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Rechtzeitig zum Jahrestag des Mauerfalls hat Ilko-Sascha Kowalczuk das Buch dazu geschrieben: Die Übernahme. Ich konnte das Buch nicht mehr weglegen. Zu viel hat es in mir wachgerufen.

Zunächst zum Buch selbst: Kowalczuk beschreibt im Detail die Abläufe vor, aber auch nach dem Fall der Mauer. Er bezieht die Perspektive der Beteiligten und auch der Betroffenen ein, bemüht sich aber um die Distanz des wissenschatlichen Betrachters, versucht also nicht, uns (grauenvolles Wort) ein “Narrativ” zu präsentieren.

Das Buch ist sehr gut geschrieben. In seinen ersten Kapiteln folgt es den atemraubenden, sich immer wieder überschlagenden Entwicklungen jener Tage; im zweiten Teil stellt er die Widersprüchlichkeit und die langfristigen Auswirkungen der Geschehnisse von 1989ff. dar, die bis heute nachwirken.

Interessant, und heute weitgehend ausgeblendet, ist seiner Darstellung der Rolle der westdeutschen Grünen in diesen Tagen. Über den Wahlkampf zur ersten (und einzigen) freien demokratischen Wahl zur DDR Volkskammer schreibt er: “Die Bürgerrechtsgruppen verfügten nicht über belastbare, flächendeckende Arbeitsstrukturen, über keine nennenswerten Finanzmittel und hatten mit den «Grünen» auch noch die einzige bundesdeutsche Partei im Rücken, die ihnen eher in diesen fiel, als ihn zu stärken. Zwar unterstützten einzelne Politikerinnen und Politiker der «Grünen» die ostdeutschen Oppositionellen, insgesamt jedoch überwog Desinteresse an der DDR und Ablehnung der deutschen Einheit.”

Ich selbst – so zumindest mein Anspruch – zählte mich damals zu den “einzelnen Politikern” – und war tief frustriert.

Erstens waren die Grünen damals in grossen Teilen eine “linke” Angelegenheit. Zumindest die antikapitalistisch eingestellte Linke sah auf alles, was sich in Osteuropa als Opposition regte, mit grösstem Misstrauen. Waren das nicht eigentlich Anti-Sozialisten? Selbst Solidarność war vor diesem Argwohn nicht gefeit. Eine wichtige Ausnahme war damals Petra Kelly, die kompromisslos Partei ergriff für die Oppositionsbewegungen – überall.

Zweitens war die “nationale Frage” für die Grünen einfach nur igitt. Small is beautiful, kleine Einheiten, aber bloss nicht “Deutschland” (das “Sommermärchen” war Jahre später). Und plötzlich setzten die Menschen in der DDR die nationale Frage auf die vorderste Stelle der Tagesordnung. Die meisten Grünen konnten da nur die Nase rümpfen.

Drittens hatten sich die Grünen nach Jahren zähen Ringens gerade ein schönes Plätzchen im politischen Garten der Bundesrepublik erobert, die Umfragewerte stiegen, Umweltschutz kletterte auf der Liste der wahlrelevanten Themen, da kam die Umwälzung in der DDR und pflügte mit Brachialgewalt den ganzen Bonner Garten um. Ökologische Themen interessierten niemanden mehr. Alle Prioritäten waren komplett neu sortiert, und den Arbeitsfeldern der Grünen der Boden entzogen.

Viertens erwiesen sich die wenigen Leute in der DDR, auf die sich die Grünen beziehen konnten – Rudolf Bahro, die Bündnis-90 Gruppe und andere – als genauso von der Realität der zusammenbrechenden DDR isoliert wie die Grünen selbst. Wohl vor allem deshalb, weil sie sich Illusionen über eine Reformierbarkeit der DDR machten.

Und fünftens verschoben sich die Dinge so schnell, dass man mit dem Schreiben von Positionspapieren einfach nicht mehr nach kam. Was man heute aufschrieb sah morgen schon komplett antiquiert und irrelevant aus, kurz: dämlich.

Mit anderen zusammen habe ich damals versucht, gegen die Verhältnisse anzugehen, und ich muss sagen: wir sind vollkommen gescheitert. Ein Beleg mag sein ein Positionspapier Skizze für eine Position der GRÜNEN zur deutschen Vereinigung, das unsere Gruppe der “Ökolibertären” wenige Tage vor der Volkskammerwahl verabschiedete, das aber weder irgendeine Auswirkung auf den Gang der Dinge hatte, noch bei heutigem Lesen mehr als Stirnrunzeln hervorrufen kann (wollten wir doch tatsächlich, dass die Bundesrepublik aus der NATO austritt und die EU sich aus Osteuropa heraushält).

deutschlandwetterJa, zur ersten gemeinsamen Bundestagswahl versuchten die Grünen, durch den Zusammenschluss mit Bündnis 90 die Fehler der ersten Phase des Umbruchs zu korrigieren, aber nicht wirklich: gerade die Positionen von Bündnis 90 waren, wie gesagt, damals die am wenigsten mehrheitsfähigen in der verschwindenden DDR. Kohl war da viel näher “bei de Leut”. (Und links ein original Wahlplakat der Partei “Die Grünen” zur gemeinsamen Bundestagswahl 1990. Das Resultat ist bekannt.)

Jedenfalls merkte ich, dass die westdeutschen Gewissheiten, mit denen ich grossgeworden war und die auch meine politischen Positionen geformt hatten, plötzlich nicht mehr mit den Anforderungen verantwortlichen politischen Handelns in Übereinstimmung zu bringen waren.

Ja, das alles ist jetzt beim Lesen von Kowalczuks ausgezeichnetem Buch wieder hochgestiegen.