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Am 21. Mai stimmt die Schweiz über das Energiegesetz (a.k.a. Energiestrategie 2050) ab. Die Frontstellung scheint zunächst vorhersehbar: Klima-Leugner und SVP sind sowieso dagegen, die Grünen und Grünliberalen dafür. Allerdings gibt es diesmal (im Gegensatz zur Atomausstiegs-Initiative im November) einige Besonderheiten: die Bürgerlichen und die Wirtschaft, aber auch manche Umweltschützer tun sich überraschend schwer, sich zu positionieren, und viele Organisationen und Parteien sind regelrecht zerstritten. Schön beschreibt das ein Artikel auf Watson. Beispielsweise spricht sich Pro Natura für das Gesetz aus, während etwa Antoinette de Weck, FDP Grossrätin und ehem. Geschäftsführerin Pro Natura Fribourg prominent als Unterstützerin eines Umweltkomitees gegen das Energiegesetz auftritt. Mit dabei sind auch einige “Ehemalige” vom Bundesamt für Umwelt BAFU, der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz und so weiter.

Diesen Aspekt finde ich besonders interessant: Warum sind Umwelt- und Naturschützer gegen ein Gesetz, das den Energieverbrauch senken, Energieeffizienz erhöhen, erneuerbare Energien fördern und den Bau neuer Atomkraftwerke ausschliessen soll?

Wenn man sich auf der Internet-Seite des Komitees umsieht, findet man die folgenden Argumente – hauptsächlich geht es um die Windräder:

Vögel schreddern – “Bis zu 100‘000 Vögel jährlich würden von Windturbinen erschlagen.”

Gegen Windräder wird dieses Argument immer wieder gern vorgebracht und mit Bildern verendeter Vögel illustriert. Wer sich für das Thema interessiert, kann bei Wikipedia nachschlagen, wo auch eine US-Studie aus dem Jahr 2012 zitiert wird. Ähnliche Zahlen präsentiert auch der deutsche BUND in einer ausführlichen Abschätzung der Ursachen für den Rückgang vieler Vogelarten.
Die Gefahr, dass ein Vogel von einer streunenden Hauskatze gefressen wird, an einer Glasscheibe zerschellt, dem Auto- oder Bahnverkehr, Hoch­leitungen oder Pestiziden zum Opfer fällt sind alle um ein vielfaches (zum Teil tausendfach) höher und sind echte Bedrohungen des Vogelbestands. Windräder sind es nicht, auch wenn einige Greifvögel tatsächlich den schnellen Dreharmen spektakulär zum Opfer fallen.

Schlussfolgerung: Ja, es gibt ein Windrad-Problem für Vögel, aber dieses Problem wird grotesk aufgebauscht, um Emotionen gegen Windräder zu schüren.

Gesundheit gefährden – Die Gesundheit der Anwohner wird bedroht: “1000 Anlagen beschallen eine Fläche des Kantons NE mit Lärm und Vibrationen (Fachbegriff: Infraschall). Die Folgen: Schlafstörungen, Depressionen, Herz-Kreislauf-Probleme u. a.”

Nun ist es mit dem Infraschall ähnlich wie mit der Elektrosensibilität: Je mehr jemand dran glaubt, desto mehr Wirkungen treten auf (schön beschrieben, anhand einer Studie von der University of Auckland, im Spiegel Online und auf Heise online, wo es heisst: “Eine in den Niederlanden durchgeführte Studie gibt möglicherweise Hinweise für effektive Maßnahmen gegen das “Wind Turbine Syndrome”. Personen, die eine negative Einstellung gegenüber dem optischen Erscheinungsbild der Windkraftanlagen hegen, klagen deutlich häufiger über Belästigungen durch Windkraftanlagen. Weiterhin sinken die berichteten Belastungen ganz erheblich, wenn die Betroffenen finanzielle Vorteile durch den Bau der Windkraftanlagen erhalten – etwa durch reduzierte Stromtarife für lokal vermarkteten Strom oder durch eine direkte finanzielle Beteiligung.”)

Schlussfolgerung: Auch das Infraschall-Argument dient faktenfrei dazu, Emotionen gegen Windräder zu schüren. Dabei böte den besten Schutz gegen die Symptome des “Wind Turbine Syndrome (WTS)” eins: Weniger Panikmache.

Landschaft verschandeln – “Schweizweit würden 1000 riesige und lärmige Türme aus dem Boden schiessen. Grösser als die Fernsehtürme vom Üetliberg, Beromünster und Bantiger. Die Rotoren sind bis 140m breit. Windkraftwerke können bis 300m nah an Häuser gebaut werden.”

Dies ist das Herz der Argumentation. Windräder ziehen heftige negative Emotionen auf sich. Neben den an den Haaren herbeigezogenen Emotions-Schürern (Vogel Schreddern, Infraschall) spielt die ästhetische Wahrnehmung die zentrale Rolle. Nun ist es jedem unbenommen, lieber neben einem Atomkraftwerk zu leben (auch deren Kühltürme haben eine gewisse harmonische Ästhetik), aber es verschliesst sich mir, wie Menschen, die bereit sind, noch um den Erhalt jeder alten Windmühle zu kämpfen, so erbittert gegen moderne Windräder streiten. Aber das muss ich wohl kopfschüttelnd akzeptieren.

Gegenüber der leidenschaftlichen Ablehnung der Windräder verblassen die anderen Argumente der Naturschützer: “Die Schweiz würde auslandsabhängig und klimaschädlichen Strom beziehen.” – Wo ja bekanntlich Uran und Erdöl in der Schweiz in heimisch-bodenständigem Handwerk hergestellt werden, muss man dieses Argument wirklich nicht ernst nehmen.

Was an der Argumentation dieser Naturschützer insgesamt auffällt, ist, dass sie sich zu den Zielen der Abstimmungsvorlage (Energieverbrauch senken, Energieeffizienz erhöhen, erneuerbare Energien fördern, Atomausstieg (leider ohne Frist)) und den Wegen, wie dies alles zu erreichen sei, überhaupt nicht äussern, selbst wenn sie der Überzeugung Ausdruck geben, “dass ein Atomausstieg mit konstruktiven Lösungen möglich ist, ohne unsere Landschaft, Natur und Gesundheit zu opfern”. Wie, verraten sie uns nicht.

Der Kampf gegen Windmühlen hat für Don Quijote höchste Priorität, alles andere ist dem untergeordnet.

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