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Ansichten aus Zürich

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Ansichten aus Zürich

Kategorien-Archiv: deutsch

Die Grenze zwischen Freiheit und Herabsetzung

16 Freitag Jan 2015

Posted by hajovonkracht in deutsch

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Schlagwörter

charlie hebdo, karikatur, mohamed

Viel wurde diskutiert über die Frage, ob nach den Mordanschlägen von Paris Karikaturen von und über Muslime, den Propheten Mohammed und religiöse Themen überhaupt in Ordnung sind.

Was spricht denn dagegen?

Es hilft, zu unterscheiden zwischen zwei Grundproblemen.

1. Das Bilderverbot.

Es gibt im Islam ein Bilderverbot (gut beschrieben in Wikipedia), das sich nicht auf den Koran sondern auf spätere Traditionsliteratur beruft. Bis ins 8. Jahrhundert gab es kein solches Bilderverbot. Viele mulimische Autoritäten sind aber Verfechter dieses Verbots.

Dieses Bilderverbot ist ein religiöses Gebot, vergleichbar der Beschneidung von Knaben (im Islam und im Judentum), der Schächtung, religiös vorgeschriebener Nahrung (koscher, Halal), Zölibat (für katholische Priester), usw. Solche religiösen Gebote binden jeweils nur die gläubigen Anhänger der entsprechenden Religion. Sie sind weder zivilrechtlich noch strafrechtlich relevant. Ein Priester, der heiratet, kann kirchenrechtlich belangt werden, aber weder vor einem Zivil- noch einem Strafgericht ist das ein Thema. Jedenfalls dort, wo sich der Staat nicht als „Gottesstaat“ definiert.

Wenn nun eine Religionsgemeinschaft ihre religiösen Gebote Menschen ausserhalb ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft aufzwingen will, dann ist das ein Übergriff, der von freiheitlichen Gesellschaften zurückzuweisen ist. Sowenig Nicht-Muslime gezwungen werden dürfen, den Ramadan einzuhalten, Nicht-Christen genötigt werden dürfen, Weihnachten zu feiern. Wenn sich muslimische Eiferer beleidigt fühlen, weil Nicht-Muslime eben nicht Muslime sind und nicht nach ihren Geboten leben, dann ist das ihr Problem. In der multikulturellen Welt von heute (und morgen) ist dafür kein Platz. Die freiheitlichen Gesellschaften dürfen solchem Ansinnen nicht nachgeben. Mohammed-Karikaturen sind erlaubt!

2. Herabsetzung und Verächtlichmachung

stuermer Satire darf nicht alles! Wenn mit Karikaturen Hass zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher politischer, sexueller Angehörigkeit oder Ausrichtung geschürt wird, dann handelt es sich um strafrechtlich relevante Volksverhetzung. Wir hatten das in Deutschland.

Es ist legitim, Strafanzeige zu erstatten, wenn der Verdacht besteht, dass eine entsprechende Zeichnung (oder ein Artikel) Volksverhetzung ist. Das ist gerichtlich zu klären und nicht immer eine so klare Sache wie im hier gezeigten Fall.

In Europa sind wir da sicher toleranter als in anderen Teilen der Welt, und solche Grenzen verschieben sich auch. Insbesondere erlauben wir der Satire sehr weite Grenzen, was die Herabsetzung von Politikern und Figuren des öffentlichen Lebens angeht. Aber auch dort gibt es Grenzen – etwa die Zeichnung eines verhassten Politikers, die als Aufforderung zu Gewalt angesehen werden kann, wird bei uns nicht toleriert.

Zusammenfassend: Darstellungen des Propheten Mohammed – auch als Karikatur – sind für nicht-Muslime erlaubt und legitim, solange sie nicht Hass gegen Muslime und ihren Glauben schüren. Hier ist der Al-Ashar-Institution zuzustimmen, die die Karikaturen zwar nicht gut heisst, aber die Muslime auffordert, die „Charlie Hebdo“-Veröffentlichung zu „ignorieren“. Der Prophet sei „zu erhaben“, um durch diese „hasserfüllte Frivolität Schaden zu erleiden“. So viel Toleranz muss die freie Gesellschaft von ihren muslimischen Mitbürgern einfordern, will sie nicht Schaden erleiden.

