New York in Sachen Frieden

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New York in Sachen Frieden

oder

Ein Grüner in Amerika

Das Folgende sind Tagebucheinträge aus dem Juni 1982. Ich verbinde keinerlei literarischen Anspruch mit ihnen und habe sie auch nicht inhaltlich überarbeitet. Damals bin ich als “Basisvertreter” des Grünen Kreisverbands Esslingen ziemlich unbedarft durch New York gestolpert, und so ist auch der Text. Für diejenigen unter euch, die damals dabei waren, oder sich an jene Zeit erinnern können (keine Handys, keine Email, nur Telefone mit Standleitungen) vielleicht eine kleine Lesefreude.

Donnerstag, 10. Juni 1982 (Fronleichnam)

Die Armbanduhr zeigte sechs Uhr früh. Morgenmuffelig stand ich am Parkplatz zum Hallenbad in Leinfelden. Der Tag versprach, sonnig und warm zu werden. In der rechten Hand hielt ich den kleinen Reisekoffer, den ich gestern spät abends noch mit Juttas Hilfe in aller Eile vollgepackt hatte; die Linke ruhte auf meiner kleinen Kartentasche, vollgestopft mit Stullen (“Sechskornbrot” mit Käse und Gurken in Alu-Folie in Plastiktüte), die mir Jutta vorhin noch zurechtgemacht hatte. (“Da werden sich deine Grünen ärgern. Und es bleibt schön frisch.”)

Leichte Nervosität befiel mich bei dem Gedanken daran, wieviele Hürden in den nächsten Tagen vor mir lagen – von wie vielen Faktoren es abhing, ob ich am nächsten Samstag wohlbehalten und zufrieden wieder in unserer kleinen Wohnung im Dachgeschoss sitzen würde, die ich von hier aus sehen konnte. Zum Beispiel ob mein Visum auch wirklich als gültig anerkannt werden würde, das sie mir vor mehr als zwei Jahren in meinen Pass gestempelt hatten; oder ob das Taxi auch kommen werde, das ich gestern gegen Mitternacht bestellt hatte. Eigentlich hätte es schon da sein müssen. Es war doch nicht etwa den anderen Weg gekommen und wartete nun vergeblich dort hinten, wo ich es nicht sehen konnte?! Aber da kam es ja schon, verpasste die Parkplatzeinfahrt, ich rannte ihm schnaufend nach, und als ich neben dem Fahrer saß, dachte ich erleichtert: Wenigstens der erste Schritt ist geschafft!

Am Bahnhof war schon einiges los. Der Sonderzug nach Bonn war soeben eingelaufen und Martina Schwendemann von den Jungdemokraten hatte gerade mit der Verteilung der Ordner begonnen, die die Eintrittskarten kontrollieren sollten. Die meisten Türen waren noch unbesetzt. Ich brachte meinen Koffer in der Küche des “Gesellschaftswagens” unter. Andreas Langbein drückte mir ein Megaphon in die Hand und wies mir einen Platz am Anfang des Bahnsteigs zu (“Mit deinem Lederhut und der Flüstertüte fällst du gleich auf!”). Ich sollte die unglücklichen Seelen trösten, die keine Fahrkarte mehr bekommen hatten. Denn helfen konnte ich ihnen nicht: Alles ausverkauft!

Da aber doch noch ein paar Karten zurückgegeben wurden, fungierte ich die nächste Zeit als Kartenbörse und verkaufte obendrein noch die zehn Karten, die ich auf unserer Kreismitgliederversammlung am Dienstag nicht losbekommen hatte.

Pünktlich um 7:05 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Ich ging in den Gesellschaftswagen und stellte mich den Uniformierten vor als einer der Zugmanager – “nur für die Hinfahrt”. Der Beamte fragte mich auch gleich nach einer Gruppe von “sonderbaren Ausländern” vorne im zweiten Abteil: wer denn das sei, und ob wir etwas mit denen zu tun hätten. Ich versprach, nachzusehen, bereute das aber gleich wieder: was fiel dem eigentlich ein!

Mit von der Partie waren auch ein “Reiseführer” der Bundesbahn und seine Sekretärin (die kaum etwas sagte). Der Reiseführer, ein richtig unpassender Typ (würde eher in eine Busfahrt mit Werbeverkaufsschau für einsame Rentner passen) legte schmissige Musik auf: Ländler und Marschmusik (und erntete gleich Protest von allen Seiten). Aber er hatte auch die Doors auf Lager und kam damit ungleich besser an.

