Digital Natives on the Move – Globalization Come Home

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Some unstructured thoughts on Digital Revolution and the current Refugee Crisis.

  1. Digital technologies are overlaying traditional culture with a global information network. Smartphones and Network access spread fast and wide. Flow of information is limited by language only, not by country borders.
  2. Members of local traditional communities turn into participants in a global infrastructure. This comes in a single step, short-cutting intermediate phases (the age of land lines etc.). At best, they are turned into active participants in a global economy.
  3. Traditional, conservative, segregative values co-exist with the availability of high-tech communication. It would be an illusion to believe that traditional values cease to exist with the availability of more information. Instead, the new information will be understood and utilized in the framework of existing cultural biases.
  4. Young people in troubled regions live in two worlds at once: a local miserable life, dominated by strong segregative values, and – simultaneously – apparent global availability of options, wealth, freedom.
  5. cellWe see the advent of a new social group: Third-world digital natives.
    [Note: The term „digital native“ does not mean high competence in use and development of software, but growing up in a world in which the presence of Web and digital devices is a fact of life and taken for granted; naturally making use of all the things you can do with them.]
  6. The new third-world digital natives are highly mobile; they understand there is life beyond their borders. Their decision to migrate is an individual one. By starting to move they don’t follow orders.
  7. Information about the chances and risks of migration, travel routes, tips and tricks on how to handle obstacles, how to treat (and cheat) foreign authorities, is readily available to the new third-world digital natives. Foreign law is not perceived as moral authority but as obstacle to deal with. Breaking foreign law is not a matter of feeling guilty, but an act of civil disobedience, by which the risk will be calculated.
  8. Social media are also used to recruit people. In particular by appealing to traditional values (or some perversion thereof), some digital-native emigrants, feeling culturally displaced, can be pulled via digital channels to join radical traditionalist movements.
  9. It takes more than some videos and messages to make people migrate. But if some local dire situation arises (war, repression, famine), determination and willingness will grow to travel all around the globe to find a better life.

Attempted conclusion: The number of digital natives willing to take risks and migrate from war, disaster and poverty will grow substantially and for a long time. Informationally, they are part of the digital age, culturally they are not part of the western life style. It is unlikely that fence-building will effectively stop them. And they bring their culture with them. Culturally, it may take a generation for them to adapt.

Der direkten Demokratie ein Sargnagel

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Am Abstimmungs-Sonntag am 28. Februar ist es wieder soweit. Von allen Abstimmungen gibt es für mich eine, die in ihrer Bedeutung alle anderen überragt:

Mit der Durchsetzungsinitiative ist die nächste SVP-Attacke gegen die zivile Bürgergesellschaft der Schweiz angesagt, und alle zittern vor der Entscheidung der Mehrheit. Die Gegenparole des „bürgerlichen“ Verbunds von GLP, CVP, EVP, FDP und BDP finde ich allerdings schwach: „Nicht nötig“. Na so was. Da haben wir ja Glück. Ich habe da grundsätzlichere Vorbehalte, und ich glaube, es steht mehr auf dem Spiel.

Mit dem immer mehrheitsfähigen Thema „gegen böse Ausländer“ sollen hier die Gewichte im System von Checks and Balances in der Schweiz verschoben werden. Richter, Abgeordnete, Regierungen sind nur noch Befehlsempfänger – direkt vom Volk, dessen privilegierte Art sich zu äussern die Volksabstimmung ist. Das bedeutet auch, dass für komplexe Probleme keine komplexen Antworten mehr vorgesehen sind. Deine Rede sei ja ja, nein nein, alles andere ist von übel. Wenn ich das so auf mich wirken lasse, erscheint mir die repräsentative Demokratie auf einmal ganz erfreulich.

Noch erfreulicher ist die heutige Kombination aus direkter und repräsentativer Demokratie, wie sie sich in der Schweiz herausgebildet hat, und um diese nicht zu verbiegen, muss diese Initiative eindeutig zurückgewiesen werden: Nein (und fingers crossed).

transithölleBei der Sanierung des Gotthard-Strassentunnel geht es um die zweite Gotthard-Röhre. SP, Grüne, GLP sind gemeinsam mit Umwelt­verbänden dagegen. Ich bin mir nicht ganz sicher. Ich fände es schön, auf dem Weg nach Locarno nicht so lange im Stau zu stehen und im Tunnel keinen Gegenverkehr zu haben, wenn ich alle drei Jahre mal mit dem Auto diesen Weg nehme. Vor allem aber bin ich allergisch gegen die Europa- und ausländerfeindlichen Töne in der Kampagne der Ausbaugegner: Transithölle (der EU Mega-Liner ist auf dem Poster gleich vornedran).

gotthardverkehrIch habe mir die Zahlen des Bundesamts für Strassen (ASTRA) angeschaut. Nach dem schweren Unfall im Jahr 2001 ist der Verkehr durch den Tunnel relativ konstant geblieben, von knapp unter 6 Millionen auf etwas über 6.2 Millionen Durchfahrten pro Jahr. Gleichzeitig hat der Anteil des „schweren Güterverkehrs“ proportional wie absolut kontinuierlich abgenommen: von 17% 2003 auf 13% 2014. Von diesem Schwerverkehr sind 2/3 – also weniger als 9% des Gesamtverkehrs – „Transit“. Die „Transithölle“ halte ich für billige und latent ausländerfeindliche Polemik.

Ein ernstes Argument ist für mich, dass im Jahr 2016 der Gotthard-Basistunnel der NEAT in Betrieb geht. Damit besteht eine gute Chance, Verkehr auf die Bahn zu verlagern. Deshalb kommt die Entscheidung für die zweite Gotthard-Röhre zur Unzeit. Man sollte dem Eisenbahntunnel ein paar Jahre geben, seine Wirkung zu entfalten; danach sieht man weiter.
Zum jetzigen Zeitpunkt sehe ich das deshalb so wie Pedro Lenz mit seinem Röhrenblues (und danke, Dagmar, für den Link): Näi.

Die CVP Initiative gegen die Heiratsstrafe läuft unter dem Motto „für Ehe und Familie“. Wer ist das nicht? Und dass bei Verheirateten in der Schweiz die AHV-Rente auf 2/3 gekürzt wird (das wird mich demnächst auch treffen), finde ich echt schofel. Die Crux mit der CVP Initiative ist halt, dass über den Hintereingang gleich die heterosexuelle Ehe in die Verfassung geschrieben wird: „Die Ehe ist die auf Dauer angelegte und gesetzlich geregelte Lebensgemeinschaft von Mann und Frau“. (http://www.gemeinsam-weiter.ch/ ). Hier stimme ich grundsätzlich der GLP Position zu, die „statt einzig auf die sogenannte Heiratsstrafe abzuzielen, […] ganz zu einem zivilstands­unabhängigen Steuersystem übergehen“ möchte. Wobei man dazu sagen muss, dass dieses „zivilstandsunabhängige“ System in den Sternen steht, und man eine kleine Ungerechtigkeit durchaus beseitigen kann, auch wenn die grosse Gerechtigkeit auf sich warten lässt. Aber eben nicht mit dem fundamentalchristlichen Hetero-Hintertürchen versehen. Also: Nein. Komisch, dass es hier keinen Gegenvorschlag gibt.