Carlie Hebdo Cover

Schweizer Realsatire um Jodtabletten

11 Sonntag Jan 2015

Posted by hajovonkracht in deutsch

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Schlagwörter

akw, greenpeace, jodtabletten

Im November 2014 lag ein sonderbarer Zettel in meinem Briefkasten: „An die Einwohnerinnen und Einwohner im 50-km-Umkreis der Schweizer Kernkraftwerke“. Jodtabletten-Flyer Absender war „Ihre Geschäftsstelle Kaliumjodid-Versorgung“. Der Text legte dar, dass Jodtabletten bei Atomkraftwerks-Unfällen eh nicht viel bringen. Einen Moment lang dachte ich, dass da jemand in der Behörde seinen privaten subversiven Feldzug gegen die offizielle Schweizer AKW-Politik führt. Die Idee, einfach mal Jodtabletten zu verteilen, fand ich so abwegig, dass ich nicht weiter darüber nachdachte.

Dann wurde bekannt, dass der Flyer eine Fälschung war – von Greenpeace. Die übliche Aufregung ging durch die Presse, und ich verstand immer noch nicht den Witz der Sache. Bis ein paar Tage später tatsächlich eine Schachtel mit Jodtabletten im Briefkasten lag. Kaliumiodid Packung.

Die spinnen, die Schweizer. Einerseits halten sie unbelehrbar fest an ihren Atomkraftwerken, andererseits scheinen sie der Sache doch nicht zu trauen. Über die Verteilung dieser Tabletten – ohne konkreten Anlass – kann ich nur den Kopf schütteln. Ohne den vorausgegangenen Greenpeace Flyer hätte ich die Packung aus der eidgenössischen Armeeapotheke wahrscheinlich sofort weggeschmissen, weil ich natürlich nicht den Beipackzettel gelesen hätte. Beipackzettel
Dabei hat diese Tablettenverteilung enorme Ausmasse. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schreibt: „Seit Ende Oktober haben 4,9 Mio. Einwohnerinnen und Einwohner eine persönlich adressierte Packung Jodtabletten erhalten.“ – In Deutschland kostet so eine Packung 5€. Was ein teurer Unfug! Und nehmen wir mal an, in zwei-drei Jahren fliegt uns tatsächlich eins der Dinger um die Ohren – werde ich mich dann noch daran erinnern, wo ich damals die blöde Tablettenpackung hingesteckt habe? Abschalten wäre einfacher.

Pauschalbesteuerung, Ecopop und tonnenweise Gold

16 Sonntag Nov 2014

Posted by hajovonkracht in deutsch

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Ecopop, Gold-Initiative, Pauschalbesteuerung, Stadelhofen

Kaum sind zwei Monate vergangen, steht bereits der nächste Abstimmungs-Sonntag bevor. Einige Entscheidungen sind einfach, andere interessant.

Am dümmsten ist die „Gold-Initiative„. Einige Individuen aus dem Umfeld der SVP wollen die Schweizer Goldreserven – „Resultat des Fleisses unserer Elterngeneration“ – in der Schweiz endlagern und unverkäuflich machen. Statt das Gold währungspolitisch einzusetzen, müsste die Schweizer Nationalbank es bunkern und vermehren. Schon mal was von König Midas gehört, dem auch das Butterbrot zu Gold wurde?

