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Als Kandidat zur Nationalratswahl auf einem der hinteren Listenplätze wurde ich aufgefordert, meinen Smartvote-Fragebogen auszufüllen; das habe ich auch brav gemacht. Der Vorteil für mich: Wenn Wahlberechtigte ihrerseits den Fragebogen ausfüllen, werde ich denen, die meinen Antworten am nächsten kommen, als Kandidat präsentiert. Coole Sache.
Das spektakulärste und auch populärste Ergebnis des ausgefüllten Fragebogens ist allerdings der «Smartspider»; eine grafische Darstellung, die meiner politischen Präferenz eine plastische Darstellung gibt, die vor allem in der Schweiz, aber darüber hinaus in ganz Europa benutzt wird.
Irgendwas hat mich an dieser Darstellung immer gestört. Im folgenden möchte ich erklären, was.
Wo kommen die acht Achsen her, und warum sind sie so angeordnet wie sie es sind? Die Internet-Seite von Smartvote [1] verlinkt einen «Methodenbeschrieb»[2] (auch schon ein paar Jahre alt). Der erklärt, wie die Interviewfragen auf die acht Achsen des Spider abgebildet sind, gibt auf meine Fragen aber keine Antwort: Die acht Achsen scheinen irgendwie vom Himmel gefallen zu sein.
Schauen wir genauer hin. «Liberale Gesellschaft» (oben links) und «Law und Order» (unten rechts) scheinen ein Gegensatzpaar zu sein. Je mehr ich für das eine bin, desto mehr bin ich gegen das andere. Was auch bedeutet, ich kann nicht in hohem Masse für «liberale Gesellschaft» als auch für «law and order» sein. Oder doch?
Dass die gegenüberliegenden Achsen tatsächlich als Gegensatzpaare gedacht sind, zeigt sich auch daran, dass im ausgefüllten Spider (zumindest bei meinem Ergebnis) die beiden gegenüberliegenden Werte sich immer zu ca. 100 ± 20 addieren.
| Offene Aussenpolitik | 95 | Restriktive Migrationspolitik | 15 | 110 |
| Liberale Wirtschaftspolitik | 35 | Ausgebauter Umweltschutz | 85 | 120 |
| Restriktive Finanzpolitik | 40 | Ausgebauter Sozialstaat | 65 | 105 |
| Liberale Gesellschaft | 80 | Law & Order | 30 | 110 |
Aber warum sind «ausgebauter Umweltschutz» und «liberale Wirtschaftspolitik» ebenso ein Gegensatz? Ich kann angeblich nicht in gleichem Masse für beides sein. Das sehe ich komplett anders.
Ein Schritt zurück.
Ursprünglich stammt der Spider vom Geographischen Institut der Universität Zürich. Michael Hermann, promovierter Geograph, und Heiri Leuthold haben in der Zeit 2000-2003 eine sehr originelle «politische Landkarte» der Schweiz präsentiert. Interessant – und in ihrer Arbeit konsistent – sind die Dimensionen dieser Karte nicht nord/süd-ost/west, sondern liberal/konservativ und links/rechts.
In ihrer ursprünglichen Arbeit «Weltanschauung und ihre soziale Basis im Spiegel eidgenössischer Volksabstimmungen» [3] aus dem Jahr 2000 kommen Herrmann und Leuthold durch eine «Faktorenanalyse» zu der Erkenntnis, «dass sich Weltanschauung aus drei Komponenten zusammensetzt, die durch die drei Achsen des Raums repräsentiert werden.»
Man kann darüber streiten, ob der Begriff «Weltanschauung» überhaupt ein wissenschaftlich nutzbarer Begriff ist, aber das sei mal dahingestellt.
Ihre These lautet: «Die aufgedeckte Struktur der Weltanschauung setzt sich aus den drei Komponenten Links gegen Rechts, Liberal gegen Konservativ und Ökologisch gegen Technokratisch zusammen.» – und zwar nicht aus politischer Theorie abgeleitet (deduktiv), sondern strikt als Ergebnbis ihrer Faktorenanalyse (induktiv).
Allerdings: «Bei ihrer Benennung verwendeten wir gebräuchliche politische Begriffe. Damit wollen wir der Tatsache Rechnung tragen, dass im politischen Diskurs ein Vorverständnis über weltanschauliche Gegensätze besteht, dem keine abgehobenen Modelle oder Neologismen entgegengesetzt, sondern dessen Kategorien und Begriffe verfeinert und geschärft werden sollen.»
Das ist ein wichtiger Punkt: Hermann/Leuthold machen eine Cluster-Analyse und geben dann den so gefundenen Clustern Namen, die (zu diesem Zeitpunkt) «gebräuchliche politische Begriffe» sind. Der Effekt ist, dass sie die so gefeatureten Begriffe nicht nur «verfeinern und schärfen», sondern vor allem verstärken.
