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“Mal ehrlich, wie faul sind wir denn?”
“Hoffentlich wird es niemals selbstfahrende Autos geben.”
Allenfalls: “Für zum Beispiel Senioren und Gehandicapte ein sinnvolle Idee.”
“Was ist bei Pannen?”
“Auch der Spaßfaktor ‘Auto’ darf nicht vergessen werden. Ein Auto ist eben nicht nur ein Fortbewegungsmittel.”

Soweit einige Facebook-Kommentare zu einen Beitrag zu selbstfahrenden Autos von Dieter Janecek.

Ihr werdet euch alle noch wundern.

Der Siegeszug der selbstfahrenden Autos ist überhaupt nicht aufzuhalten. Sie sind was man eine “disruptive Innovation” nennt: sie werden unser Leben massiv verändern. Und zwar in wenigen Jahren. Es ist überhaupt nicht die Frage, ob das kommen wird, sondern wann, aber vor allem: Wer wird der Erste sein? Der Wettlauf hat begonnen.

Die Mächtigkeit dieser Neuerung liegt darin, dass drei Entwicklungen zusammengeführt werden: 1. die Computersteuerung der einzelnen Fahrzeuge, 2. die Vernetzung der Fahrzeuge untereinander, und 3. die Veränderung der Rechtsform beim Individualverkehr.

Es wird anfangen bei den LKW. Dort gibt es keinen Spassfaktor, sondern nur knallharte Ökonomie. Für algorithmengesteuerte Fahrzeuge ist die Komplexität langer Überlandstrecken auf der Autobahn erheblich leichter beherrschbar, als eine Mischverkehrslandschaft mit unberechenbaren menschlichen Teilnehmern, Kindern, Haustieren… Ausser dass der Risiko- und Kostenfaktor Fahrer entfällt, lassen sich miteinander verbundene Flotten wesentlich leichter navigieren als Einzelfahrzeuge: Wenn ein LKW die nächste Ausfahrt nehmen will, wissen das alle nachfolgenden Fahrzeuge im Voraus, können Tempo und Abstände regeln. Da keine stundenweise zu bezahlende Arbeitskraft mehr beteiligt ist, da Erholungspausen und Schlafzeiten entfallen, macht es wenig aus, wenn die LKW ein wenig langsamer unterwegs sind. Überholmanöver entfallen grösstenteils; Panneninformationen werden ohne Verzögerung (und ohne menschliche Schrecksekunde) an alle nachfolgenden Fahrzeuge weitergegeben, so dass Auffahrunfälle vermieden werden. Das bedeutet auch, dass die Fahrzeuge mit sehr kleinem Abstand hintereinanderfahren und so Energie sparen können.

Wenn ein LKW bremst, bremsen alle nachfolgenden ohne Zeitverzug gleichzeitig und gleich stark. Wenn einer anfährt, fahren alle nachfolgenden gleichzeitig und gleich schnell ebenfalls an. Eine Kolonne von Lastwagen kann sich wie ein fest verbundener Zug vorwärtsbewegen, mit Abständen von Zentimetern.

Möglicherweise wird in der ersten Zeit nur die Überlandstrecke fahrerlos sein; ein Bruchteil der (ansonsten überflüssig gemachten) LKW Fahrer wird die Maschinen vom und bis zum Autobahnzubringer navigieren, und den wirren Stadtverkehr manuell meistern. Diese Übergangszeit wird ein paar Jahre dauern, nicht länger. Danach gibt es keine LKW Fahrer mehr.

Wird sich das durchsetzen? Die technologisch-betriebswirtschaftliche Antwort lautet: Selbstverständlich ja, und zwar flächendeckend, sobald die Steuerungssysteme weniger kosten als menschliche Fahrer, und es ist eine Frage der Zeit, wann das der Fall ist. Ich schätze, fünf Jahre.