Nicht nur dumm, sondern auch gefährlich und richtig Scheisse ist die Ecopop Initiative. Interessant daran: Alle Parteien (selbst Blocher) sind dagegen; alle Umfragen sagen eine Niederlage der Initiative voraus; und alle haben Riesen Bammel, dass das Volk sie vielleicht doch annimmt. Deshalb wird von allen Seiten derart massiv dagegen getrommelt, dass der eine und die andere beginnen mögen, sich ihr Teil zu denken. Hoffentlich wird sie trotzdem versenkt.

Interessanter ist die Initiative zur Abschaffung der Pauschalbesteuerung. Etliche Kantone in der Schweiz locken gezielt reiche Ausländer an, ihren Wohnsitz bei ihnen zu nehmen, und im Gegenzug – statt nach Einkommen und Vermögen – pauschal nach ihren Lebenshaltungskosten besteuert zu werden, was bei sehr reichen Personen nur einen Bruchteil der sonst fälligen Steuern ausmacht. Die Initiative wurde lanciert von der (linken) AL und hat schon deshalb schlechte Karten. Der Nationalrat lehnt sie mit 135:62 Stimmen ab. Interessanterweise lehnt auch die Grün-Liberale Partei GLP die Initiative ab, denn die Pauschalbesteuerung „ermöglicht überhaupt erst, dass besonders mobile Personen, welche in der Schweiz keine Arbeitstätigkeit ausüben, einen wesentlichen Beitrag an die Staatsfinanzen leisten. Zudem sollen alle Kantone weiterhin eigenständig darüber entscheiden können, ob sie dieses Instrument anbieten wollen oder nicht“ (Medienmitteilung vom 31.10.)

Die Sache hat drei Aspekte:

  • Steuergerechtigkeit – soll der Grundsatz, dass jede/r nach Einkommen und Vermögen besteuert wird, für alle gelten, oder manchmal nicht?
  • Internationaler Steuerwettbewerb – sollen Kantone offensiv Personen dazu bewegen, ihren Wohnsitz (tatsächlich oder scheinbar) zu verlegen, um ihrer Steuerpflicht andernorts zu entgehen?
  • Subsidiarität – Soll so eine Frage auf nationaler Ebene entschieden werden, oder soll das den Kantonen überlassen bleiben?

Ich denke, Schlaumeiereien, die anderswo grossen Schaden anrichten, um für sich selbst einen kleinen Nutzen zu erzielen, haben der Schweiz in den letzten Jahren nicht gut getan. Wenn es nur einen einzigen Spieler gibt, der falsch spielt, ruiniert er das ganze Spiel, und deshalb – obwohl Subsidiarität im Allgemeinen ein gutes Prinzip ist – kann man eine solche Entscheidung nicht den Kantonen überlassen. In dieser Frage gehe ich mit der AL.

Dann gibt es mal wieder einige lokale und kantonale Abstimmungen:

  • Überführung der Zürcher Ausnüchterungs- und Betreuungsstelle ZAB vom Pilot- in den definitiven Betrieb (ja)
  • Zuschuss des Kantons zu einer neuen Tramverbindung über die Hardbrücke (ja, gute Sache, wenngleich sie das Risiko mit sich bringt, dass meine eigene Tramverbindung zum Hauptbahnhof später darunter leidet; aber das wird hoffentlich eine eigene Abstimmung)
  • Limitierung der Klassengrössen in der Volksschule auf maximal 20 (nein; gute Absicht, schlechte, weil starre Festlegung; den „Gegenvorschlag“ verstehe ich nicht ganz, da soll ein Pool von „Springern“ ausgebaut werden, um Spitzen zu begegnen; scheint mir das Problem nicht wirklich zu lösen wenn’s denn eins gibt. Aber besser als die eigentliche Initiative)
  • Der Bahnhof Stadelhofen soll ausgebaut werden. Das wollen alle, auch der Bund, der das auch zu finanzieren hätte. Die Initianten trauen dem Bund aber nicht, der seine Prioritäten vielleicht noch mal verschieben könnte, und deshalb wollen sie, dass der Kanton in Vorleistung geht und das Geld schon mal vorschiesst. So ganz genau kann ich’s nicht beurteilen, aber wenn ich der Bund wäre, und der Kanton hätte schon vorbezahlt, dann würde ich doppelt darüber nachdenken, ob ich mein Geld nicht in andere, auch wichtige Projekte stecken würde. (also: nein)

So, diesmal mach ich’s per Briefwahl und folge mit Spannung, ob ich wie das letzte Mal richtig getippt habe.

