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In meinem letzten Beitrag zu diesem Blog habe ich vorgeschlagen, eine neue Plattform für eine europäische Innenpolitik zu bauen (inzwischen gibt es so etwas wie einen Prototypen hier).

Inzwischen habe ich zu dem Projekt eine interessante Rückfrage bekommen, auf die ich hier gerne eingehe.

“Danke für die Zusendung des spannenden Projekts! Ich habe die Unterlagen gelesen und wurde stark an voxeurop.eu erinnert (sowie natürlich Le Courrier International). Verstehe ich es richtig, dass der Unterschied zu dieser Plattform darin besteht, dass die Inhalte nicht von JournalistInnen geschrieben werden sollen? Wer sind auf deiner Plattform die AutorInnen, und aus welchen Gründen würden sie aktiv mitschreiben?”

Hier ein paar Punkte dazu:

  1. Wie schon Blogger Rezo in Einleitung zu seinem berühmten Zerstörungsvideo bemerkt hat, redet er nicht über EU-Politik, “…weil EU Politik fucking langweilig ist”. Wir bauen keine Plattform für EU Politik.
  2.  

  3. Es geht um eine neue Kategorie: eine Innenpolitik, die auf europäischer Ebene stattfindet und debattiert wird, weil sie die Menschen länderübergreifend betrifft. Beispiele:
    • Was sagen die politischen Akteure in Deutschland und der Schweiz zu der Tatsache, dass es seit Jahren, trotz klarer Staatsverträge keine vernünftige Bahnverbindung Zürich-Stuttgart gibt? Kann man da gemeinsam was machen?
    • Wie stehen NEOS, österrreichische Grüne, Liste Pilz und andere zu der Vignettenfrage, die zwischen Bayern und Österreich ausgefochten wird?
    • Wie stehen die liberalen Kräfte in der Slowakei zur Politik der Visegrad Staaten, und sehen sie sich als Teil dieser Gruppe?

    Das sind ein nur paar Beispiele, bei denen die Zivilgesellschaften verschiedener Länder miteinander ins Gespräch gebracht werden sollten. Es wäre interessant, die Liste zu erweitern.

  4. Die Struktur aller politischen Debatten verläuft heute entlang der (national unterschiedlichen) Parteienlandschaften und daher jeweils unterschiedlich (und nationalborniert).
    Beispiel:

    • Das Verhalten der deutschen SPD Europaparlamentarier zur Wahl von Ursula von der Leyen, von der man halten kann, was man will, das aber SPD-seitig ganz und gar von der deutschen innenpolitischen Perspektive beherrscht wurde.


    Die hier verlinkte interaktive Graphik der NYT zeigt, wie unterschiedlich die Parteienlandschaften der verschiedenen Länder sind (auch wenn man die Einordnung der einen oder anderen Partei anders sieht).

  5. Niemand vermisst eine weitere Verlautbarungs- (oder unidirektionale Informations-Verbreitungs) Plattform, vor allem nicht aus Brüssel. Schwerpunkt der hier vorgeschlagenen Plattform ist, Menschen sprach- und länderübergreifend ins Gespräch miteinander zu bringen über scheinbar eigene landesspezifische, in Wahrheit europäische innenpoltische Themen.
  6. Warum nicht einfach Facebook oder Twitter für den Zweck nutzen? Immerhin sind dort die grossen Zahlen.
    Das grösste Problem bei FB & Co. ist, dass es keinerlei Qualitätsmanagement gibt, stattdessen Algorithmen, die darauf zielen, rationalen Diskurs zu zerstören (der aufgeregteste Post gewinnt immer). Aus den Möglichkeiten und Problemen der Social Media sollten wir lernen; Qualität und Durchschaubarkeit in den Diskurs bringen.
  7. Das Beispiel voxeurop ist tatsächlich sehr interessant und führt weiter. Mehr dazu unten. Zunächst einmal ein Überblick über europaweite Informationsressourcen (was ich halt so gefunden habe; gerne erweiterbar).
Name Sprachen Beschreibung Alexa Rank
euronews.com 12 Sprachen Europe’s number one news channel 2’053
politico.eu en Ableger eines US Magazins 15’561
eurotopics de, en, fr, tr, ru Pressespiegel; Bundeszentrale für politische Bildung (D); 5.331 FB likes 236’699
eurozine en, de Europe’s leading cultural magazines at your fingertips 18.497 FB likes 288’083
the european de, en “das Debatten-Magazin“, hauptsächlich Deutschland-zentriert; 21.844 FB likes 314’768
debating europe en, de Vermittelt Diskussionen mit EU-Funktionären 227.568 FB likes 356’361
vox europ cs, de, en, es, fr, it, nl, pl, pt, ro Nachfolgeprojekt von Presseurop.eu (mehr dazu s.u.) 48.895 FB likes 591’060
ipg-journal en, de, ru Internationale Politik und Gesellschaft (Ebert Stiftung) 9.794 FB likes 719’033
green european journal 21 Sprachen Hg. Grüne Europafraktion; Artikel jeweils in wenigen Sprachen 4.332 FB likes 1’114’669
european data journalism network en, de, fr, it, es, pt, pl, hr Funded by European Commission; 28 members (u.a. SPON, DW), hat Seite auf medium.com 1’122’135
netzwerk-ebd de Europäische Bewegung Deutschland – Netzwerk aus 249 Mitgliedsorganisationen 5.285 FB likes 1,206,371
  1. Voxeurop ist ein Nachfolgeprojekt von presseurop.eu, das von 2009 bis 2013 von der Europäischen Kommission gesponsort wurde. Sehr lehrreich: der Abschlussbericht zu presseurop von Deloitte im Jahr 2012. Dieser Bericht ist eine Pflichtlektüre für Leute, die sowas wie ich machen wollen. Ganz grob hier meine Argumente, warum ich meine, das von mir vorgeschlagene Projekt sei anders.
    • Zielgruppe soll nicht die “politische Klasse in Brüssel” sein (für die würden die Sprachen en, fr, de ausreichen, wie im Deloitte-Bericht ausgeführt), sondern politisch (nicht im engen Sinn europapolitisch) interessierte Menschen, die entdecken, dass ihre Anliegen über die Nationalgrenzen hinaus reichen.
    • Es geht nicht primär darum, den Presseorganen, die ihre eigenen Verbreitungskanäle haben, einen weiteren hinzuzufügen (das kann ein Nebeneffekt sein), sondern Menschen in Austausch miteinander zu bringen, und zwar auf bessere Weise, als dies heute über FB % Co. geschieht.
  2. Es bleibt die entscheidende Frage: Wer hat ein Interesse an einer solchen Plattform, und wer würde sich (unentgeltlich) beteiligen?
    Als Nutzer sehe ich weniger die politischen Partei-“Familien” im Europaparlament (obwohl auch dort grosser Bedarf nach transnationaler Debatte besteht), als transnationale Basisbewegungen: Fridays for Future, Pulse of Europe u.a.
    Dass “die Inhalte nicht von JournalistInnen geschrieben werden sollen” ist teilweise richtig. Das Format würde journalistische Inhalte einbeziehen und auf diese verweisen, aber als Herzstück eine eigene transnationale (und mehrsprachige) Debatten- und Kommentierfunktion bieten. Viele meiner FB-Kontakte posten fleissig Links zu Beiträgen, die sie für interessant halten, und sie tun dies ganz unentgeltlich. Diese Diskussion jenseits der nationalen Dunstglocke führen zu können, ist für sie vielleicht attraktiv.