Die Stimmung war recht gut. Wenn alle so erfolgreich mobilisiert hätten wie wir, wenn alle Sonderzüge und Busse so voll waren, dann musste die Demonstration in Bonn doch eine größere Sache werden! Zwar mussten wir immer wieder um Entschuldigung bitten, dass der Zug so voll war, dass wir mehr Karten verkauft hätten, als es Sitzplätze gab, aber als ich anschließend mit einem Becher Kaffee in der Hand durch den vorderen Teil des Zugs lief (und – eigenartiges Gefühl – etliche alte Bekannte aus der linken Szene wiedertraf; die Welt ist halt klein, und der linke Sumpf in Stuttgart noch viel kleiner), stellte ich fest, dass doch noch einige Sitzplätze frei waren, weil viele von sich aus auf dem Fußboden lagerten. “Also haben Sie doch nicht alle Karten verkauft”, bemerkte genüsslich einer der Bahnbeamten. “Doch”, widersprach ich: “wetten, dass hier 1500 Leute im Zug sind?” – Er schüttelte den Kopf.

Die Ausländer im zweiten Abteil hatten tatsächlich keine Fahrkarten, berichtete einer der Ordner. Sie wollten für die Fahrt aber bezahlen, und so rückte ich meine letzten Karten heraus, und weil ich nicht mehr genügend hatte, schrieb ich auf die eine: “Gilt für zwei. Unterschrift” (und kam mir vor wie der Bundesbankpräsident, der auch durch seine Unterschrift Banknoten machen kann). “Wird das ein Kuddelmuddel geben bei der Abrechnung!” – Im vordersten Abteil wurden gerade Flugblätter verteilt. “Kann ich auch eines haben?” – “Nein.” – “Wie? Ist das geheim?” – “Nein aber privat.” – “Na sowas!”

Mein durch den Zug getragener Kaffeebecher (“Ach, gibt es schon Kaffee?”) trug seinen Teil dazu bei, dass bald eine lange Schlange den ganzen Gesellschaftswagen verstopfte: Die Leute mussten sich erst an der Kasse anstellen für Bons, dann an der Küche für Kaffee, dann an einem Tisch in der hinteren Ecke für belegte Brötchen: “Irgendwie muss man das beim nächsten mal rationeller organisieren!” – Im dicksten Gedränge kam eine junge Frau und wollte eine Lautsprecherdurchsage machen, und ich beschied ihr: “Komm doch nachher nochmal, wenn alles etwas ruhiger ist!”

Die meiste Zeit saß ich am Tisch der “Zugleitung”. Eleonore, eine “Beschäftigte im Gesundheitswesen gegen Atomkrieg” erzählte von den Plakaten, die sie gemalt hatten. Jemand fragte: “Wie geht das eigentlich nachher weiter?” – Die Bundesbahn hatte ein farbiges Merkblatt gedruckt, auf dem die Demo-Route eingezeichnet war. “Kennt sich einer von euch in Bonn aus? Wo sind denn diese Rhein-Auen, wo wir hinlaufen sollen?” – Zwischendurch wurde ich von zwei Japanerinnen, die für eine japanische Zeitung arbeiteten, nach dem Zweck unserer Unternehmung gefragt. “Ist Ihnen bekannt, dass die Friedensbewegung hier in Westeuropa für viele junge Menschen in Japan ein Vorbild ist?”

Dann tauchte wieder die junge Frau von vorhin auf: “Kann ich jetzt die Ansage machen?” – Ich ging mit ihr zum Lautsprecher, der ständig von unserem Reisebegleiter bewacht wurde. Dieser übergab ihr das Mikrophon, und sie sagte: “Hört mal alle her! Es ist doch zu blöd, sich nur auf die Wiese zu setzen! Das ist doch keine Demonstration! Deshalb schlagen wir vor, dass wir alle in die Bonner Innenstadt gehen und uns der Demonstration dort anschließen. Nochmal: Alle in die Bonner Innenstadt!”

Das war mir nicht geheuer, und so kommentierte ich diesen Vorschlag gleich per Mikrophon: “Das war keine offizielle Durchsage. Die Demonstration geht wie mit der Polizei abgemacht vom Bahnhof direkt zu den Rheinauen. Wenn einzelne von Euch in die Innenstadt gehen wollen, steht dem nichts entgegen,” und erntete dafür ein zustimmendes Kopfnicken des Bahnbeamten, der auch auf einmal ganz hellhörig geworden war. Zurück am Tisch der “Zugleitung”: “Heute sind doch auch die Fronleichnamsprozessionen. Das wäre ja eine Katastrophe, wenn die in dieser angespannten Lage die ganzen Abmachungen mit der Polizei über den Haufen werfen und die Leute in die Innenstadt schicken!”