Eine Einladung

11 Dienstag Nov 2014

Posted by hajovonkracht in deutsch

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Balioise Session, Fatoumata Diawara, Mayra Andrade, Omara Portuondo, Roberto Fonseca

In meinem Posteingangskorb lag vor Wochen neben dem üblichen Werbe-Spam eine Einladung zu einem Konzert aus der Reihe Baloise session in Basel. Fast hätte ich sie weggeworfen, aber sie war ungewöhnlich aufwendig gestaltet, in einem interessanten Karton, und ich musste hinschauen.

Das Konzert nannte sich „Face-to-face“ mit mir gänzlich unbekannten Künstlern, aber backstage lounge und anderen Verlockungen. Mir wäre die Sache nicht weiter aufgefallen, wäre nicht am selben Tag das Angebot eines Event-Veranstalters eingetrudelt, für das selbe Konzert, auch mit backstage, aber 200+ Franken pro Nase.

Also nahm ich die Einladung an und fuhr gestern abend mit Elke nach Basel.

hostessen Im Parkhaus an der Messe war ein Platz für uns reserviert; ein junger Mann wachte darüber, dass nur Berechtigte im 4. Stock einfuhren. Am Hospitality desk erhielten wir die Karten zum Konzert, zum Backstage Village, und das Ausfahrtticket für das Parkhaus. Wir hatten eine separate Garderobe ohne Warteschlange.
Hinter der Bühne teilten zwei hübsche Hostessen USB Sticks aus und begrüssten die Gäste. Hinter ihnen wartete ein üppiges Buffet mit warmen und kalten Köstlichkeiten auf uns: apero Apéro riche. Prosecco, Wein, Bier – für alles war gesorgt.

„Wer hat dich eigentlich zu dieser Sache hier eingeladen?“, wollte Elke wissen, und ehrlich gesagt, weiss ich’s bis jetzt nicht. Die Einladung war unterschrieben vom Präsident, und der CEO der Baloise session, deren Namen ich noch nie gehört hatte. Aber der Abend fing erst an.

Nachdem wir uns gestärkt hatten, gab es eine kleine Führung durch den Technik-Bereich der Stage. Wieviele ferngesteuerte Leuchtkörper, Monitore, Kabel für die verschiednen Funktionen installiert waren, und wie schnell alles nach dem Konzert abgebaut werden konnte.

backstage

Dann begann das Konzert. Wir hatten einen Tisch – beladen mit Getränken und Gläsern, in bester Sichtweite zur Bühne.
Vom Pianisten Roberto Fonseca war ich sofort hingerissen: Sein Temperament, seine Perfektion an den Tasten, sein Jazz waren ein Erlebnis. Er trat auf mit Omara Portuondo, der 84jährigen Legende aus dem Buena Vista Social Club, deren Dynamic und Gesangskönnen total beeindrucken.
Sie wurde einfühlsam unterstützt von Mayra Andrade von den Kapverden.

In der Halbzeit des Konzerts wurden wir wieder in den backstage Bereich eingeladen, wo inzwischen Luxemburgerli, Eiscrème und allerlei Süssigkeiten auf uns warteten.

Die zweite Halbzeit des Konzerts wurde bestritten von Fatoumata Diawara aus Mali, deren afrikanische Klänge nach dem kubanischen Rhythmus der ersten Halbzeit erst erwas gewöhnungsbedürftig waren, aber sie entwickelte sich in ihrer Session zu einer wahren Stimmungskanone und riss das ganze saturierte Publikum mit – weg von den Tischen, aufgestanden, mitgetanzt.

