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Leider konnte ich am 8. Mai nicht in Berlin sein. An diesem Tag las Ljudmila Ulitzkaja im Literarischen Colloquium Berlin aus ihrem neuen Buch “Die Kehrseite des Himmels”. Es gibt bereits einige ausführliche und lesenswerte Rezensionen dazu, unter anderem bei Titel-Thesen-Temperamente (22.02.), in der Berliner Zeitung (15.05.), der Badischen Zeitung (15. 05.) oder der NZZ (09.04.). Das Buch stand im März auf der SPIEGEL Bestsellerliste.

Was genau ist mit “Kehrseite des Himmels” eigentlich gemeint? Die Hölle? Meint Ulitzkaja, Russland sei die Hölle und möchte das nicht so deutlich sagen? Einige Kommentatoren, die das Buch strikt als Oppositions-Literatur inter­pretieren, machen entsprechende Andeutungen. СВЯЩеННЫЙ МУсорAber schauen wir genauer hin. Im Original heisst das Buch “свяще́нный му́сор”. Ich spreche nicht russisch, aber dank Google und Leo lese ich “heiliger Müll”. Ich komme darauf zurück.

Das Buch ist eine Sammlung von 33 Texten (einer davon – die Ausein­andersetzung mit ihrer Krebserkrankung besteht wiederum aus 7 Einzeltexten). Einige sind datiert. Der älteste ist von 1991. Nur einzelne Texte setzen sich mit der Politik Putins direkt auseinander – vor allem eine Rede, die sie 2014 in Salzburg bei der Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur erhalten hat (die eindrucksvolle Rede gibt es online).

Das Buch ist nicht zu trennen von den heutigen Verhältnissen in Russland, die uns westlichen Europäern als “System Putin” entgegentreten: aggressiv nach aussen, repressiv nach innen, weg von Europa. Keine Frage: Ulitzkaja kritisiert dieses System scharf und schonungslos.

Trotzdem ist das Buch – und ist die Autorin – nicht in plattem Sinne “politisch”. Gleich der erste Text gibt Aufschluss über den Titel des Buches: “Heiliger Kram”. Hierin beschreibt Ulitzkaja liebevoll, wie sie über Jahre in einem Karton sammelte, wovon sie sich schwer trennen konnte: Bruchstücke, Nippes, Erinnerungsfetzen. Und wie sie diesen Karton irgendwann auf den Müll schmiss. – “Ich kann offenbar nichts wegwerfen. Das Bewusstsein hält an dem Plunder aus Glas, Metall, Erfahrungen und Gedanken, Wissen und Ahnungen hartnäckig fest. Was dabei wichtig und bedeutend ist und was ein Nebenprodukt der menschlichen Existenz, weiss ich nicht. Zumal der ‘Misthaufen’ mitunter wertvoller ist als die ‘Perle’.”

Ich kann ja verstehen, dass der Hanser-Verlag den Titel “Heiliger Kram” nicht genügend verkaufsfördernd fand und nach etwas anderem Aussschau hielt. Andrej Krasulin, Landschaft, 2003Er wurde fündig in einem Text, in dem Ulitzkaja über ihren Ehemann Andrej Krassulin schreibt. Er ist Maler und Bildhauer. – “Andrejs Arbeiten der letzten Jahre sind monochrome Räume, erfüllt mit einem erregenden, aber nicht in Worte zu fassenden Gehalt, sie sind jener Ort der Betrachtung, des Schweigens und der Stille, nach dem wir uns in der erdrückenden Stadt sehnen, wenn wir atemlos herumhetzen und dabei fast zusammenbrechen. Ich schaue sie mir an und suche nach Worten: Die Kehrseite des Himmels? Das Tor zum Jenseits? Der Tod der Koordinaten? – Ein dummes Unterfangen”.

Immer wieder tauchen in ihren Texten religiöse Motive auf. Mit zwei jüdischen Grossvätern, christlich getauft, freier Geist, tut sie sich mit diesem Thema nicht leicht. “Ich habe einen schlechten Charakter, keine seriöse Kirche würde mich behalten. Vor kurzem ist mir klar geworden, was ich bin: eine Freiwillige im Christentum. Das heisst, sobald mir etwas nicht passt, verziehe ich das Gesicht und gehe. Und dann, wenn ich mich zurücksehne nach dem Kostbaren darin, klopfe ich wieder an und sage: Hier bin ich, ich will die Brosamen unter eurem Tisch aufsammeln.”

Obwohl aus dem Zusammenhang gerissen, charakterisiert “Kehrseite des Himmels” Ulitzkajas Werk nicht schlecht, und ich würde es eher so interpretieren, dass wir die Rückseite des Himmels sehen, weil er sich von uns abgewandt hat und wir unsere Probleme alleine lösen müssen. – “Heilige gibt es genug auf der Welt … doch es gibt zu wenige Gerechte, Menschen, die den Regeln folgen, anständige, barmherzige Menschen, die frei sind von Habsucht und Grausamkeit“.

Ulitzkajas Texte durchströmt grosse Zuneigung zu den konkreten Menschen und Dingen, über die sie schreibt. Und Traurigkeit, wenn sie ihr geschundenes Land beschreibt, für das sie sich mehr als einmal schämt. Aber sie verurteilt selten. Sie verrät in diesem Buch viel über sich selbst, witziges und intimes, wichtiges und unwichtiges. Diese Dinge nicht auseinander zu halten, ist Teil ihrer schriftstellerischen Methode. Auch diese beschreibt sie. – “Die Literatur erforscht mit künstlerischen Mitteln die Verflechtungen zwischen Mensch und Welt.” Die Lektüre Pasternaks hat sie überzeugt, “dass die Welt aus hauchdünnen Fäden gewebt ist, dass jedes lebende Wesen tausend Valenzen hat, die es mit seiner Umwelt und mit anderen Wesen verknüpfen. … Du berührst einen beliebigen Faden, und er führt dich in die Tiefe des Musters, durch Leidenschaft, Schmerz, Leiden und Liebe.

Das ist der Unterschied zwischen grossen Literaten einerseits und politischen oder journalistischen Schreiberlingen wie mir andererseits: Wir verraten die Gegenstände, über die wir schreiben, weil wir zu Ergebnissen kommen wollen. Ulitzkaja sagt ausdrücklich: “Eine Erzählung, ein Roman oder ein Poem liefern nie einen Beweis oder eine Beweiskette für einen Gedanken oder eine Hypothese.

Am Schluss des Textes “Der Mensch und seine Verbindungen” folgert sie: “Der Reichtum eines einzelnen Menschenlebens hängt davon ab, wie viele Fäden dieser Mensch festhalten kann. Die gesamte menschliche Kultur ist nichts anderes als ein gigantisches Geflecht aus Myriaden von Fäden, in dem genau so viele bewahrt werden, wie du selbst festhalten kannst.

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