Beim Aussteigen um 11:15 Uhr in Bonn-Beuel bemerkte ich zu meinem Schrecken, dass Tasso meinen Koffer in der Küche eingeschlossen hatte. In leichter Panik und mit viel Glück erwischte ich ihn in der Menge und ließ mir die Küche nochmal aufschließen. Der blöde Koffer machte mir aber auch jetzt noch Kummer, weil ich ihn nicht wie geplant in ein Schließfach stellen konnte. Der Bahnhof war stillgelegt und bestand nur aus einer Spelunke, deren Wirt ich nicht um die Aufbewahrung all meiner Sachen bitten mochte. Zum Glück sah ich gleich hinter der Unterführung Lukas Beckmann – Buttons verkaufend – und der ließ mich das schwere Ding in den Lautsprecherwagen legen (na hoffentlich würde ich den wiederkriegen!).

Auf diese Weise hatte ich schon jetzt den Anschluss an die anderen Demonstranten verloren. Mit Gerlinde Kretschmann und den Rösslers, die plötzlich aus der Menge auftauchten, marschierte ich ein Stück der (kurzen) Demo-Route (“Bin ich froh, dass bis jetzt alles so gut geklappt hat!” – Gerlinde: “Was hätte bislang schon schiefgehen können: die Leute steigen in den Zug ein und steigen wieder aus.” – Und ich fühlte mich unverstanden). Ute Stepp saß unter einer Rheinbrücke am Straßenrand; einige Meter lief ich mit Stefan Esswein. Aber die meiste Zeit allein in riesigen Menschenmassen.

Beim Waten durch die Menge, die bereits auf den Rheinauen lagerte (von all den vielen Angeboten merkte ich mir für später den Stand mit Äppelwoi), traf ich Barbara Graf (“Na, wie war dein Eindruck von unserer Kreismitgliederversammlung letzte Woche?” – Sie lachte: “Alle meine Befürchtungen über die Grünen haben sich bestätigt” – Und ich kam nicht mehr dazu, zurückzufragen, was sie damit meinte). Gerlinde und Familie Rössler hatten sich – Picknick im Grünen – in den Schatten eines Baums gelagert und futterten Mitgebrachtes. Ich ließ mich kurz bei ihnen nieder, bald zog es mich aber wieder ins Getümmel (und auch das Gebrumme eines Generators, mit dem Coca-Cola eiskalt gehalten wurde, trieb mich davon). Ziemlich weit vorne an der Hauptbühne ließ ich mich im Schatten meines Lederhuts in der prallen Sonne im Gras nieder und erlebte den Beginn des musikalischen Vorprogramms – eingepfercht zwischen unüberschaubaren Massen junger Menschen, denen es allen zu heiß war, und die sich jedes Kleidungsstücks entledigt hatten, das nach den Anstandsnormen der achtziger Jahre dieses Jahrhunderts irgendwie entbehrlich war.

Eine Gruppe von Feministinnen hatte mit ihren lila Transparenten direkt vor der Bühne die ganze Sicht verdeckt; sie wollten eine der Ihren für die Abschlusskundgebung als Rednerin durchsetzen. Nach vielem Geschrei und Transparenteschwenken wurde ihnen das auch von einer Vertreterin des Organisationskomitees zugesagt.

Als mir schließlich die Beine einschliefen, erklomm ich einen Demonstranten-übersäten Hügel, um Übersicht über das Getümmel zu bekommen. Dort stieß ich auf Martina mit einigen ihrer Bekannten. Gemeinsam stelzten wir zurück durch die lagernden Massen und ließen uns vor einem überdimensionalen SdAJ-Transparent nieder, das von einem guten Dutzend Leuten gehalten wurde: “Die Armen müssen die ganze Zeit über stehen”. Ich teilte mit den anderen meine aufgeschnittene Gurke (“Tolle Idee” – Ja, die Jutta…) und einige Orangen und Äpfel. Eine riesige grün-blaue Weltkugel, ein Ball von vielleicht zwei Meter Durchmesser, tanzte über die Köpfe der Menge. Aufschrift: “Die Grünen”. “Also: werbewirksame Ideen haben unsere Leutchen ja von Zeit zu Zeit!”

Als nach sechs Uhr abends unter lautem Beifall die letzte Musik-Gruppe angesagt wurde (“Bap” – “Wer ist denn das?” – “Was, die kennst du nicht?”) – die Stuttgarter hatten längst zu ihrem Zug aufbrechen müssen – ging ich in leichter Sorge um meinen Koffer auf die andere Rheinseite hinüber zum Bonner Büro der Grünen. Die auf- und abfahrenden Polizistenmassen machten einen bedrohlichen Eindruck: Die waren offensichtlich auf alles vorbereitet, und nun wussten die Polizeihäuptlinge nicht, wie sie ihre Jungs beschäftigen sollten; also ließen sie sie spazieren fahren,