Schliesslich die Initiative gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln der Jungsozialisten. Die hat, weil linker Dirigismus, sowieso keine Chance. Sie will Investoren verbieten, „in Finanzinstrumente zu investieren, die sich auf Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel beziehen“ (ausgenommen Warentermingeschäfte direkt mit Produzenten und Händlern von Agrarrohstoffen und Lebensmitteln). Für mich ist das ein Paradebeispiel des „linken“ Glaubens daran, mit feingliedrigen Kontrollen und Verboten das Böse in der Welt besiegen zu können. Wie gesagt, die Initiative hat nicht den Hauch einer Chance, deshalb lohnt es sich nicht gross, auf Einzelheiten einzugehen. Nur schade, dass einige angesehende Hilfswerke und auch die Grünen auf dieses tote Pferd setzen. Besser als solche dirigistischen Kindereien wäre es, Finanztransaktionen und Spekulationsgewinne generell zu besteuern und Lebensmittelimporte aus den Entwicklungsländern Afrikas zuzulassen. Nochmal: Nein.

Dann gibt es wieder einige kantonale Vorlagen.

Die Grundbuchgebühren sollen reduziert werden. Derzeit kostet die Umschreibung von Immobilien oder die Eintragung von Grundpfandrechten 1.5‰. Ob das zu viel ist oder nicht, kommt darauf an, ob man es als eine administrative Gebühr betrachtet (dann ist es zu hoch, weil die Notartiate daran satt verdienen) oder als Steuer (dann kann man es als Transaktionssteuer gutheissen). Die Grundbuchgebühren sind eine Mischform („Gemengesteuer“), die beide Komponenten enthält. Klarer wäre es, beides zu trennen. Dann könnte man auch die Fälle unterscheiden: Beim Kauf einer Immobilie könnte eine entsprechende Steuer erhoben werden; beim Eintrag oder der Erhöhung einer Grundschuld halte ich das nicht für gerechtfertigt. Deshalb bin ich im vorliegenden Fall im Zweifel für die Reduktion: Ja.

Bei Rekurs- und Beschwerdeverfahren soll die Vernehmlassungsfrist auf 30 Tage begrenzt werden. Die Befürworter sprechen von „gleichlangen Spiessen“ (ich stelle mir das immer bildlich vor) und argumentieren mit einem abstrakten Gerechtigkeitsprinzip. Aus meiner Sicht wird hier eine starre Norm eingeführt, die im konkreten Fall zu Problemen führen kann und nur der Prinzipienreiterei dient. Nein.

Die Bildungsinitiative möchte die Studiengebühren an öffentlichen Bildungseinrichtungen (mit bestimmten Ausnahmen) für Personen mit zivilrechtlichem Wohnsitz im Kanton Zürich abschaffen. Nun ist freier Zugang zu Bildung im Allgemeinen eine Forderung, die ich unterstütze. Im konkreten Fall, bin ich nicht überzeugt. Ich sehe das in diesem Fall mal ähnlich wie die Grüne Partei: „Die Bildungsinitiative setzt nicht am besten Ort an: Sie kostet mehr als 100 Mio. Franken/Jahr, funktioniert aber nach dem Giesskannenprinzip. Für den Bildungsentscheid spielen die Studien­gebühren keine wesentliche Rolle, dort sind die Lebenshaltungskosten das grosse Problem. Die Initiative kann zudem die Gebühren im Bereich der beruflichen Weiter­bildung nicht abschaffen, weil das Bundesrecht widerspricht.“ Also: Nein.

Im Gegensatz dazu muss ich bei der auch von den Grünen unterstützten Lohndumping-Initiative eindeutig widersprechen. Erstens stört mich auch hier – wie bei der „Transithölle“ der ständige Verweis auf die ach so bösen Ausländer, die ehrliche und anständige einheimische Unternehmer in den Ruin treiben. „Der Anteil des Arbeitsvolumens dieser entsandten Kurzaufenthalter, gemessen am Gesamtbeschäftigungsanteil im Kanton Zürich, ist klein, er betrug in den vergangennen Jahren konstant nur rund 0,1%.“ (Abstimmungszeitung S.21) Zweitens finde ich es grundsätzlich problematisch, staatliche Zwangsmassnahmen auf Verdacht zur Regel zu machen. Zitat aus dem Text der Initiative: „… ordnet das Amt für Wirtschaft und Arbeit in der Regel eine Betriebseinstellung bzw. einen Arbeitsunterbruch an, wenn ihm eines der … Kontrollorgane den begründeten Verdacht … sowie die Verweigerung der Mitwirkung … anzeigt.“

Die Befürworter verweisen auf Basel-Land, wo es eine ähnliche Bestimmung im Arbeitsmarktaufsichtsgesetz (§15.1) gibt. Meinetwegen. Ich stimme hier den Grünliberalen zu, die diese Initiative für ein PR-Instrument der Gewerkschaften halten.
Nein.

Automatisiertes Fahren: ein runder Tisch mit leeren Stühlen

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Einige Tage vor meinem Besuch auf der IAA im September 2015 ging durch die Nachrichten, die Bundesregierung habe eine Strategie automatisiertes und vernetztes Fahren beschlossen. Bei meinem Besuch am Stand des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) lag diese Strategie bereits als Broschüre zum Mitnehmen aus. (Hier zum herunterladen)

In dem Dokument wird Bezug genommen auf einen „Runden Tisch Automatisiertes Fahren“ als zentrale Plattform für eine gesellschaftliche Beteiligung. „Runder Tisch“ klingt spannend, und von gesellschaftlicher Beteiligung hatte ich bis dahin wenig mitbekommen.

Allerdings ging aus dem Dokument nicht hervor, wer an dieser gesellschaftlichen Beteiligung beteiligt war, wer also an diesem „runden Tisch“ sitzt. Auf Nachfrage beim BMVI erhielt ich eine Auflistung – wenn nicht der Personen, so doch der Institutionen, die hier beteiligt sind.

