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Ich habe mir abgewöhnt, Politiker-Bücher zu lesen. Und doch: um ein Politiker-Buch handelt es sich hier. Das ist kein Vorwurf. Ralf Fücks, ehemaliger Vorsitzender der Grünen, ist ein engagierter streitbarer erfolgreicher Politiker, und er hat etwas zu sagen. Das Buch Intelligent Wachsen besetzt eine Leerstelle: Nach einer Flut fundamentaler Texte in der Frühphase der Ökologiebewegung, die auch mein damaliges Denken geprägt haben, ist es ruhig geworden an der Welterklärungsfront. Das hat zweifellos sein Gutes, denn Ideologie verschleiert die Sicht auf die Dinge; andererseits erscheint die politische Bühne heute orientierungsloser; Entscheidungen werden ad hoc getroffen; ein großes Ziel ist nicht in Sicht.

In dieser Lage eine Gesamtschau zu bieten mit Fokus auf die großen Linien der Politik ist ein anspruchsvolles, auch riskantes Unterfangen, und lesenswert.

Das Buch, so verspricht Fücks, “skizziert Wege in eine ökologische Moderne, deren Konturen sich heute bereits abzeichnen. Und es vertraut darauf, dass die Selbstgefährdung unserer Zivilisation mit den Mitteln der Moderne überwunden werden kann: Wissenschaft, Technologie, Demokratie.

Dies ist ein großer Anspruch, und um sich nicht in der Breite zu verlieren, setzt der Text einige Punkte voraus, ohne sich damit weiter aufzuhalten:

  • Der Klimawandel droht, und er ist die “Mutter aller Krisen” (S.35) mit gravierenden Folgen; um ihn und seine Vermeidung dreht sich fast das ganze Buch.
  • Der Klimawandel ist vom Menschen – genauer vom CO2 Ausstoß verursacht.
  • Um den CO2 Ausstoß herunterzufahren, ist der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern Kohle, Öl, Gas zwingend.
  • Erneuerbare Energien – nicht Atomkraft – müssen an ihre Stelle treten.

Wer diese Prämissen nicht teilt, wird sich von dem Buch nicht angesprochen fühlen. (Aus Schweizer Perspektive interessant ist der letzte Punkt, wo die bürgerlich-liberalen zwar dem CO2 Reduktionsziel halbherzig zustimmen, aber Atomkraft für ein probates Instrument halten, dies zu erreichen.)

Stattdessen setzt sich Fücks ausführlich auseinander mit dem Argument, dass nur Wachstums- und Konsumverzicht die Menschheit vor dem Kollaps der Ökosysteme bewahren könne. Das sind die Positionen des Club of Rome und anderer Warner aus den Siebziger Jahren, die ich damals auch alle verschlungen habe, und deren Prognosen sich als falsch herausgestellt haben.

Ganz eingeleuchtet hat mir Konsumverzicht als politische Handlungsmaxime schon damals nicht (die individuelle Entscheidung dazu ist selbstverständlich respektabel, genau wie etwa die, Einsiedler zu werden oder einem Kloster beizutreten); als politisches Programm für eine Partei war “degrowth” schon immer, wie von Fücks treffend beschrieben, illiberal, autoritär und unerfreulich. Was ich nicht nachvollziehen kann – sicher bin ich da zu weit weg von den deutschen innergrünen Verwerfungen – welche Bedeutung solche Positionen heute im politischen Raum (noch) haben; die meisten der im Buch zitierten Quellen der Wachstumsgegner (Bahro, Meadows u.a.) machen auf mich einen etwas angestaubten Eindruck.

Ein großer Teil des Buches zeigt auf, wo bereits heute auf verschiedenen Feldern – Ökonomie, Städtebau, Landwirtschaft, Energieerzeugung – eine Abkehr von der fossilen Ökonomie stattfindet. Das ist sehr breit, enzyklopädisch angelegt, und höchstens dadurch im Wert etwas relativiert, dass die reale Entwicklung in der von Fücks gezeigten Richtung (und seine Position bestätigend) seit Herausgabe des Buches 2013 mit Siebenmeilenstiefeln vorangeschritten ist. Seine zentrale These jedenfalls, dass nur Erfindungsgeist und Innovation uns aus der Klimafalle befreien können, dass dafür Investitionen stattfinden müssen, und diese ohne Wachstum nicht passieren werden, ist klar und – jedenfalls für mich – unstrittig.

