Vor wenigen Tagen ist im Econ Verlag Boris Reitschusters neues Buch über das System Putin erschienen: Putins Verdeckter Krieg.

Reitschusters These: Ohne Verständnis dessen, was heute in Russland abgeht, begreift man Vieles nicht, was direkt um uns herum in Europa geschieht. Hier was ich aus seinem Buch herausgelesen habe: Die heutigen Machtstrukturen in Russland sind so etwas wie nukleare Zerfallsprodukte der alten Sowjetunion: die (ideologische) Chemie ist eine ganz andere, aber die radioaktive Verseuchung bleibt. Konkreter: Putins Herrschaft ist die Synthese von KGB (ohne den sozialistischen Überbau) und russischer Mafia. Wobei dieses Geheimdienst-Mafia-Amalgam nicht, wie etwa die italienische Mafia, mit den regulären Wirtschafts- und Machtstrukturen in Konkurrenz steht (und mehr oder weniger erfolgreich versucht, in diese einzudringen und sie sich zu Nutze zu machen), sondern – durch die chaotische Phase der Auflösung der Sowjetunion – es geschafft hat, Wirtschaft und Staat komplett zu übernehmen.

Diese Konstellation ist etwas historisch Neues, und ein so konstituiertes Staatswesen verhält sich anders als bekannte Muster. Nicht-ideologisch, flexibel, unberechenbar, verschlagen, zynisch, aggressiv, und … mörderisch.

Das wird von Reitschuster akribisch belegt. Starker Tobak, und wenn man alle Implikationen bedenkt, für den Autor durchaus nicht ohne Risiko. Die Mafia scherzt nicht, wenn man sie beim Namen nennt.

Ich halte Reitschusters Analyse im Wesentlichen für zutreffend. Deshalb ist sein Buch eine Pflichtlektüre – nicht nur für Leute, die Interesse an Russland haben, sondern darüber hinaus für alle, die die Situation in Europa heute begreifen müssen, denn das System Putin strahlt aus.

Natürlich wusste ich bereits vieles, was Reitschuster in dem Buch ausbreitet. Etwa, dass Putin aus dem sowjetischen Geheimdienst stammt, der nach dem Wegfall seiner kommunistischen Auftraggeber ein Eigenleben entwickelt hat. Was mir in dieser Form nicht klar war, ist Putins direkte Verstrickung in die russische Mafia. Insofern ist der Begriff Kleptokratie für dieses System eher zu harmlos, und man müsste – unter Lateinern – von einer Praedokratie, der Herrschaft von Räubern, sprechen.

Nochmal: das Buch ist wichtig zum Verständnis der politischen Situation in Europa und sollte weite Verbreitung finden. Kaufen! Lesen!

Das hindert mich nicht an einigen kritischen Anmerkungen.

1. Reitschuster lässt kein gutes Haar an Putin. Nicht ein einziges. Das ist ermüdend, und es erweckt den Eindruck von Voreingenommenheit. Denn es gibt Aspekte an Putins Handeln, die sind vernünftig. Im Fall Edward Snowden etwa bin ich der Meinung – egal was Putins finstre Motive sein mögen – so ist es doch gut, dass nicht alle nach der selben Pfeife (der NSA) tanzen. Auch das Argument, möglicherweise kämen nach Putins Tod noch Schlimmere an die Macht, sollte nicht einfach beiseite gewischt werden. Wenn das russische nukleare Arsenal einst in Händen eines Schirinowski, eines Kadyrow, eines Dugin oder anderer Schattengestalten liegt, wünscht man sich Putin mit seiner zynischen Rationalität vielleicht zurück. ¨Schlimmer kann es nicht werden¨ war schon immer ein schlechter Ratgeber.

2. Putin hat dank seiner nachrichtendienstlichen Fähigkeiten ein vielschichtiges internationales System von Abhängigkeiten und Loyalitäten gestrickt, in dem er Strippen ziehen kann und dies auch tut. Dies zu erkennen und im Einzelfall abzuwehren tut zweifellos not. Einem breiten Publikum wurde ¨unsere Lisa¨ bekannt, als ein offenbar eingespieltes Netz von Russlanddeutschen, Pegida, NPD und fleissigen Bloggern in Windeseile ein Gebräu an Pseudo-Informationen zusammenbraute, Demonstrationen organisierte, und der russische Aussenminister Lawrow sich nicht zu schade war, die Sache offiziell aufzugreifen. Der Schuss scheint diesmal – weil zu offensichtlich – nach hinten losgegangen zu sein.
Wenn man Reitschuster folgt, war das nur eine winzige Spitze des Eisbergs. Und er zählt minutiös und über viele Seiten, mit vielen Namen, Verbindungen auf, die von Putin bespielt werden. Bei all den bekannten und unbekannten Namen, die hier auftauchen, macht diese Liste ganz nervös. Reitschuster versucht, nichts auszulassen, und gerade deshalb begibt er sich auf Gelände, wo ehr Vermutungen als feste Informationen vorliegen, und ich glaube, dass er die Stärke seines Arguments dadurch schwächt. Zu viele ¨auffallend ist …¨, ¨kann es Zufall sein …¨ gefolgt von Koinzidenzien. Hier wäre weniger vielleicht mehr.

3. Wenn man einer generalstabsmässig angelegten geheimdienstlichen Operation wie Putins Einflussversuchen nachforscht, kann es passieren, dass man selbst der Paranoia anheimfällt. Das ist ein schwieriges Thema, weil der Paranoia-Vorwurf umgekehrt wieder dazu verwendet werden kann, die Versuche der Aufklärung zu diskreditieren. Was mich allerdings nicht überzeugt an Reitschusters Buch, ist, dass er bei all den Verbindungen, die er aufzeigt, Putin immer in der Rolle des Aktiven, des Verführers zeigt. Aber es gehören immer zwei dazu. Hier beginnen meine unbeantworteten Fragen: Was macht Putin so attraktiv bei Menschen meiner Umgebung, von denen ich weiss, dass sie kein Geld von Putin bekommen, nicht plump antiamerikanisch sind, dass sie nicht erpresst, verführt, mit Honigfallen herumgekriegt wurden? Nicht bei allen ist das so einfach wie bei Gerard Depardieu und Gerhard Schröder, die sich zu Deppen machen liessen, weil Raffgier und Ego sie in die Irre führten.
4. Und dann beibt noch die Frage: Wenn das alles so ist, wie Reitschuster beschreibt, was folgt daraus? Gestürzt werden kann das System Putin nur vom russischen Volk. Das wird noch dauern. Und bis dahin? Ist denn ein Satz wie beispielsweise: ¨Frieden in Syrien kann es nur mit Einbindung Russlands geben¨ dadurch falsch? Oder nur viel schwieriger?

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