Am Schluss hätte es noch einen Dämmerschoppen im Backstage Bereich gegeben, aber wir nutzten unser Ausfahrtsticket um uns auf den Weg nach Hause zu machen.

Ich dachte noch: Wenn ich jetzt Bundespräsident wäre, könnte dieser unverhoffte und unverdiente Abend das schnelle Ende meiner Karriere bedeuten. Ein Glück, dass ich’s nicht bin.

Thomas Meyers „Rechnung über meine Dukaten“

08 Samstag Nov 2014

Posted by hajovonkracht in deutsch

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Schlagwörter

Buchbesprechung, Rechnung über meine Dukaten, Thomas Meyer


Thomas Meyers „Schickse“ hatte ich mit Genuss gelesen – seine Geschichte aus dem orthodox-jüdischen Milieu Zürichs ist authentisch, es hält die richtige Balance zwischen liebevoller Identifikation mit und ironisch-süffisanter Distanz zu Motti, seiner Mame und den anderen Figuren seines Romans.

Nachdem der Autor neulich im Rahmen der Veranstaltung „Zürich liest“ aus seinem neuen Werk vortrug und es dann noch sehr freundlich signierte, fing ich mit großen Erwartungen an, im neuen Buch zu schmökern.

Was für eine Enttäuschung.

„Rechnung über meine Dukaten“ handelt von dem Spleen Königs Fiedrich Wilhelm I von Preussen (1688-1713), sein Königsregiment mit „langen Kerls“ – Soldaten mit mindestens 1.88 Metern Gardemass – auszustatten. Im Zentrum des Buches steht der König, bzw. ein zwangsrekrutierter Sachse namens Gerlach, bzw. die eine oder andere dubiose Gestalt, die als „Werber“ im Auftrag des Königs ihr schmutziges Handwerk verrichtet: Es ist wirklich nicht klar, wer eigentlich im Zentrum steht.

Keine dieser Gestalten wird dem Leser wirklich nahe gebracht. Der König tritt auf eher als König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte von Lummerland; hirnlos und tölpelhaft, frönt er seiner Manie mit den „langen Kerls“, für die das Buch keinerlei Erklärung gibt. Der historische „Soldatenkönig„, der sein Land von den Kriegen seiner Zeit fern hielt wo er konnte, das Beamtentum, die Charité, die Schulpflicht einführte und von sich sagte, „die Regenten sind zum Arbeiten geboren, nicht zum faulen Leben“, kommt in dem Buch nicht vor; stattdessen ein Operettenkönig, der sich von jedermann übertölpeln lässt und nur eine traurige Figur ist.

Auch die anderen Figuren bleiben blass und schablonenhaft. Im Übrigen geht es den meisten von ihnen – wie auch der Titel des Buches andeutet – nur um eins: das Geld.

Das Grundproblem des Buches scheint mir, dass die Ironie und Süffisanz, die Thomas Meyer über seine Figuren ausschüttet, sich nur entfalten kann, wenn sie begleitet ist von Sympathie mit ihnen. In der „Schickse“ ist ihm das gelungen. In den „Dukaten“ nicht. Dehalb ist das Buch auch flach und die Personen kommen über Karikaturen nicht hinaus.

PS. Wer sich wirklich für das Innenleben der Oberschicht im absolutistischen Europa des 18. Jahrhunderts interessiert, sei verwiesen auf „das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ„. Seine Darstellung aus dem Innenleben des Hofes von Ludwig XVII ist spannend, unterhaltsam und erlaubt Einblicke in diese untergegangene Welt, von denen sich in den „Dukaten“ leider gar nichts findet.