Im Büro traf ich auf ein Mitglied der hessischen Grünen, trank ein Glas Sprudel, diskutierte mit ihm über Öko-Anarchismus (kam mir dabei sehr konservativ vor) und folgte ihm dann auf die Veranda vor das Haus. Dort saßen Gustine Johannsen vom Bundesvorstand (und noch ein paar andere) und betrieben den üblichen Polit-Klatsch (zogen über Ernst Hoplitschek her, der zu der Zeit Schriftführer im Bundesvorstand war). Schließlich tauchte Lukas mit einem Mercedes-Transporter auf; wir schleppten riesige Poster von Gandhi und Martin Luther King sowie Kisten unverkaufter Buttons in den Keller (“Das wird ein Riesendefizit”, sagte Lukas mit seiner ruhigen, tiefen Stimme, “wo doch die Buttons die Demo finanzieren sollten!”) und holten dann mit dem Transporter Lukas’ 2CV, in dem sich mein Koffer befand (“Dass ich heute noch einen Mercedes-Transporter fahren würde, hätte ich mir auch nicht gedacht!” – “Du kannst übrigens gerne bei mir übernachten!” – “Du solltest doch ursprünglich auch mitfliegen!” – “Ja, aber nach all dem Trubel…” – “Und Petra Kelly?” – “Ich habe noch nicht mit ihr darüber gesprochen, aber ich denke nicht, dass sie fliegt.”)

Mit Anne Schulz, seiner “derzeit festen”, schauten wir uns “Tagesthemen” an (“Von wem stammt eigentlich die Idee mit der Weltkugel?” – Lukas lachte: “Von uns. Das war eine Beuys-Aktion”. – “Was, der Fassbinder tot?”) und fuhren Pizza essen auf den Balkon eines Bonner Innenstadt-Lokals, Unterwegs blieb Lukas öfter stehen, kurbelte das Fenster herunter und ließ den neuesten Beuys-Heuler “Sonne statt Reagan” in voller Lautstärke auf seinem Kassettenrecorder in die Welt plärren. “Dabei haben wir das ja heute ausreichend gehabt. Wie viele haben wohl schlappgemacht?” – In der Pizzeria wurden wir von einem belgischen Journalistenteam geschnappt, das auf englisch wissen wollte, wie es jetzt mit der Friedensbewegung weitergeht. Anne meinte nur seufzend: “So geht das hier ständig!”

Ich übernachtete in einem Gästezimmer bei Lukas in einem Dorf in der Nähe von Bonn. “Wann fliegst du denn morgen?” – “Um eins” – “Das langt ja gut: vom Hauptbahnhof fährt jede Stunde ein Zug nach Düsseldorf; immer um siebzehn Minuten nach.” – “Und wie komme ich zum Hauptbahnhof?” – “Ganz einfach: direkt vom Büro mit der Straßenbahn.”

Wir waren alle recht müde; ein kurzer Anruf noch bei Jutta: “Alles in Ordnung?” – “Ja.”

Freitag, 11. Juni 1982

Kurz nach acht war ich wach. Mein Vorhaben, gewissenhaft Tagebuch zu schreiben, war bereits jetzt gescheitert: zu mehr als zwei hingeworfenen Sätzen war ich gestern nicht mehr in der Lage. Jetzt trieb mich die Unruhe, wann wohl die beiden anderen aus ihrem Schlafzimmer herunterkämen, und ob ich meinen Flug erwischte. Den Zug um 9:17 Uhr konnte ich sowieso nicht mehr bekommen. Ich blätterte in einer Illustrierten, warf einen Blick in den idyllischen Garten und war erleichtert, als die beiden endlich auftauchten. Lukas wollte dann erst noch frühstücken, verzichtete aber darauf, und fuhr mich direkt zum Bahnhof.

“Fliegt Petra Kelly nun eigentlich mit?” fragte ich unterwegs. Lukas zuckte mit den Achseln: “Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen.”

Am Bahnhof war ich noch zeitig für den Zug, und wurde nur nervös durch die Ansage: “Der Zug um 10 Uhr 17 nach Düsseldorf hat 60 Minuten Verspätung”, die wiederholt aus dem Lautsprecher tönte. Immerhin sollte da noch ein Zug um 10:25 Uhr abgehen… Unvermittelt hieß es dann: “Vorsicht bei der Einfahrt! Es fährt ein der Zug nach Düsseldorf, planmäßige Abfahrt 10 Uhr 17” (“???”) Ohne weiter zu fragen, stieg ich zu zwei älteren Damen und einer jungen Perserin in ein Abteil. “Dies ist ein Ersatz-Zug, den sie in Koblenz eingesetzt haben, weil der richtige Zug aus Italien so viel Verspätung hat”, erklärte die eine Dame. Während der Fahrt wollten die beiden aus der persischen Studentin unbedingt herauslocken, dass es im Iran unter Khomeini ganz grauenvoll und schlimmer als unter dem Schah sei, aber ihre Antworten fielen sehr abwägend aus: “Ja, ich will nach Persien zurück.”