Allerdings bin ich bei der Lektüre immer wieder darüber gestolpert, dass Fücks von einer Beschreibung dessen, was passiert, in eine subjektlose normative Sprache übergleitet. Nicht dies, sondern jenes steht zur Debatte, es kommt darauf an, es geht darum, dies und jenes steht auf der Tagesordnung. Und ich frage mich: auf wessen Tagesordnung? Auf meiner? Auf der von Ralf? Oder doch auf der des objektiven Weltgeists Hegelscher Prägung?

Ein Beispiel (in dem es grammatikalisch sogar ein Subjekt gibt): “Wir müssen die Gesellschaften, die sich im Aufbruch in die Moderne befinden, dabei unterstützen, das fossile Zeitalter möglichst zu überspringen.” – Ein guter Gedanke. Nur: wer ist “wir”? Was heißt “müssen”?

Die Aussage bekäme Sinn als Parteiprogramm, mit einem impliziten Subjekt. (Eher amüsant, dass sich in dem 2013 herausgegebenen Buch die Empfehlung findet, “die im Herbst 2012 neu gewählte Bundesregierung” solle Nachhaltigkeit “zu einem Eckpunkt ihres Regierungsprogramms machen“.) Hinter der Unschärfe des handelnden Subjekts steht ein zweites Problem: Wer treibt die von Fücks skizzierten Innovationen? Was davon ist Ergebnis von Politik, was von unternehmerischen Entscheidungen? Was geschieht “sowieso”? Im Buch taucht ein abendländisches Gesamtsubjekt auf, das mir der Allmachts-Illusion des politischen Machers entsprungen scheint. Ein Politikerbuch halt.

In Wahrheit werden solche Dinge – mit Michael Merkels Worten – “in einem chaotischen Zusammenspiel verschiedenster Akteure, Philosophen, Techniker, Unternehmer, Priester, Journalisten usw.” entschieden. Welche Rolle Politik hier überhaupt spielen kann, ist spannend und wird in Ralf Fücks’ Buch nicht behandelt.

Noch etwas anderes halte ich für bedenklich. Ich weiss, man soll ein Buch nicht dafür kritisieren, dass es nicht ein anderes Buch ist. Das Thema dieses Buches ist eindeutig, wie bei wirtschaftlichem Wachstum (besser als in einer wachstumslosen Ökonomie) der Klimawandel verhindert werden kann. Im Vorwort allerdings wirft er das Netz deutlich weiter. Dort spricht Fücks sehr allgemein von der “Selbstgefährdung der Moderne”.

Ist der Klimawandel wirklich die “Mutter aller Krisen”? So sehr ich die Dringlichkeit sehe, dagegen vorzugehen, scheint er mir doch ein Problem nach einem bekannten Muster – wer erinnert sich noch an Waldsterben, Ozonloch und andere? Ich neige dazu, wie die Mathematiker zu sagen: Wenn ein Problem lösbar ist, erlischt der intellektuelle Reiz. Selbst wenn noch viel zu tun ist (und ja, wie von Fücks gezeigt, auch allerorten geschieht).

Es gibt aber noch ganz andere Herausforderungen, die teilweise heimtückischer sind und unsere Zivilisation von innen heraus infrage stellen – zum Beispiel das Verschwinden der Privatsphäre durch die digitale Durchdringung aller Lebensbereiche (NSA ist da nur ein Symptom), antimoderne religiöse und nationale Aufladung aller Diskurse im Zuge von Globalisierung, Völkerwanderungen, Gefährdung von Freiheit an vielen Fronten. Wenn es um die Selbstgefährdung der Moderne geht, ist der ausschliessliche Fokus auf den Klimawandel ein wenig eng.

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