Neben diversen Bundesbehörden, Vertretern von acht Landesregierungen (wobei Baden-Württemberg nicht vertreten ist), verschiedener Universitätsinstitute und technischer Überwachungsvereine sind Verbände aus folgenden Bereichen beteiligt: Automobilindustrie (VDA, VDIK), Versicherungen (GDV, DGU), Anwaltsverein, ADAC. Die beiden einzigen, die hier etwas aus dem Rahmen fallen, sind Verbraucherzentrale und ZVEI (Elektro- und Elektronikindustrie). Eine breite gesellschaftliche Beteiligung stelle ich mir anders vor.

Warum ist das wichtig?

Die Strategie der Bundesregierung zum automatisierten Fahren scheint vollständig geleitet zu sein von den kurzfristigen Interessen der deutschen Automobilindustrie. strategyAus solidem Eigeninteresse verfolgt die letzteren „einen evolutionären Ansatz“. Voll-autonome Fahrzeuge werden in die weite Zukunft geschoben, und vorher soll noch viel Geld mit Fahrer-Assistenz-Systemen verdient werden. Auch ist klar, dass autonome Fahrzeuge ganz andere Anforderungen erfüllen müssen, als das, worauf die deutschen Hersteller spezialisiert sind: teure Hochleistungs-Luxuskarrossen mit möglichst viel PS.

Nun ist ja wenig dagegen zu sagen, dass die deutsche Regierung der notleidenden Automobilindustrie unter die Arme greift. Aber es kann doch sein, dass sie damit dazu beträgt, dass beide die Entwicklungen, die sich ausserhalb Deutschlands abspielen, nicht verhindern, sondern verschlafen.

In diesem Zusammenhang hochinteressant ist eine Studie, die jetzt das Fraunhofer Institut im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie vorgelegt hat (reden diese Ministerien miteinander?). Auch wenn in der Presseerklärung des Instituts automatisiertes Fahren als „Riesenchance“ abgefeiert wird, lohnt es sich doch, das Papier aufmerksam zu lesen. (Download hier). Hier werden einige der Risiken des Verschlafens deutlich angesprochen. Es folgt ein längeres Zitat.

„Die deutsche Automobilindustrie verfolgt bei der Automatisierung von Fahrzeugen einen evolutionären Ansatz. Der stufenweise Ausbau […] und der Anwendungsfall auf Autobahnen sind ein Ausdruck dessen. Im Vergleich zum anderen Megatrend „Elektromobilität“ birgt die Automatisierung von Fahrzeugen jedoch ein deutlich größeres Potenzial für disruptive Innovationen, insbesondere vollautomatisiertes und autonomes Fahren weisen Merkmale disruptiver Innovation auf. Die industriepolitischen Risiken bestehen darin, dass neue Akteure oder „Quereinsteiger“ autonome Fahrzeuge früher (möglicherweise in Nischen) realisieren und dann so schnelle Leistungsverbesserungen erzielen, dass das traditionelle Geschäftsmodell der Automobilindustrie (Fahrzeugabsatz, After-Sales, Finanzierung) sukzessive substituiert wird. Insbesondere in Verbindung mit einem elektrischen Antriebsstrang ist es künftig denkbar, dass Unternehmen mit großer IT-Kompetenz gemeinsam mit Partnern, die über Fertigungskompetenzen verfügen, ein technologisch ausgereiftes Fahrzeug auf den Markt bringen. Dieses könnte hinsichtlich der traditionellen Leistungsmerkmale (Komfort, Geschwindigkeit, Beschleunigung, etc.) von heutigen Automobilen abweichen und sich stattdessen durch neue Funktionalitäten wie einen autonomen Fahrmodus und innovative Mensch-Maschine-Schnittstellen auszeichnen. In diesem Szenario ist es vorstellbar, dass diese Fahrzeuge nicht als Einzelprodukt an Endkunden, sondern als Systemlösung an Städte oder Anbieter von Verkehrsdienstleistungen vertrieben werden. Potenziell disruptive Ansätze mit autonomen Fahrzeugen werden insbesondere von neuen Wettbewerbern aus den USA und Unternehmen aus der IT-Industrie erwartet, auch wenn derzeit noch kein potenzieller Wettbewerber über einen klaren Entwicklungsvorsprung gegenüber der deutschen Industrie verfügt. Da disruptive Innovationen jedoch häufig in Nischen beginnen, sind die Aktivitäten in anderen Ländern, insb. von branchenfremden Akteure im Bereich autonomer Fahrzeuge (Industriepolitisch) mit hoher Aufmerksamkeit zu analysieren.“

Das Gutachten listet eine Reihe von Schwachstellen auf. Zum Beispiel das Auslaufmodell der PS-Boliden: „Der Antriebsstrang könnte im Fahrzeugbau an Bedeutung und Wertschöpfung verlieren. Es ist damit zu rechnen, dass der Antrieb und die Fahrdynamik mit zunehmendem Automatisierungsgrad aus Kundensicht an Bedeutung verlieren. Da die deutsche Automobilindustrie allerdings im Bereich des Antriebsstrangs sehr hohe Leistungstiefen aufweist, besteht die Gefahr eines negativen Wertschöpfungseffekts für den Standort Deutschland.“

Ich kann den Leuten, die sich mit Verkehrspolitik befassen, nur eine gründliche Lektüre dieses Gutachtens ans Herz legen.

A Remarkable Message from our CEO

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On the first working day of the new year I found in my inbox a message from our CEO, Bill McDermott to all 75’000 employees. This fact in itself wasn’t a big surprise. But when I started reading (how many of the 75’000 will actually read this message?) I thought: Wait, this is different.

A quick excursion: Years ago – many years in fact – I was on a business trip at the SAP headquarters in Philadelphia. I had some meetings and at some time I noticed employees gathering in the hallway. It was Mid-December and I was told that this was the office Christmas event, conducted by the new sales director for North America, a man by the name of Bill McDermott. Then Bill had his speech. He was going up and down about how we would get at the throat of our largest competitor, defeat them deal by deal, be merciless and win. End of Christmas event, pretzels included.

Here we are, a dozen years later. And now please read closely.

„First and foremost, SAP should be a company that helps us all do well for our families and loved ones. Always remember that the most significant titles in life won’t appear on our business cards. Mother, father, daughter, son, friend – these are the identities that make us who we are. Don’t miss the birthdays or the family vacations or the nights out with old friends. Treasure these moments. Prioritizing family will make us more fulfilled and more inspired to be successful in our work.

„Second, we should be a company of inclusion and collaboration. One thing you all showed me last year was the deep professional courtesy of being human with each other. You supported each other’s personal causes and rallied around the families of colleagues we lost too soon. I also experienced this personally in your heartfelt notes of support. Let’s make this a hallmark of everything we do together. Whether we’re designing software or supporting customers, let’s let each other in with openness and honesty. This idea of mutual respect – for our skills, our talents and our differences – is a truly fitting aspiration for a great company like SAP.