Pünktlich kam ich in Düsseldorf an. Hier musste ich erst noch auf die S-Bahn warten. Minute um Minute verging, und der Abflugzeitpunkt rückte bedrohlich näher. Auf dem Bahnsteig stand ein bärtiger junger Mann, der ganz nach Demonstrant aussah (“Woher kenne ich den denn?!”). In der S-Bahn setzte er sich mir gegenüber. “Fliegst du auch nach Amerika?” – Er hieß Franz Horak und war aus Mainz.

Auf dem Flughafen entdeckte ich in einem Zeitungskiosk das neue Buch von Kennedy und Hatfield “Freeze!” – “Das passt doch gut als Reiselektüre!” – Nach Durchlaufen der üblichen Flughafen-Prozedur befanden wir uns in der Wartehalle vor dem Einstieg ins Flugzeug und ich machte bekannt: “Das ist der Franz aus Mainz, und hier der Michael Frohne aus dem Schwarzwald.” – “Ich sage immer, ich bin der Freund von Christine Muscheler”, konterte Michael mit breitem Grinsen, “dann wissen die Leute bei den Grünen gleich, mit wem sie’s zu tun haben.” Noch weitere Passagiere entpuppten sich als Friedensapostel: “Hallo, ich bin der Jo, das ist die Ulrike” – “Ich heiße Eberhard” – “Und wer bis du?” – “Daniel Gaede”. Michael holte ein riesiges weiches Paket und drückte es mir in die Hand: “Da hab ich was für dich. Von einer Christa Nickels. Sagt dir das etwas?” – “Schreck lass nach! Ich weiß schon: Noch so ein Friedens-transparent. Mein halber Koffer ist voll mit solchen Dingern! Auf unserer Kreismitgliederversammlung haben sie mir erst vorgestern einen riesigen Stoffballen überreicht.” – Und ich handelte ihm ab, dass er es wenigstens bis zur Landung in New York schleppte.

Im Flugzeug saßen die anderen ein paar Reihen vor uns, Franz rechts neben mir (und klopfte dumme Sprüche: “Gibt es hier wenigstens einen Martini?” – Mein Gott, wie sollte das werden?), und in letzter Minute setzte sich noch eine junge Frau auf den einzelnen freien Platz hinter Franz. “Du bist sicher die Eva Quistorp aus Berlin?!” – “Ja, dann seid ihr die anderen?”

Über dem Atlantik las ich Zeitungen: Franz hatte die Süddeutsche, im Flugzeug gab es die FAZ. Ich reichte die Zeitungen auch zu Eva hinter und hörte, wie sie diese der Länge nach zerriss. – “Was zum Teufel treibt die Eva bloß mit unseren Zeitungen?” – Franz zuckte ratlos mit den Schultern: “Keine Ahnung; vielleicht braucht sie das.”

Mein Versuch allerdings, während des Fluges das “Freeze”-Buch zu lesen, scheiterte daran, dass wir Passagiere fortwährend von den Stewardessen bemuttert und umsorgt wurden: “Die Schwimmwesten stülpen Sie sich über Ihren Kopf…” – “Kaffee oder Tee?” – “Das Abendessen. Bitte klappen Sie Ihr Ablagebrett herunter!” – “Was darf ich Ihnen zu trinken bringen? Sekt kostet extra.” – “Bitte löschen Sie Ihre Lampe aus, gleich beginnt unser Film ‘Rivalen unter roter Sonne’!” – “Jetzt können Sie zollfrei einkaufen. Der Prospekt liegt im Netz in der Rückenlehne Ihres Vordermannes.” – “Bitte füllen Sie Ihre Einreiseformulare sorgfältig aus, eine Stewardess wird gleich an Ihren Platz kommen und sie Ihnen aushändigen.”

Die Einreiseformulare wurden verteilt und Franz fragte: “Was schreibst du denn hin als Reiseziel?” – “Ich hab’ eine Bekannte, die heißt Anne. Ich tue einfach so, als würde ich sie privat besuchen. Das ist glaub’ ich besser.” – “Also ich werde hinschreiben: Dr. Sidney Peck vom International Liaison Office. Ganz so, wie es ist.”

Nach der Landung, von Angesicht zu Angesicht mit dem amerikanischen Jung-Polizisten, bereute ich meine Entscheidung. Kalt und verärgert wollte dieser wissen, woher ich Anne kenne: “Es gibt so viele Leute in New York.” – “Wissen Sie, ihr Bruder Jerry wohnt in Boston und ist ein guter Freund meines dänischen Stubenkameraden von der Universität in Bowling Green, Ohio”, und er hämmerte den Stempel in meinen Pass mit einem Gesicht, als wolle er sagen: Ich weiß, dass du lügst, aber es ist mir zu blöd, dem nachzugehen. – “Ich habe gesagt, wir sind von den Grünen und gehen zur Demonstration; da war meiner ganz freundlich”, berichtete Franz. (“Die Amerikaner haben alle einen Ehrlichkeits-Tick. Du kannst denen die wildesten Geschichten erzählen, solange sie glauben können, dass du ehrlich bist”, kommentierte später Tilo – aber der wird erst noch eingeführt).