Die politische Antwort könnte komplizierter sein. Es gibt viele LKW-Fahrer. Alle werden arbeitslos sein. Vorher werden sie sich wehren. Da kommt was auf uns zu.

Als nächstes sind die Mietwagen dran. Konventionelle Mietwagen (mit Ausnahme einer kleinen Nische von Porsche- und Maserati-begeisterten Lenkradkurblern) werden komplett ersetzt. Für dieses Geschäftsmodell wird sich relativ wenig ändern, ausser dass man das Auto nicht irgendwo abholen und wieder abliefern muss, sondern das Auto den Kunden abholt, und man einfach am Zielort aussteigt. Also viel bequemer. Schon deshalb werden konventionelle Mietwagenfirmen in kürzester Zeit vom Markt verschwinden.

Dann die Taxis. Innerhalb von ein, zwei Jahren nach Einführung der selbstfahrenden Autos wird der Beruf des Taxifahrers verschwinden. Etwas später die schlecht getakteten Nahverkehrs-Busse. Auch diese Umwälzung wird nicht ohne politischen Streit über die Bühne gehen. Am Ende gibt es keine Taxifahrer mehr, und nur weniger Busfahrer.

Schliesslich der individuelle Personenverkehr. Lassen wir die kleine Nische der Spassfahrer mit ihren Lamborghinis, Maseratis und Opel Mantas mal kurz beiseite. Es ist keine Frage, dass erstens ein bedeutendes Segment der Mobilitätsnachfrage einen sofortigen und erheblichen Nutzen von den neuen Fahrzeugen haben wird (die bereits erwähnten Senioren, Gehandicapten, oder anderen Nicht-Autofahrer), dass zweitens selbstfahrende Fahrzeuge schnell zum Normalfall (die manuell gesteuerten Autos zur Ausnahme) werden, damit drittens die Verkehrsregeln schrittweise diesem Normalfall angepasst werden, viertens es sich herausstellen wird, dass manuell gesteuerte Fahrzeuge (der oben erwähnten Spassfahrer) deutlich höheres Unfallrisiko tragen, also die Versicherungsprämien für manuell gesteuerte Fahrzeuge steigen, und fünftens über kurz oder lang festgestellt wird, dass es für alle von Nutzen wäre, wenn manuelle Fahrzeugsteuerung nur noch auf abgegrenzten Maserati-Vergnügungsparks erlaubt würde.

An dieser Stelle ist von der Rechtsform zu reden. Was passiert bei Unfällen?

Die Haftungsfrage erzwingt mehr oder weniger, dass die selbstfahrenden Autos nicht den individuellen Fahrern gehören, sondern – ähnlich wie bei Mietwagen heute – Unternehmen mit grösseren Flotten, die vollkaskoversichert sind (mit möglicherweise kleinem Aufpreis wegen “fahrerlos”). Diese Unternehmen werden alle Haftungsrisiken übernehmen, was schon deshalb kein Problem ist, weil die Unfallhäufigkeit erheblich sinken wird.

Dadurch wird sich das Prinzip des car-sharing generell durchsetzen, das schon heute wohlerprobt ist, aber darunter leidet, dass Menschen, die ein Auto besitzen, auch geneigt sind, es zu bewegen. Wie von Dieter Janecek zitiert, werden heute PKWs im Durchschnitt 23 Minuten am Tag tatsächlich gefahren. Selbstfahrende Autos – im Besitz von Verleihfirmen – fahren immer.

Im Zuge dieser Veränderungen wird deshalb die Automobilproduktion auf 10% der heutigen Stückzahlen sinken. Der “stehende Verkehr” wird komplett verschwinden. Niemand braucht noch herumstehende Autos. Parkplätze werden der Geschichte angehören – die wenigen Stellplätze für die Flotte der selbstfahrenden Autos, die noch gebraucht werden, können in Aussenbezirken liegen – die Autos finden selbst dorthin.