„Finally, even as we remain humble, let’s stay hungry to make a big difference in this world. We are one of the largest, most respected technology companies on Earth. This obligates us to go beyond our own success and to leave footprints for others to follow. Ask yourself – what kind of footprints will we leave? Are we ready to honor the legacy of SAP by continuing to think about the world’s biggest challenges as our greatest opportunities?“

Sure, we are in it for success. We want our paycheck and we want our bonus. This hasn’t changed from 12 years ago. But I think Bill has found the right context for what makes a company successful. Motivation rises from „serving a purpose bigger than ourselves“.

If we can let this view shed some light on our daily decisions, I think we’re onto something good.

Leading When You’re Not the Boss

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This book presents a case for questioning, and effectively abolishing, hierarchical structures in business and moving into a “post-management area”. (The book is more than that. It is also a piece of edutainment, giving the author’s personal mix of insights and project experiences, circling around the topic of why management often is so bad. To a very limited extent it may even be read as a how-to manual for wannabe “Leaders-from-behind” – as the subtitle suggests – but I guess this was more the editor trying to widen the addressable market.)

Abolishing management might sound radical at first, but Strathausen presents good logic and reasoning, showing that “management” is a very limited paradigm, separating work execution from control, focusing the actual “workers” away from pleasing clients and toward pleasing their bosses, creating siloes, inefficiencies and stagnation, where flexibility, invention and dynamic adaptation to customer needs are really needed.

How revolutionary is this book? I am not sure. The storytelling, interwoven with the main text, features a typical matrix-type task manager (in this case a global account manager) who needs to lead people not reporting to him and pursuing clearly their own interests. The story feels real, and it shows that “situational leadership” as advocated by Strathausen, already takes place in many organizations. We are already there.

But the book does give this informal leadership a language and a reference, when in most cases today the informal leadership is hidden and treated as an exception, and the good old hierarchical organization chart is visible, seen as necessity and norm.

Maybe – depending on industry and type of work – this should actually be turned around and what are now the bosses should be seen as nothing more than an HR function. Now that would be revolutionary indeed.

To get started thinking about these questions, Strathausen’s book is a great contribution and valuable to all who want to set up and work in the agile and customer-driven business organizations of the future.

Full disclosure: I have known Roger for about 15 years, and have worked with him on various projects (I even remember some of the examples he used in the book). He is the type of thinker who can step back from a specific request to understand the full context, and he is the type of worker to then dig deep into the task at hand and craft results guided by his insights.

324 Minuten für die Granulare Gesellschaft

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Genau so viel Zeit (5 Stunden, 24 Minuten) veranschlagt meine Kindle App für das Lesen von Christoph Kucklicks gleichnamigem Buch. Ich habe es nicht nachgemessen und bin so dem Muster gefolgt, das Kucklick für typisch erklärt: immer granularer, feiner wird die Wirklichkeit aufgelöst, Vorhersagen werden gemacht, Verhalten wird berechnet – von Maschinen. Immer weniger sind wir Menschen fähig, den Maschinen Paroli zu bieten.

Gleich vorweg: das Buch ist absolut lesenswert; Kucklick zeigt an einer Fülle von Beispielen, wie sich unter unserer von Big Data befeuerten Sicht die Verhältnisse auflösen, verändern, neu zusammensetzen. Alte sozialwissenschaftliche „Gesetze“, die in Wahrheit statistische Korrelationen auf einer bestimmten durchschnittlichen Aggregats-Stufe sind, zerbröseln, wenn man gleichzeitig jedes Individuum einzeln im Detail analysieren kann. Im politischen Bereich beispielsweise analysiert er die Auswirkungen der Feinauflösung der Wählerschaft in Obamas letztem Wahlkampf, wo ganz gezielt und mit hohem Aufwand genau die Individuen angesprochen wurden, die gerade noch als Wähler zu gewinnen waren, und zwar mit individuell auf sie zugeschnittenen Botschaften. Interessant ist auch der historische Vergleich zu den katastrophalen Folgen der Erfindung des Buchdrucks, als neue Sichtweisen und Debatten die dafür nicht vorbereiteten Gesellschaften trafen.

Trotzdem bin ich nicht zufrieden mit den Schlussfolgerungen des Buches, weil es meiner Meinung nach einige Fragen falsch stellt. Über weite Strecken kämpft sich Kucklich nämlich mit der Frage ab, wie der Mensch angesichts immer perfekterer Maschinen seine Einmaligkeit behaupten kann. Dabei sieht er als Rückzugsgebiete etwa die Irritierbarkeit, das Spielerische, das Empathische.

Aus meiner Sicht begeht Kucklick den selben Fehler wie viele andere Warner vor den digitalen Maschinen: Antropomorphe Projektion. Dies ist ein Mechanismus, den die Menschen angewandt haben, seit sie in den Naturkräften Naturgötter – im Blitz den Zeus – gesehen haben. Ich will das an einigen Beispielen erläutern.

Man könnte sich angesichts der Erfindung des Fernrohrs fragen, wo das menschliche Auge im Wettkampf mit dem Fernrohr bleibt, und Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Auges äussern. „Das menschliche Auge hat den Wettkampf mit dem Fernrohr verloren; das Fernrohr sieht 100mal schärfer als das Auge.“ – Was natürlich Unsinn ist. Das Fernrohr ist ein Werkzeig; es sieht überhaupt nichts. Das menschliche Auge sieht mit Fernrohr 100mal schärfer als ohne. So wird ein Schuh draus.

Aber ist diese einfache Logik noch gültig angesichts autonom agierender Roboter? Ich möchte zunächst einen extrem einfachen Fall einer autonomen Maschine diskutieren: ein guter alter mechanischer Wecker. Ein Mensch zieht ihn auf und stellt ihn, damit er ihn am Morgen weckt. Dabei vergisst er, dass morgen Sonntag ist und er eigentlich ausschlafen könnte. Pünktlich früh um sechs rasselt der Wecker auf dem Nachttisch und der Mensch, der nicht mehr an den Wecker gedacht hat, schmeisst ihn voller Wut an die Wand. Sofern der Mensch nicht auf sich selbst wütend ist, sondern auf den Wecker, macht er den Fehler der anthropomorphen Projektion. (Es kann natürlich auch der Fall eintreten, dass der Wecker einen Defekt hat, aber auch dann ist Wut auf den Wecker eine ziemlich alberne Emotion).