Während wir noch auf unsere Koffer warteten, stürzte sich Eva bereits an ein Telefon und bereitete die journalistische Verarbeitung unserer Ankunft vor; wir anderen, unpolitischer, standen herum und warteten auf unsere Koffer. Michael stellte das verschnürte Transparent mit finster entschlossener Miene vor mich hin: “… und keinen Schritt weiter!” – “Vielleicht holt uns ja doch jemand ab; also sollte schon mal einer durch die Gepäck-Kontrolle gehen.” – “Gute Idee”, meinte Jo Müller und stach los. Kurz darauf bedeutete er uns anderen auch schon heftig, wir sollten nachkommen. Ich wartete noch auf Eva, bugsierte dann meinen Koffer und Christa Nickels’ Paket-Monstrum (auf einer Seite prangte zum Überfluss ein überdimensionales “Schwerter-zu-Pflugscharen” – Emblem) durch den Zoll, und gemeinsam wurden wir begrüßt von Tilo und John, die gekommen waren, um uns abzuholen.

Die nächsten Stunden standen wir hauptsächlich auf dem Flughafen herum, weil immer jemand fehlte: Erst Eduard Heindl aus Isny, der mit unserem Flugzeug hätte kommen sollen, und der auch noch auftauchte. Dann Solange Fernex aus Frankreich. “Petra Kelly und Lukas Beckmann sind wohl doch nicht mitgeflogen?!” – Robert Jungk war mit seiner Frau Ruth auch gleich spurlos verschwunden. Tilo Weichert, ein Freiburger, der gerade ein paar Monate Südamerika hinter sich hatte, verteilte uns auf Wohnungen: Franz und ich wurden bei einem Ehepaar Goelz in der Upper West Side untergebracht (“Die können euch aber nur über’s Wochenende unterbringen. Danach müsst ihr nochmal im Internationalen Verbindungsbüro nachfragen, wo ihr hingesteckt werdet.”) Für den Fall des Falles tauschten wir unsere Telefonnummern aus. “Wir sollten uns morgen aber auf jeden Fall irgendwo treffen”, schlug Tilo vor, “damit wir gemeinsam zur Demonstration gehen können. Wie wärs mit First Avenue auf 47. Straße?” – “Da könnten wir genauso gut ausmachen, wir treffen uns in Manhattan”, protestierte ich: “In dem Gedränge finden wir uns doch nie!” – Und wir machten aus, uns in der Wohnung von Jo, Ulrike und Eberhard zu treffen: “Wir wohnen doch alle relativ nahe beieinander.”

Die drei genannten fuhren mit John, dem schwarzen Taxifahrer, der ganz gut deutsch sprach, schon mal vor: “Downtown”. Wir Übrigen warteten eine Weile auf den Bus, um in den Teil des riesigen JFK-Flughafens zu fahren, wo angeblich Solange auf uns wartete (Franz: “Kann man da einen Martini bekommen?”). “Geschwind mal” verschwand Eva unter Zurücklassung ihres Gepäcks im Flughafen, als prompt der Bus anrückte und wir kopflos mit Evas Taschen bis zu dem Gebäude fuhren, in dem wir Solange vermuten. Solange fanden wir nicht und besuchten erst mal einen Coffee Shop (Franz: “Mann, ist das teuer!”), und nach über zwei Stunden (Michael maulte: “Das mach ich nicht nochmal mit! Jetzt könnte ich schon seit zwei Stunden in der Stadt sein.”) fügte es sich ganz wunderbar, dass wir – ohne zu wissen, wie uns geschah – sowohl Eva (“Hier: nimm sofort dein Gepäck wieder!”) als auch Solange am Gepäckschalter trafen. Bald saßen wir alle vereint (bis auf Solange, die irgend jemanden – ich glaube, ihre Tochter – verloren hatte und stoisch weiter wartete) im Greyhound nach Manhattan.

Dort verabschiedeten sich Michael und Daniel. Eva, Eduard, Franz und ich nahmen ein Taxi zur Action Strategy Conference in der Cooper Union: Diese Konferenz war die ganze Woche gegangen, und wir wollten wenigstens das Abschlussplenum mitbekommen, das heute um 18 Uhr sein sollte.

