktion das eine oder andere aussetzen, aber sie hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen: sie zieht uns in die Story hinein, spielt auf kluge und intensive Art mit unseren Gefühlen – plötzlich betätigen wir uns als Diebe an den nachfolgenden Besuchern.

Konterkariert wird der positive Beitrag dadurch, dass die andere Hälfte des Pavillons mit einer sehr platten Image-Präsentation der Basler chemischen Industrie belegt ist. Wie ernähren wir die Welt? Mit viel Chemie.

Jeder der Länder-Pavillons bietet ein komplett eigenständiges Erlebnis; wir haben nur eine kleine – eher zufällige – Auswahl besichtigt. Interessant war für mich, wie die verschiedenen Beiträge das EXPO-Motto ganz verschieden interpretiert – oder auch komplett ignoriert haben. Der deutsche Pavillon war vollgepackt mit sehr, sehr lehrreichen Ständen mit hoch-intelligenten Interaktionstechniken, wo man alles über Öko lernen konnte: vom Leben des Regenwurms bis zu Wasserschutz, Fruchtfolgen, Getreidesorten, Materialkunde … die Liste ist endlos. Irgendwann entscheidet man sich, an Ständen vorbeizulaufen, nicht mehr hinzuschauen, sich von der Informationsflut abzuschotten, weil man sonst einen vollen Tag allein für diesen Pavillon bräuchte. Und der bleibende Eindruck ist, dass kein Land den Naturschutz so verbissen ernst nimmt wie Deutschland.

Lohnt sich der Besuch der EXPO? Ja. Zwei Tage sollte man dafür einplanen. Auf schönes Wetter hoffen, keine grossen Erwartungen haben an die kulinarische Qualität an den Imbissbuden, sich treiben lassen von der bunten Vielfalt.

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