Vor langer Zeit gab es ein legendäres Buch über Zen and the Art of Motorcycle Maintenance, in dem der Autor Robert M. Pirsig sehr schön beschrieb, wie sinnlos wir unsere Emotionen auf Gegenstände richten, selbst wenn wir wissen, dass diese als Empfänger unserer Emotionen gar nicht existieren. Wenn das Motorrad stottert, hilft es nichts, es anzuschreien, sondern ich muss die Ursache beheben.

Gilt diese Logik noch angesichts der heutigen autonomen Maschinen? Kucklick beschreibt im Detail, wie in Spielhallen (etwa in Las Vegas) mit Hilfe raffiniertester Computerprogramme die Kunden optimal „gemolken“ werden, und die Menschen sich den so geschaffenen Verführungen kaum erwehren können. Hier ist aber der Fall ganz einfach: Nicht raffinierte Computerprogramme „melken“ Menschen, sondern Menschen (die Betreiber der Spielhallen und ihre beauftragten Computerspezialisten) „melken“ Menschen mit Hilfe von raffinierten Computerprogrammen. Indem ich die computergesteuerten Spielkonsolen anthropomorph auflade, verschliesse ich die Augen davor, was wirklich abgeht: Menschen können andere Menschen besser mit als ohne digitale Maschinen beeinflussen.

Ähnlich mit autonom agierenden Kampfdrohnen: Wenn eine solche Drohne versehentlich ein Krankenhaus samt Ärzten und Patienten ausradiert, wer ist hier am Werke, und wer ist verantwortlich? Die Drohne zum rechtsfähigen Subjekt zu erklären, ist ganz abwegig und lenkt davon ab, dass die Menschen, die die Drohne gebaut, programmiert und eingesetzt haben, die Verantwortung tragen. Auch die Drohne ist nur ein Werkzeug.

Die anthropomorphe Projektion ist auch die Basis für ein beliebtes Spiel, an dem sich auch Kucklick beteiligt: „Computer werden niemals können …“ – Wobei die Dinge, die in Ergänzung dieses Satzes genannt wurden – wie er schön zeigt – eine nach der anderen widerlegt wurden. Kucklich führt dieses Spiel dann zu Themen wie Empathie. Erschreckend ist das immer weitere Vordringen der Computer aber nur, wenn wir sie in ontologischer Verirrung als Subjekte betrachten. In Wahrheit sind Computer nichts als mechanische Implementationen von Modellen. Sobald der Mensch eine Theorie in einem Bereich aufstellen kann, die so ausgereift ist, dass sie in ein Modell gegossen werden kann, kann dieses Modell auch programmiert werden. Die zunehmenden Fähigkeiten von Computern sind nichts anderes als die Fortschritte in der Fähigkeit von Menschen, theoriegeleitete Modelle aufzustellen. Trivial: Mit Computern können Menschen schneller Berechnungen vornehmen als mit Bleistift und Papier, so wie es mit Bleistift und Papier besser geht, als nur im Kopf.

Was allerdings neu ist, ist, dass Menschen über immer mächtigere Werkzeuge verfügen, die sie zum Nutzen und zum Schaden anderer Menschen einsetzen können. Werkzeuge, die zeitlich und räumlich versetzt, unter indirekter Kontrolle von Algorithmen arbeiten, so gut wie gar nicht mehr für Dritte transparent sind, und dabei natürlich Fehler auftreten können.

Die gesellschaftliche Kontrolle solcher Werkzeuge ist derzeit nicht gegeben.

Vorauseilende Aufregung um Flüchtlinge in Zürich West

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Am 10. Dezember veranstaltete der Bund der Freidenker anlässlich des „internationalen Tags der Menschenrechte“ eine Podiumsdiskussion im freundlichen Ambiente des Sphères in Zürich. Thema war das geplante Asylzentrum für 360 Flüchtlinge im Duttweiler-Areal im Kreis 5. – „Welches sind die Sorgen der AnwohnerInnen und Gewerbetreibenden angesichts des im Kreis 5 geplanten Bundesasylzentrums? Sind die Ängste berechtigt?“

Es diskutierten

  • Thomas Kunz, Direktor der AsylOrganisation Zürich (das ist die Organisation, die im Auftrag der Stadt diese Zentren betreibt; er war auch der einzige, der wirklich wusste, wovon er sprach),
  • drei Gemeinderäte: Markus Baumann (glp), Ezgi Akyol (AL), Elisabeth Schoch, (FDP),
  • auch das 50köpfige Publikum wurde in die Diskussion einbezogen.

sphères

Man kann natürlich darüber diskutieren, ob es noch bessere und kosteneffizientere Lösungen für die Unterbringung gibt (Ezgi Akyol plädierte für dezentrale Lösungen; es gibt einen Projektvorschlag der Halter AG, ein integriertes Wohn- Büro- und Asylzentrum zu erstellen), geprägt war der Abend aber über weite Strecken davon, dass Elisabeth Schoch sichtlich bemüht Argumente gegen das Projekt zusammenklaubte: Man könne die Flüchtlinge weiter weg am Flughafen in Kloten unterbringen, die Lebendigkeit des Quartiers sei den Flüchtlingen nicht zuzumuten, und was ihr so in den Sinn kam.

Dann meldete sich aus dem Publikum ein Vertreter der SVP (die nicht auf dem Podium vertreten war) und sprach von den hohen Kosten des Projekts, ohne irgendeinen konstruktiven Vorschlag zu machen (Die Kosten – wurde er von Thomas Kunz belehrt – werden vollständig vom Bund getragen und belasten die Stadt in keiner Weise), und auch einige andere besorgte Bürger trugen ihre Thesen vor, bis zu dem Rat, man solle doch bitte erst die Probleme in Syrien lösen, ehe man überhaupt etwas für Flüchtlinge in der Schweiz tue, weil man sonst noch mehr von ihnen anlocke.

Mein Résumé des Abends:

  1. 360 Flüchtlinge inmitten des lebendigen Quartiers Zürich West sind – wie ein Herr aus dem Publikum treffend bemerkte – ein wahrlich niedliches Problem, und es ist verblüffend, wie reflexartig Besorgnis gegen Flüchtlinge mobilisiert werden kann, die in keinerlei Relation zur Ursache steht.
  2. Wenn alles läuft wie geplant, reden wir hier von einer Einrichtung, die 2020 ihren Betrieb aufnehmen wird. Vorher (wann?) wird noch darüber abgestimmt. Schaun wir mal, wie Europa bis dahin aussehen wird. Hier heisst es für alle Beteiligten erst mal: Ausatmen und wieder abregen.
  3. Wenn die Einrichtung tatsächlich kommt, wäre es am besten, im Quartier würde sich ein privater Verein bilden, der das Zentrum und die Menschen darin begleitet, sie bei ersten Schritten der Integration unterstützt, sich allfälliger Probleme annimmt und auch bei der Kommunikation im Quartier hilft.