Im Vorraum waren Stände von Gruppen aus aller Welt aufgebaut. An einem Stand lagen bereits die “Ergebnisse der Konferenz” schriftlich aus, auch eine Rede von Noam Chomsky war zu haben, und ich bekam den Eindruck, hier sei wirklich was los. Aber in der eigentlichen Versammlungshalle herrschte eine sonderbare Atmosphäre: 1/4 der Halle war vollbesetzt mit ein paar hundert Japanern, der Rest war fast leer.

Franz wollte unbedingt etwas zu trinken haben. “Geh doch vor die Tür, da wimmelt es von Geschäften.” – “Ich, ganz allein in diese Stadt? Da geh ich ja verloren!” – Schließlich ging Eduard und kam mit einem Orangensaft zurück: “Schau, ganz ohne künstliche Zusätze!”

“Sieh an, unsere Eva. Sie scheint doch ganz populär zu sein!” – Sie war ständig umgeben von jemandem der/die sie kannte. Dann begann die Sitzung. Unter Absingen von “kuojoomoo hoo” (oder so ähnlich) trugen vier in gelbe Umhänge gekleidete japanische Mönche in feierlicher Prozession einen fünften Mönch im Rollstuhl auf die Bühne. Der größte Teil des Auditoriums (auch die Amis) sang andächtig mit: “kuojoomoo hoo”. Leise fragte ich Franz: “Sind wir hier im richtigen Gebäude?” – Er war genauso baff wie ich. Der Greis im Rollstuhl faltete die Hände, und eine junge Japanerin sprach seine Worte. Sie redete über die moralische Verwerflichkeit der Atombombe, und dass die Japaner schreckliches Unrecht erlitten hätten. Die Wurzel allen Übels liege in der westlichen Kultur.

Eine junge Japanerin setzte sich neben mich. “Bist du aus Deutschland?”, fragte sie, “Kennst du Christa Nickels? Mein Name ist Kimiko.” – “Fabelhaft!”, entfuhr es mir, und ich drückte ihr mein Paket in die Hand: “Das habe ich extra für dich mitgebracht!” – Und schon hatte ich das Gefühl, in New York eine wichtige Mission vollbracht zu haben.

Unterdessen betrat eine Frau das Podium und trug die “Ergebnisse” der Konferenz vor: “…noch viel Arbeit vor uns: Vor allem in Ländern der Dritten Welt, wo nicht der Frieden das Hauptanliegen der Menschen ist, sondern der Hunger…” – Ganz offensichtlich waren wir völlig unfähig, ihren Ausführungen noch zu folgen. Erstens war mir der recht hölzern vorgetragene Bericht suspekt. Das konnte alles heißen oder auch nichts. Wenn man nicht wusste, wie er erarbeitet worden war, wer dahintersteckte … es war einfach undenkbar, dass sich so etwas diffuses wie die ‟internationale Friedensbewegung” auf eine einheitliche Welt-Strategie geeinigt haben sollte, und diese hier vor einigen dutzend Zuhörern plus dem japanischen Block so ganz wie selbstverständlich abgespult wurde. Zweitens aber, und das war im Moment viel entscheidender, waren wir viel zu müde und abgekämpft, um zuhören zu können (hektisch herumrennen und pausenlos selbst reden – dazu langte es noch. Aber stille sitzen und zuhören: Nein danke!).

Nun wollten einige Leute noch eine Diskussion führen, aber für Franz und mich war endgültig der Ofen aus. Wir verabschiedeten uns von Eva und gingen zum öffentlichen Fernsprecher vor den Toiletten. Ich meldete mich telefonisch bei unseren Gastgebern Goelz an. “Wann kommt ihr etwa?” – “Wir steigen jetzt in die U-Bahn.” – “Also in etwa einer Stunde. Nehmt die Westside Subway, das ist ganz einfach!”. An der Stelle in meinem Tagebuch, wo die Einträge für heute stehen sollten, prangt jetzt immerhin ein ‘West Side Subway’, und ich sagte zu Franz: “Jetzt weiß ich auch, was ich vergessen habe: zuhause habe ich einen wunderschönen Stadtplan von New York.” – Und während Franz über den U-Bahn-Plan gebeugt eine Marschroute ausarbeitete, sprach uns eine junge Amerikanerin an: “Hallo, seit ihr aus Deutschland? Ich bin Cindy. Wo wollt ihr hin?” – “Zur Westside Subway.” – “Dann kommt mit mir. Ich führ’ euch.”

Da sie auch Eva und Eduard zur U-Bahn führte, waren wir wieder vereint, und nach dem obligatorischen Treten auf der Stelle (weil Eva wieder eine unheimlich wichtige Person traf und ganz schnell noch ein paar Sätze wechseln musste, usw.) (Ich murmelte: “Jetzt wären wir schon in der U-Bahn.” – Franz: “Aber Latte!” – “Wie?” – “Das ist der neuste Ausdruck in der Pfalz: aber sicher, aber klar!” – Ach so.) marschierten wir zu fünft quer durch Greenwich Village.