Das wird das Strassenbild der Innenstädte radikal ändern: keine Parkplätze mehr, keine Ampeln (die selbstfahrenden Autos handeln die Vorfahrt in Sekundenbruchteilen untereinander aus). Weniger Fahrspuren (wie gesagt, können die selbstfahrenden Autos dicht an dicht fahren). Mehr Platz für Stadtbegrünung oder wahlweise engere Bebauung.

Garagen (einschliesslich Tiefgaragen) und Parkhäuser können umgewidmet oder abgerissen werden.

Das ultimative Szenario

Ich möchte zur Arbeit, in die Stadt, zu Freunden, zum Einkaufen fahren. Auf meinem Smartphone fordere ich mit meiner AutoApp von meinem bevorzugten Anbieter ein Fahrzeug an und gebe Abfahrtzeit, Zielort und Besonderheiten ein (Anzahl Mitfahrende, grosses Gepäck, usw.). Die App liefert sofort eine Angabe, wann das für meine Fahrt optimale Fahrzeug vor meiner Tür stehen wird.
Wenn das Auto da ist, steige ich auf den Rücksitz, bestätige in meiner App die Abfahrt, was zur Abbuchung des Fahrpreises von meinem Konto führt. Dann muss ich nur noch am Ziel aussteigen.

Nicht ohne Preis

Natürlich wird das alles nicht umsonst zu haben sein. Hier einige der Probleme.

Systemausfälle. Das ist wahrscheinlich das grösste Risiko, allerdings nicht grundlegend verschieden von vergleichbar komplexen Systemen wie Flugverkehr, Bahnverkehr, Börsen usw. Da die selbstfahrenden Autos eine Kombination von lokaler Intelligenz in den einzelnen Fahrzeugen, und Netzwerk-Intelligenz in den steuernden Kommunikationssystemen besitzen, sind hier keine besonderen Schwierigkeiten zu erwarten. Kriminelle Hacker sind ein Problem, aber kein grösseres als in den genannten anderen Bereichen.

Überwachung. Natürlich gibt diese Entwicklung nochmal einen Schub in weitergehende Überwachung aller räumlichen Bewegungen der Verkehrsteilnehmer. Dies ist ein reales Problem, das aber auch ohne selbstfahrende Autos besteht.

Soziale Verwerfungen. Im Prinzip sind alle Menschen betroffen, deren berufliche Kernkompetenz darin besteht, Autofahren zu können. Diese Fähigkeit wird wertlos. Dies wird ein politisches Schlachtfeld werden und kann die Einführung der selbstfahrenden Autos um Jahre verzögern. Aufhalten wird es sie nicht. Immer wieder sind Berufsgruppen der Innovation zum Opfer gefallen und verschwunden. Auch diesmal werden unsere Gesellschaften damit klar kommen, wobei kluge Unterstützung der Betroffenen eine wichtige Aufgabe ist.

Wirtschaftliche Verwerfungen. Einige Branchen stehen vor schweren Zeiten. Am interessantesten ist die Automobilindustrie. Reduktion der Stückzahlen auf 10% ist zunächst eine Katastrophe. Wenn man aber den Horizont erweitert, und auf Länder wie China, Indien schaut, wo es immer noch riesigen Nachholbedarf an Mobilität, bei gleichzeitiger Abwesenheit von geschulten Autofahrern gibt, bestehen hier auch für die Autoindustrie erhebliche Chancen.

Insgesamt steht die individuelle Mobilität vor einer Zäsur, die vergleichbar ist der Ablösung der Pferdefuhrwerke. Damals kam der Begriff “Automobil” auf – als eines Fahrzeugs, das nicht von Pferden gezogen wurde. Die Pferdekutscher sind längst verschwunden; Pferde wurden von einem Produktivitätsmittel zu einem Hobby-Thema. Und nun kommt das Automobil wirklich zu sich. Es fährt selbst.

PS. Ein Schweizer Beitrag vom Mai 2015: Swisscom Projekt

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