Ja, und dann war ich noch so leichtsinnig, kundzutun, ich würde mich bei einem solchen Verein beteiligen, weshalb ich meine Koordinaten beim Chef des Sphères, Bruno Deckert, hinterlegt habe. Wenn jemand mitmachen will.

矛盾论 – Über den Widerspruch

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Ich bekenne mich als einer aus dem „Haufen altgrüner linker Strategen, die nicht wissen, wie man ein Gewehr lädt“ (danke Eva C. Schweitzer für die hübsche Charakterisierung), die sich trotzdem Gedanken machen, warum die Politik des Westens in Syrien (und nicht nur dort) in so irrwitziger Weise gescheitert ist, und was da eigentlich zu tun ist, wenn überhaupt etwas, oder ob wir mit dem Labour-Abgeordneten Dennis Skinner die Hände über dem Kopf zusammenschlagen müssen und ausrufen: “What a crazy war. Enemies to the right of us, enemies to the left of us. Keep out.

Der erste Eindruck der momentanen Beschlusslage zum Militäreinsatz in Syrien ist – von den allermeisten geteilt – dass es keine Strategie gibt, keine klare Definition von Freund und Feind, dass man aber „etwas tun“ und „Solidarität beweisen“ müsse. Reiner Aktionismus also, schädlich und gefährlich.

Noch viel mehr stört mich, dass die Eliten in Frankreich, Deutschland und anderen Ländern Analyse durch Emotionen ersetzen, und plötzlich den Eindruck erwecken, als habe sich hier mit Daesh (oder ISIS, oder ISIL, oder IS) ein einzelner schrecklicher Feind erhoben, den es niederzuringen gelte, wo in Wahrheit diese Entität (Terrorstaat? Terrorbande?) nur der schauerlichste Ausdruck einer viel breiteren verfahrenen Situation ist. Ohne die Situation zu lösen, kann man IS nicht besiegen. Ohne die Situation (und auch die eigenen Möglichkeiten) zu analysieren, kann man sie nicht lösen.

Hier ist auch der Punkt, wo es sich die meisten Kritiker des jetzt geplanten Militäreinsatzes zu leicht machen, wenn sie rufen „Keep out!„. Denn der Westen – die USA, Grossbritannien, Frankreich, aber auch Deutschland und die anderen Länder Europas – sind tief verstrickt in die „Situation“ und müssen Rede und Antwort stehen, wie sie zu einer Lösung beitragen können.

Einer der zweifelhaften Vorteile des Alt-seins besteht ja darin, dass man sich bei manchen Ereignissen dunkel erinnert, dass man sich mit ähnlichen Dingen in ganz anderem Zusammenhang schon mal befasst hat. Kann man daraus – mit allem Vorbehalt – etwas lernen?

Mao Tse-Tung and Patrick J. HurleyAls Gegengift gegen die emotional motivierte Verkürzung des Problems in Syrien auf „Krieg gegen IS“, habe ich tief im Keller eine alte Schrift von Mao ausgegraben: „Über den Widerspruch“ (máodùn lùn). Mao war ja ein ebenso begnadeter Militärstratege, wie er ein grauenvoller Staatslenker war, und beides ist in dieser Schrift spürbar: Ein vollkommen vernagelter geschichtsphilosophischer Dogmatismus koexistiert hier mit einer klugen analytischen Methode zur Behandlung komplexer Widersprüche.

Auf Maos Schrift bin ich deshalb gekommen, weil er ein Konzept des „Hauptwiderspruchs“ vertritt, das ich bei der Analyse der Situation in Syrien schmerzlich vermisse. Das Fehlen eines militärstrategischen Hauptwiderspruchs, entlang dessen Koalitionen gebildet werden können, perpetuiert nur das allseitige Gemetzel, das derzeit zu beobachten ist und Millionen in die Flucht treibt.

In der Berichterstattung tauchen auf:

  • Assad jr., der sich an die Macht klammert und bereit ist, dafür sein gesamtes Volk zu ermorden. Er verfügt über eine erstaunlich loyale Armee und wird unterstützt von Russland und Iran; er ist der letzte der säkularen arabisch-nationalistischen Militärdiktatoren (sein Vater Hafiz al-Assad, in einer Reihe mit Saddam Hussein, Ghadafi, Nasser), die mit teilweiser „linker“ Rhetorik die Kolonialherrschaft abgelöst haben und bis auf Ägpten untergegangen sind, wobei klar wurde, dass ihre Erben islamistische Fanatiker sein würden.
  • Die zivile Opposition, die im Arabischen Frühling friedlich begonnen hat und inzwischen nicht mehr als solche erkennbar ist.
  • Die „Freie Syrische Armee“, die vor allem über Sprecher im Exil wahrnehmbar ist und möglicherweise die zivile Opposition vertritt; auf dem Schlachtfeld spielt sie keine grosse Rolle; hier gab es Hoffnungen auf Unterstützung durch den Westen, die aber trotz Obamas vollmundiger „roter Linien“ nicht erfüllt wurden.
  • Die Kurden, von denen es verschiedene Untergruppen gibt, einige verbunden mit der PKK, andere mit den Peshmerga in Irak; sie haben lange versucht, sich aus dem syrischen Bürgerkrieg herauszuhalten, also auch nicht intensiv gegen Assad gekämpft, sind aber an vorderster Front gegen IS;
  • die Turkmenen, von denen man erst durch den Abschuss des russischen Kampfjets etwas gehört hat, die aber wohl zum Klientel von Erdoğan gehören;
  • diverse mehr oder weniger fanatische islamistische „Rebellengruppen“ wie Al Nusra, die abwechselnd Assad, die Freie Syrische Armee, sich untereinander und den IS bekämpfen;
  • und schliesslich der IS, der als eine besonders radikale „Rebellengruppe“ begann und inzwischen seinen eigenen Terrorstaat betreibt.

Russland (verbündet mit Assad), Iran (verbündet mit Hisbollah und Assad; Hauptfeind: Israel; Krieg gegen Saudi Arabien im Jemen), Saudi Arabien (Anwalt der radikalen Sunniten, deshalb tendentiell Freund von IS und Verbündeter des Westens, Feind: Iran), die Türkei (NATO Mitglied; Hauptfeind: Assad, daneben die Kurden), die USA (völlig orientierungslos) sind alle auf verschiedenen Seiten über Kreuz engagiert.