Der nächste Punkt ist, dass sie – obwohl ursprünglich alle drei Achsen gleich relevant zu sein scheinen, aus Darstellungsgründen die Achse «ökologisch gegen technokratisch» einfach weglassen und bei einer zweidimensionalen Darstellung landen, bei der sie über zwanzig Jahre hinweg konsequent bleiben. «Liberal» oben, «konservativ» unten, «links» links und «rechts» rechts. Plus die Kombination der beiden Achsen als «linksliberal», «rechtsliberal» usw. (Graphik aus [4])
Diese Topologie liegt auch dem Spider zugrunde, wobei «ausgebauter Umweltschutz» wirklich schräg auf «linkskonservativ» gemappt wurde. Im Übrigen wird im Spider diese zugrundeliegende Topographie der beiden Achsen nicht transparent gemacht.
Nach diesem Ausflug in die Herkunft des Spider jetzt meine Kritikpunkte:
- Hermann überhöht die gefundenen Achsen ontologisch zu einem Raum, in dem alle Politik stattfindet. Gegenthese: «links-rechts» ist nur eine Metapher, die aus der Zeit der französischen Revolution stammt, im Zeitalter der sozialistisch-kapitalistischen Klassenkämpfe ihre klarste Bedeutung hatte, aber heute nur bedingt aussagekräftig und vor allem nicht auf alle Fragen anwendbar ist.
- Ausnahmslos alle politischen Auseinandersetzungen auf diesen Raum abzubilden, verfälscht wichtige Fragen. Wer heute behauptet, der Kampf gegen die Klimakatastrophe sei ein linkes Projekt, hat überhaupt nichts verstanden. Ebenso wenig die Unterstützung der Ukraine in ihrem Überlebenskampf gegen den russischen Überfall. Ist das «links», oder «rechts» oder «mitte»?
- Durch die Zweidimensionalität der Darstellung bleibt zwischen «links» und «rechts» nur die «Mitte» im Sinne eines unentschlossenen halb-und-halb. Dass es Fragen gibt, die sich auf diese Achse überhaupt nicht beziehen, also weder «links» noch «rechts» noch «mitte» sind, lässt sch in diesem Schema überhaupt nicht darstellen. Das selbe gilt auch für die vertikale Achse.
- Es kann sein, dass in einem bestimmten Moment Parteien, die sich selbst als «links» oder «rechts-bürgerlich» sehen, bestimmte Fragen früher als andere «besetzen» und «bewirtschaften». Beispielsweise war die Atomkraft in einer bestimmten Zeit eher von linken als von rechten Kräften thematisiert. Das war aber nie durchgängig so und hat sich im Lauf der Zeit auch gewandelt. Der Spider scheint aber eine bestimmte politische Frontstellung, die vor Jahrzehnten galt, eingefroren zu haben.
- Es wäre dringend nötig, das im Jahr 2000 angewandte grundsätzlich richtige Verfahren der Cluster-Analyse von Grund auf neu, ohne Anbindung an «gebräuchliche politische Begriffe» und unter Berücksichtigung der in den letzten zwanzig Jahren entstandenen Problemstellungen durchzuführen und sich von den eingebauten Vorurteilen zu verabschieden.
Quellen
[1] Internet-Seite von Smartvote https://smartvote.ch/de/home
[2] Methodenbeschrieb für den Smart Spider von 2015 https://sv19.cdn.prismic.io/sv19%2Fc76da00f-6ada-4589-9bdf-ac51d3f5d8c7_methodology_smartspider_de.pdf
[3] Weltanschauung und ihre soziale Basis im Spiegel eidgenössischer Volksabstimmungen, © (2001) Swiss Political Science Review 7(4): 39-63; herzlichen Dank an Virginia Reinhard von smartvote.ch, dir mir den Artikel zur Verfügung gestellt hat.
[4] Atlas der politischen Landschaften: Ein weltanschauliches Porträt der Schweiz Hardcover – 1 Dec. 2003 by Michael Hermann, Heiri Leuthold
bei Amazon: https://www.amazon.de/dp/3728129011,
bei Google Books: https://www.google.ch/books/edition/Atlas_der_politischen_Landschaften/h37EYnpaswEC (mit Vorschau)
[5] Michael Herrmann TEDxZurich Talk 2010 https://www.youtube.com/watch?v=Uaa07M1f9s0
[7] Politische Gräben durchziehen die Schweiz. Ist die Willensnation in Gefahr? Vortrag von Michael Herrmann vor dem Schweizerischen Städtetag, 2015 https://staedteverband.ch/cmsfiles/stadtetag_genf_hermann.pptx.pdf