Erste Entscheidung

27 Samstag Sept 2014

Posted by hajovonkracht in deutsch

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An diesem Wochenende erlebe ich das erste Mal, dass ich bei einer politischen Entscheidung um meine Meinung als Bürger gefragt bin. Ein ganz neues Gefühl, anders als bei einer Wahl. Ausser in ganz polarisierten Momenten, in denen eine einzige Frage die ganze Wahl dominiert, geht es bei Wahlen darum, einen package deal gegen den anderen abzuwägen, mit dem dumpfen Gefühl, dass die Gewählten hinterher sowieso tun was sie wollen. Es geht dabei eher darum, wem man die Macht mehr gönnt.

Seit drei Wochen haben Elke und ich die Schweizer Staatsbürgerschaft. Heute ist unser erstes Abstimmungswochenende, und wir haben je einen dicken Packen Unterlagen bekommen. Bislang haben wir gelegentlich in der Zeitung gelesen, dass die Schweizer wieder etliche Dinge abzustimmen haben, aber das hat uns nicht betroffen. Jetzt müssen wir mitentscheiden; unsere Entscheidung zählt, und auf einmal müssen wir uns mit diesen Angelegenheiten befassen.

Gut, nicht alles ist gleich wichtig. Irgendwelche obskuren Vertreter der Vermieter für das Mietgericht des Bezirks wollen gewählt werden. Ich kenne keinen einzigen Kandidaten. Auch bin ich kein Vermieter. Ich entsorge den Zettel mit den Wahllisten erst mal im Papierkorb.

Dann soll ich entscheiden, ob ein Sportzentrum in einem entfernt gelegenen Stadteil von Zürich modernisiert werden soll. 81 Millionen Franken wollen sie dafür ausgeben. Von meinem Steuergeld. Na ich will mal nicht so sein; sollen die Leute dort auch ihren Spass haben, selbst wenn das in Form von höheren Steuern irgendwann wieder zurückkommt. Kreuz machen reicht nicht, man muss „Ja“ hinschreiben.

Jetzt wirds politischer: Im Planungs- und Baugesetz soll ein Mindestanteil „preisgünstiger Wohnraum“ festgelegt werden. Das ist ein Gegenvorschlag des Kantonsrates zu einer im politischen Kuhhandel inzwischen zurückgezogenen Volksinitiative, gegen den (den Gegenvorschlag) wiederum ein Referendum ergriffen wurde. Host mi?

Ehrlich gesagt blicke ich nicht durch, was da alles schon ausgekungelt wurde. Aber dies hier scheint das verwässerte Übrigbleibsel der ursprünglichen Initiative zu sein, und am meisten haben mich die albernen Argumente der Gegenseite („Bürokratie“, „Verletzung der Eigentumsgarantie“, „Umgehung des Marktes“) bewogen, der Sache zuzustimmen. „Ja“.

Dann wollen die Gastwirte, dass sie weniger Steuern zahlen müssen. Ihre originelle Begründung: Nahrungsmittel im Supermarkt werden auch zu einem niedrigeren Satz versteuert, und eigentlich sind die Zürcher Gaststätten nichts anderes als Supermärkte, nur dass sie die Esswaren beim Über-den-Tresen-Schieben noch etwas aufwärmen, garnieren und mächtig verteuern. Ein netter Versuch. Wie gross darf man das „Nein“ auf den Stimmzettel schreiben, damit er nicht ungültig wird?

Zu guter Letzt die interessanteste Frage. Die Einheitskasse. Hier war ich lange unschlüssig. Es gibt für beide Seiten gute Argumente.

Heute gibt es 60 Krankenkassen in der Schweiz, die die Grundversicherung zu denselben Konditionen, aber unterschiedlichen Gebühren anbieten. Darüberhinaus gibt es Zusatzversicherungen, und auf diesem Feld gilt sowieso bunteste Vielfalt der Angebote und Konditionen. Alljährlich publizieren die Kassen die neuen Gebühren für die Grundversicherung, und dann setzt ein munteres Bäumchen-Wechsel-dich Spiel ein, und jeder wechselt seine Kasse hin zu einer vermeintlich günstigeren. Das hat etwas albernes an sich und meiner Meinung könnte man sich das sparen. Es bringt natürlich auch ein bisschen Leben in die Sache und Konkurrenz hat ja auch ihre Vorteile.