Trotzdem und gerade deshalb ist der Westen gezwungen, eine Militärstrategie zu entwickeln und zu verfolgen. Er kann sich weder raushalten, noch durch gelegentliches Bombardieren irgend etwas nützliches bewirken. Als „altgrüner Stratege, der nicht weiss, wie man ein Gewehr lädt“ mache ich einfach mal ein paar haltlose Vorschläge:

  1. Der IS ist kein stabiles Gebilde; er lebt von der militärischen Eskalation. Es wäre klug, eine Eindämmungs-Strategie zu fahren, und sich dabei stark auf die unmittelbar angrenzenden Nachbarn, die Kurden zu stützen. Gleichzeitig muss der IS von Nachschub von Geld (Schmuggel über die Türkei) und Zustrom von Fanatikern aus Europa abgeschnitten werden (= wichtigste Hausaufgabe für Europa).
  2. Der Hauptfeind ist Assad. Es muss eine Koalition aller Oppositionsgruppen (ohne den IS) gegen Assad gebildet werden. Der Einfluss von Russland und Iran muss neutralisiert werden.
  3. Wichtig ist, dass die Angehörigen der syrischen Armee und überhaupt der Anhänger Assads eine Perspektive bekommen und vor Rache geschützt werden.
  4. Libyen und Irak sind warnende Beispiele, wie es nicht laufen darf, d.h. hier ist eine massive Unterstützung beim Wiederaufbau erfordert.
  5. Der Westen sollte sich auf zwei Aspekte fokussieren: a. Aktive Unterstützung der Kurden bei der Eindämmung des IS, und b. (auch militärische) Garantien für die Oppositionsgruppen, wie: no-fly-zones. Dies muss notfalls auch ohne Einverständnis Russlands und Irans erfolgen.

Vielleicht ist jeder Einzelne der Punkte Quatsch; sicher ist das alles noch viel zu abstrakt. Ich bin zu wenig mit den Einzelheiten dieses Gewirrs von Faktoren vertraut, um mit Zuversicht sagen zu können: So muss man es machen. Aber was ich weiss ist, dass eine Festlegung auf eine irgendwie so geartete Strategie eine notwendige Voraussetzung ist, um erfolgreich in diesem Brandherd agieren zu können.

1½ Wahlen und 1½ Abstimmungen

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1½ Wahlen und 1½ Abstimmungen gibt es am kommenden Sonntag in Zürich.

Die eine Wahl ist einfach: Wer wird der zweite Vertreter des Kantons im Ständerat? Zur Wahl stehen:

Hans-Ueli Vogt, ein sympathischer, intellektueller, leise auftretender Mensch, der sich aber als klar festgelegter Vertreter der SVP mit einer „Selbstbestimmungsinitiative“ bekannt gemacht hat, um sicherzustellen, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte der Schweiz nicht ins Käsefondue spuckt: Selbstbestimmung vor Menschenrechte. Er führt seinen Wahlkampf gegen einen (gar nicht auf der Tagesordnung stehenden) EU-Beitritt und – natürlich – gegen Flüchtlinge, Asylanten u.s.w.

Ruedi Noser tritt ebenfalls ruhig und sympathisch auf und betont seine Unabhängigkeit als Unternehmer. Er vertritt die FDP, aber hauptsächlich sich selbst. Er erklärt offen, dass er seine Interessen vertritt, die im Übrigen einen offenen Arbeitsmarkt einschliessen, was ihn – jedenfalls in diesem Punkt – in Gegensatz zu Vogt bringt. Beeindruckt hat mich seine Stellung zur Energiewende: Das einzig für ihn interessante Kriterium in dieser Frage ist, wie es für die Schweiz von Fall zu Fall am preisgünstigsten wird. Wenn die Deutschen so blöd sind, erneuerbare Energien zu subventionieren, dann soll man diese Subventionen mitnehmen und die Energie von dort beziehen, aber um Gottes Willen nicht selbst in diese Technologie investieren.

Tagi AnzeigeBastien Girod von den Grünen macht mit seinen 35 Jahren einen sehr jugendlichen Eindruck. Trotzdem nimmt man ihm ab, dass er einiges an Erfahrungen gesammelt hat und mit seinem ökologischen Schwerpunkt gute Impulse im Ständerat setzen kann. Ich muss zugeben, dass ich sein Buch „Green Change: Strategien zur Glücksmaximierung“ nicht gelesen habe, ist vielleicht auch besser so. Jedenfalls hat es mir der Kandidat so angetan, dass ich sogar eine persönliche Anzeige im Tagi platziert habe (sauteuer). Also wer noch nicht gewählt hat: Sonntag Vormittag, auf zum Wahllokal!

Die halbe Wahl ist die vom Statthalter. Was immer das ist. Beim Blättern in den Wahlunterlagen finde ich nichts, was mir hilft, auf die Schnelle zu entscheiden. Im Gegenteil. Auf dem Wahlzettel steht (sinngemäss): „Einzelheiten zur Wahl und die Liste der Kandidierenden finden sich auf der beigelegten Anleitung“, aber Pustekuchen. Nix liegt bei. Wenn Zürich Köln wäre, wäre diese Wahl unter Hohngelächter des Publikums annuliert worden. So aber lege ich einen ungültigen Stimmzettel bei, und der (einzige) Kandidat Mathis Kläntschi hat jetzt meine Stimme nicht bekommen, wirds aber wohl trotzdem werden. Möge er weise statthalten.

Auch bei den Abstimmungen gibts eine die ich verstehe, und eine andere.

Die eine Abstimmung geht um die Limmattalbahn. Im Clurr, einer von meinem Ex-Kollegen Kurt Weiss organisierten monatlichen Vortrags- und Debattenrunde, haben wir schon vor Jahresfrist von diesem Projekt gehört. Es geht um ein komplexes, von mehreren Trägern gemeinsam gestemmtes Infrastrukturprojekt, das die Planungsphase hinter sich hat und jetzt entschieden werden muss. Dazu zwei Anmerkungen: Erstens ist dies ein Idealfall einer vom Volk entscheidbaren Abstimmung. Es gibt einen Prospekt des Projektes, es ist konkret, es hat einen Preis, und jeder kann entscheiden. Zweitens bin ich 100% dafür, denn dies ist eine echte Investition in die Zukunft.

Die andere Abstimmung trägt den monströsen Titel „Änderung der Gemeindeordnung; Anpassung der Aufgabenzuordnung der Departemente sowie von Bestimmungen des Abschnitts Schule und Schulbehörden; Umbenennung eines Departements, Streichung einer Kompetenzbestimmung Gemeinderat„. Hier soll man mit einem einfachen „ja“ oder „nein“ antworten. Ich halte das für krank. Selbst bei meinem Versuch, den Abstimmungsprospekt im Einzelnen zu studieren, bin ich gescheitert. Gleich der erste Punkt: Artikel 41 Punkt s soll aufgehoben werden. Er lautet heute: Dem Gemeinderat stehen zu … „s) Verleihung und Änderung von Konzessionen für die Beanspruchung des öffentlichen Grundes durch Kabelnetze für Daten, die öffentlich angeboten werden.“ – Das soll also gestrichen werden. Ganze 17 solche Änderungen soll ich mit einem einzigen „ja“ oder „nein“ durchwinken.

