Ein interessanter Beitrag im Infosperber lockte mich an diesem heissen Sommer-Sonntag ins Kunsthaus Zürich. Während Europa mitten in einem Geflecht von Krisen steckt, während die Schweiz – getrieben von rechtspopulistischen Parolen – ihr bisher schon kompliziertes Verhältnis zu Europa weiter untergräbt, präsentiert das Kunsthaus „Europa, die Zukunft der Geschichte“.
Max Ernst, Europe After the Rain I, 1933 (Im Jahr der Machtüberahme der Nazis gemalt, gibt das Bild der Ahnung ausdruck, dass „nach dem Regen“ Europa nicht mehr wiederzuerkennen sein wird.) |
Jürg Müller-Muralt hat in seinem oben erwähnten Artikel die in jedem Fall sehenswerte Ausstellung recht gut beschrieben, und damit auch getroffen, warum ich selbst den Ort etwas ratlos verliess. Es wird kein Werk präsentiert, sondern ein sehr weites Feld mit einer eklektischen Schau ganz unterschiedlicher Medien dargestellt, ein Feld, das umzingelt ist von Projektionen, Ängsten, Hoffnungen, Abgrenzungen, Identitätsfindungen. Deshalb lässt es sich nicht vermeiden, dass die Ausstellungsmacher eine message haben. Müller-Muralt lobt, die Besucherinnen und Besucher würden „nicht in aufdringlicher volkspädagogischer Absicht an der Hand genommen.“ – Vielleicht nicht aufdringlich, aber irgend wie doch schon. Und darauf reagiere ich allergisch.
Warum – frage ich mich – wird dieses Thema jetzt platziert? Mit der aktuellen Zuspitzung um Griechenland kann das nichts zu tun haben – solche Ausstellungen haben einen Vorlauf von mindestens einem Jahr. Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative liegt da terminlich näher.
Europa ist für die Schweiz wichtig. Jeden Tag sind die Zeitungen voll mit Artikeln über das europäische Ausland. Die politisch interessierten Menschen, die ich kenne, fühlen sich alle als Europäer. Gleichzeitig haben sie wiederholte traumatische Erfahrungen damit gemacht, dass das Stimmvolk ihre Europa-Begeisterung nicht teilt. Europa ist in der Schweiz hoch emotional. Ein Zugang über die Kunst vielleicht nicht der schlechteste.
Statt die Frage zu stellen, wie man die Mehrheit der Schweizer von Europa begeistern kann, müsste man vielleicht die Frage umdrehen. Wie müsste ein Europa aussehen, bei dem sich in der Schweiz die Stimmverhältnisse ganz von selbst umkehren würden? Und bei dem sich auch in Grossbritannien, vielleicht sogar in Deutschland und anderen Ländern die Mehrheit der abstimmenden Menschen für Europa aussprechen könnten?

Am Donnerstag feierte uns die Stadt Zürich im Kongresshaus – gemeinsam mit knapp 2000 anderen Menschen aus 100 Ländern, die alle 2014 in Zürich eingebürgert wurden. Etwas mehr als 700 Leute waren der Einladung gefolgt und sorgten für einen vollen Saal.
Stadt-Regierung („Stadtrat“ – das muss ich erst noch lernen) und der Christlichdemokratischen Volkspartei CVP, ans Mikrophon. Seine Ansprache – gewürzt mit dem Versprecher, die Fremden und die alteingesessenen Zürcher mögen aufeinander losgehen – äh, nein, zugehen – enthielt einige deutliche Worte zur Masseneinwanderungs-Initiative
vom Februar 2014, deren Annahme er sehr bedauerte (so ein blödes Volk!), und versicherte, in Zürich hätten mehr als 70% dagegen gestimmt, denn Zürich sei schon immer eine weltoffene und Fremden gegenüber aufgeschlossene Stadt gewesen. Als weitere Rednerin kündigte er eine in Zürich lebende Iranerin und Historikerin der islamischen Kunst an, vorher aber spielte nochmal die Big Band ein paar internationale Stücke.
Die Professorin, Elika Djalili, sprach zum Glück nicht über ihr historisches Fachgebiet, sondern erzählte, wie sie – zum Studium nach Zürich gekommen, durch die Iranische Revolution zum Bleiben gebracht, sich zunächst gar nicht sonderlich für die Verhältnisse in ihrer Heimat interessiert hatte, dann aber – weil sie immer und immer wieder von ihrer neuen Umgebung darauf angesprochen und befragt wurde, begonnen habe, sich mit der Kultur ihres Landes näher auseinanderzusetzen, und erst in der Fremde zur Expertin für die alte Heimat wurde. Hübsche Dialektik.