Wenn man mich fragen würde, würde ich sagen, das eigentliche Problem mit dem Krankenkassensystem der Schweiz ist nicht dass es 60 Kassen sind, sondern dass die Beiträge für die Grundversicherung nicht einkommensabhängig sind. Aber diese Frage steht nicht auf dem Stimmzettel. Nach langem Überlegen schreibe ich „Nein“ in das Kästchen.

So, jetzt habe ich den Oberen der Schweiz meine Entscheidung mitgeteilt, freue mich, gefragt worden zu sein und hoffe, dass sie sich das hinter die Ohren schreiben.

Winkelwiese (dt)

09 Dienstag Jul 2013

Posted by hajovonkracht in deutsch

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Schlagwörter

Frank Binder, Villa Landolt, Villa Winkelwiese, Zürifäscht

Am vergangenen Wochenende war Zürifäscht.

Alle drei Jahre lässt die Stadt Zürich es richtig krachen: an zwei Abenden gibt es jeweils ein riesiges Feuerwerk auf dem See, einmal zu klassischer Musik, einmal untermalt mit Pop. Zwei Millionen Besucher wälzen sich durch die Stadt. Fressbuden, Riesenrad, Hochseil-Akrobaten zwischen Kirchtürmen, Drachenbootrennen auf der Limmat, Musikbühnen an jeder Ecke locken die halbe Schweiz und das nahe Ausland. Wenn das Feuerwerk vorbei ist, trampeln sich die Massen halb tot auf den engen Brücken über den Fluss.

Diesmal hatten wir eine ganz besondere Perspektive auf das Feuerwerk am Freitagabend.

Auf unserer China-Reise haben wir eine Zürcher Cartoonistin kennengelernt, Magi Wechsler. Sie hat ein Atelier mitten in der Stadt – in der Winkel­wiese 10. Wir trafen uns zu einer chinesischen Suppe (mit allerlei mediterranen Ergänzungen), schwelgten in China-Erinnerungen und kraxelten dann über den verwinkelten Dachboden auf die kleine Terrasse ganz oben auf der Spitze der Villa Winkelwiese. Dort lag uns Zürich zu Füssen und wir schauten von oben auf das gigantische Feuerwerk.

Die Villa Winkelwiese liegt an einem der pri­vi­legiertesten Orte in der teuersten Stadt der Welt. Ihre grossen herrschaftlichen Räum­lich­keiten auf drei Stockwerken – mit Parkett, einem grossen Treppenhaus, umrahmt von idyllischem wild wachsendem Grün eines grossen verborgenen Gartens – wird bewohnt von einer bunten Wohn­gemein­schaft von jungen Leuten, etwa zehn an der Zahl. Es geht lässig zu, kunterbunt, und erinnert irgendwie an Studentenwohnheim. Und Magi hat hier ihr Atelier.

Bei chinesischer Suppe und Tsingtao Bier erzählte uns Magi von der Vergangenheit der Villa. Soweit meine – durch „zürifäscht“ reduzierte, aber durch Internetrecherche angerecherte – Erinnerung trägt, bildet sich folgende Geschichte heraus:

Im Oktober 1929 – kurz vor dem Schwarzen Freitag, der die Welt­wirt­schaftskrise einläutete – soll sich ein Direktor der SKA (einer bedeutenden Schweizer Bank) mit dem Namen Ernst Gross zu einer Geschäftsreise in den USA aufgehalten haben. Dort – so geht die Geschichte weiter – wurde ihm klar, dass etwas im Busch war – er sah den Crash kommen – und kabelte per Morsecode, wie es damals üblich war – an seine Direktionskollegen: „Sofort verkaufen. Stop “ gefolgt von einer langen Liste amerikanischer Aktien. Die Antwort kam prompt: „Das machen wir auf keinen Fall. Stop“, und er gab Anweisung, unverzüglich wenigstens seine privaten Anteile all der genannten Aktien zu verkaufen und in Bargeld umzuwandeln.