Was läuft hier falsch? Ich glaube, hier zeigen sich die Grenzen der direkten Demokratie und eine Schieflage bei der Gewaltenteilung zwischen Parlamenten und Volk. Wozu wähle ich die Gemeindeparlamentarier, wenn sie mir solchen Kram vor die Füsse kippen? Ich habe jedenfalls den entsprechenden Stimmzettel ins Altpapier gegeben.

Sven Kuntze und das Altern

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Sven war Genosse in Tübingen, ein paar Jahre älter als ich (genauer gesagt, neun Jahre, aber das war mir damals egal). Ich selbst wurde als Gymnasiast in die späte Phase der 68er Bewegung gezogen, als der antiautoritäre, rebellische und individualistische Geist der frühen Zeit mehr und mehr durch dogmatische marxistische Ideologie ersetzt wurde, und leninistische, trotzkistische, maoistische, stalinistische und andere bizarre Varianten von Dogmatik, Rechthaberei und Sektierertum Einzug hielten. Als ich Sven begegnete auf Teach-ins, AStA Kongressen, Vollversammlungen, war er zweifellos genauso linksradikal wie ich. Aber da er, anders als ich, aktiv teilgenommen hatte, als sich die Radikalität der 68er aus viel breiteren Strömungen von philosophischen, soziologischen, psychoanalytischen – und auch politischen Wurzeln entwickelte, war für mich schon damals spürbar, dass er aus reicheren Quellen schöpfte als ich, der hauptsächlich theoretisch nachvollzog, was andere vorgedacht hatten.

Politik war damals mein Leben, und ausserhalb der zahllosen öffentlichen und konspirativen Veranstaltungen und Aktionen, die damals unsere Tage füllten, hatte ich keinen Kontakt mit Sven, aber er war eine vertraute Gestalt, freundlich, zugetan und ich hatte das Gefühl, dass ich ihn jederzeit um Rat fragen konnte. Was ich natürlich nie tat.

Später mussten wir uns alle, jeder für sich, aus dem Verlies linksradikaler Dogmatik wieder herausarbeiten. Schrittweise, über Jahre, und immer wieder über Brüche, in denen wir unsere eigenen Wege gingen und alte Zusammenhänge aufgaben. So habe ich den Kontakt zu Sven verloren.

Jahre später wurde er mir eine vertraute Gestalt im Fernsehen, und jedesmal freute ich mich: Mensch, das ist doch Sven, den kennst du doch! – Er enttäuschte mich nicht. Er war charmant, leicht ironisch, gut aussehend, und er machte ausgezeichneten Journalismus. Ich dachte höchstens: Schade, dass man den Kontakt zu interessanten und angenehmen Menschen so dumm verliert, weil man ihn nie gepflegt hat.

Ich gestehe, ich habe es gar nicht mitbekommen, als er seine aktive Laufbahn beendete, und eines Tages sah ich ihn wieder auf dem Bildschirm in einer Talkshow, diesmal als Gast – eine Gesichtshälfte vollständig gelähmt. Ein schrecklicher Anblick.

Ich war so erschüttert, dass ich keinerlei Erinnerung daran habe, worum es in der Sendung ging. Das kann man natürlich heute im Internet nachlesen. Aber in dem Moment folgte ich der ganzen Sendung nur, um Sven anzuschauen, dem der Auftritt offenbar so wichtig war, dass er dafür in Kauf nahm, sich so entstellt zu zeigen, wie er war. Es war ihm sichtlich unangenehm; immer wieder drehte er die „gute“ Gesichtshälfte zur Kamera, und mit einem Tüchlein bedeckte er den einseitig gelähmten Mund.

Jetzt habe ich sein Buch gelesen – Altern wie ein Gentleman. Abgesehen davon, dass der Titel etwas schräg neben dem Buch steht – hier vermute ich den Verlag am Werk, denn der Begriff „Gentleman“ taucht sonst im Buch überhaupt nicht auf – ist es eine gut recherchierte, schön geschriebene Studie über die Besonderheiten der ins Alter kommenden „baby boomer“ Generation, die Sven Kuntze die „vierziger“ nennt.

Gleichzeitig ist das Buch auch sehr persönlich. Er selbst gehört zu dieser Generation, und er beschreibt, wie er sich der Herausforderung des Alters stellt.

Dass dieses Buch beide Perspektiven verbindet – die objektive des wissenschaftlichen Beobachters, der wahre Aussagen macht über eine Population, und die subjektive, die um Fragen ringt, deren Zielpunkt der eigene Tod ist – macht das Buch gleichzeitig interessant und problematisch.

Denn während die objektive Perspektive einer Wahrheit verpflichtet ist, die letztlich auf Statistik ruht, für den Einzelnen aber vielleicht ganz anders aussieht („die 40er Generation hat den Generationenvertrag aufgekündigt“), ringt die subjektive mit dem Anspruch auf persönliche Ehrlichkeit. Man kann Sven Kuntze abnehmen, dass er beides sehr ernst nimmt. So hat er das Leben in Altenpflegeheimen so intensiv recherchiert, wie er sich mit dem Moment seines eigenen Ausscheidens aus dem Arbeitsalltag auseinander gesetzt hat. Beides habe ich noch vor mir und habe – nicht nur deshalb – Svens Ausführungen mit grossem Interesse gelesen.

Aber hier laufen die Dinge auseinander. Sven meint in dem Buch – das er vor der Operation schrieb, die sein Leben gerettet, aber sein Gesicht zerstört hat – dem Altern quasi als idealtypischer Vertreter seiner Generation entgegenzusehen. „Wir wissen, dass der Körper langsam entkräftet.“

Statistisch und insgesamt ist das die Wahrheit. Aber ich neige zu der Auffassung, dass die wirklich bösen und verderblichen Keulenschläge des Schicksals immer aus einer Richtung kommen, wo wir sie nicht erwarten und uns deshalb schwer wappnen können. Und dass der Weg nach unten in vielen Fällen weniger einer geneigten geraden Linie ähnelt als einer Treppe mit unregelmässig breiten und tiefen Stufen, von denen uns jede auf unterschiedlichste Art, aber immer unvorbereitet trifft.

Gerade weil ich Svens Buch die Ernsthaftigkeit abnehme, mit der er sich seinem Altern stellt, geht es mir seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf und ich schreibe hier ganz unsinnig lange Texte darüber. Das ist doch schon mal etwas. Lieber würde ich mich mit ihm darüber unterhalten.