Das geschah, der Crash kam, und während seine Bank – wie alle anderen – ungeheure Verluste hinnehmen musste, sass er auf einem riesigen Haufen cash.

Davon kaufte er sich am schönsten Platz Zürichs ein altes Haus – das 1836 erbaute Wohnhaus „Zur Schönau“ des Musiklehrers Heinrich Arter – liess es abreissen und erbaute 1932 – als niemand sonst Geld hatte – eine im damaligen Stil mit allen Schikanen ausgebaute Villa, mit elektrisch ver­senk­barem grossem Fenster zum Garten, be­geh­barem Safe im Keller (für all sein Bargeld), Weinkeller, Waren­lift für das zubereitete Essen aus der Küche in die oberen Stockwerke, und so weiter und so fort.

Die Villa hat zwei Seiten. Zur kleinen Strasse hin – der Winkelwiese – wirkt sie klobig, abweisend, mit kleinen Fenstern und viel grauem Stein. Ihren Charme zeigt sie gegenüber dem von aussen nicht einsehbaren grossen Garten, und in ihrem Inneren.

Ernst Gross starb 1952 und hinterliess zwei Töchter, von denen eine – Dr. Vera Susanna Gross – nach dem Tode ihres Vaters unverheiratet und kinderlos im obersten Stock wohnte. Die unteren Etagen wurden 1969 vermietet, und zwar an den prominentesten Bürger Zürichs, den ehemaligen Stadtpräsidenten Landolt und dessen Frau. Beiden Mietern wurde grundrechtlich ein Wohnrecht auf Lebenszeit eingetragen, und es gehört zu den Eigentümlichkeiten dieser Geschichte, dass beide Mieter – mit Wohnrecht auf Lebenszeit – hundert Jahre alt wurden.

In der Zwischenzeit war auch Vera Gross ver­storben; sie vermachte das Haus einer pfingstlerisch-charismatischen Sekte. Darauf schritt die Stadt ein und kaufte das Haus 1974 für 3.9 Millionen Franken, ohne recht zu wissen, was sie damit tun sollte – zwar hätte sicher so mancher aus der Stadtverwaltung gern die Villa für sich genutzt, aber die Bewohner mit Wohnrecht auf Lebenszeit dachten noch 30 Jahre lang nicht daran, abzutreten.

Erst 2003 starb die Witwe von Ex-Stadtpräsident Landolt und 2005 schrieb die Stadt das Grundstück samt Gebäude für 62 Jahre Baurecht zum Kauf aus (d.h. nach 62 Jahre fällt es zurück an die Stadt).

Über 300 Bewerber meldeten sich, 31 konkret mit Plänen ausgearbeitete Angebote gingen ein. Das Rennen machte ein Erbe des Pharmakonzerns Merck – Frank Binder – der die alte Villa abreissen und ein neues grosses Projekt an dieser Stelle aufrichten will. Er zahlt einmalig 4,5 Millionen Franken plus jährlicher 210 000 Franken Baurechtszins.

Daraufhin regte sich aller möglicher Widerstand – von politischen Parteien, von Anwohnern. Die Neubaupläne liegen aus Eis, und seit zehn Jahren befindet sich die Villa in einem Schwebezustand: Den Mitgliedern der Wohngemeinschaft – und auch Magi – werden die Verträge von der Stadt immer nur zeitlich befristet verlängert; Frank Binder hat einen unterschriebenen Vertrag in Händen. Sobald seine Pläne genehmigt werden – was nochmal zehn Jahre dauern, aber auch morgen schon geschehen kann – wird die Villa abgerissen, und bis dahin lässt sich von ihrem Dach der schönste Blick auf Zürichs Feuerwerke geniessen.

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