Cindy reichte mir ihren Koffer: “Hier, kannst du das für mich tragen? Ich bin etwas erschöpft.” – Und ich war so verdutzt, dass ich meinen eigenen schweren Koffer in die linke Hand nahm, wo ich schon meine Kartentasche trug, und ihren Koffer in die Rechte nahm, und nur leise vor mich hin meckerte: “Ach sieh an, die Dame ist ein wenig erschöpft! Da bin ich seit vierundzwanzig Stunden auf den Beinen, schleppe mich ab mit meinem Gepäck, aber nein, die Dame ist etwas erschöpft!” – Und mehr über meine eigene Dummheit ärgerte ich mich, wusste nicht, was ich tun sollte, und keuchte wie ein Packesel hinter Cindy her, die uns mit ihrem winzigen Handtäschchen voraus schlenderte. “Hier ist es ja sogar ganz schön”, fiel es Eva auf, als wir am Washington Square vorbeikamen. “Ja, wenn ich nicht so müde wär, und keine Koffer von erschöpften jungen Damen schleppen müsste…”.

“Ach, lasst uns doch kurz hinsetzen und einen Kaffee trinken!”, hörte ich mich sagen, als wir an einem kleinen Eck-Café mit Stühlen auf der Straße vorbeikamen. Wir ließen all unser Gepäck sinken, bestellten fünf Café au Lait, und während wir noch auf die Bestellung warteten, sackten wir schon zusammen. Der Ober ließ sich Zeit, nachher war es teuer, und niemand hatte Lust, zu zahlen, zumal wir Deutschen kein gutes Verhältnis zu amerikanischen Trinkgeld-Gewohnheiten hatten. (Und weder Eva noch Franz US-Doller eingetauscht hatten. Und sweet litte Cindy irgendwie erwartete, eingeladen zu werden. Und ich sowieso schlecht gelaunt war.)

Mit letzter Kraft erreichten wir die U-Bahn, kauften uns Marken (“Ihr dürft euer Gepäck nicht so achtlos auf den Bahnsteig stellen!”) und ließen uns inmitten fremdländischer Menschenmassen ruckelnd nordwärts transportieren. (“Hier in der U-Bahn merkt man erst so richtig, dass man im Ausland ist.”)

Evas Lebensgeister erwachten nochmal blitzartig, als sie sah, dass in der spanischsprachigen Zeitung ihres Gegenüber ein Bericht über “unsere” Demo in Bonn stand (und richtig sauer reagierte sie auf meine ironische Bemerkung, sie habe auch schon die Politiker-Krankheit, nur noch für Politisches ihre Kräfte mobilisieren zu können; “Dazu bin ich schließlich hier in Amerika. Nicht zum Sightseeing!”). Franz und ich stiegen eine Station vor ihr aus und klingelten im düsteren Eingangstor eines großen Mietshauses bei “C. & S. Goelz”.

“Wollt ihr noch ein Bier?” – “Ja, gerne.” – Aus dem elften Stock sahen wir hinunter auf die Straßenschluchten und hinüber nach New Jersey über den breiten Hudson River.

“Schön wohnen Sie hier!” – “Sprechen Sie deutsch mit uns, sprechen Sie deutsch!”, aber das war so ungefähr der einzige Satz, den Madame Shirley Goelz in deutscher Sprache von sich gab. “Mein Mann Charles ist ein begeisterter Ahnenforscher”, erzählte Shirley. “Seine Familie kommt aus Südhessen.” – Ich sagte, ich hatte am Gymnasium einen Mathematiklehrer namens Gölz, der jetzt Dozent für Philosophie an der Tübinger Uni ist. – “Ach wie interessant.” – Ich versprach, Charles die Adresse zu besorgen.

Auch alt-gestandene Mitglieder der demokratischen Partei waren sie: schon für Truman hatten sie Wahlkampf gemacht.

Im Fernsehen schauten wir uns die Nachrichten an, die zu großen Teilen aus einer Vorausschau auf die morgige Demonstration bestanden. Die Sammelplätze und die Marschroute wurden gezeigt – “So was wäre bei uns gar nicht möglich”! – “Hier haben wir auch ein Flugblatt, auf dem die Aufstellplätze angegeben sind: Kinder, Internationale…” – Franz: “Da gehen wir hin.” – “Behinderte & Senioren, Gewerkschaften, Dritte Welt, Religiöse Gruppen, Frauengruppen, Friedensgruppen, Schauspieler, Gesundheitswesen, Schwule & Lesben, Umweltschützer, Computertechniker…” – ‟Das täte mich ja am meisten interessieren.” – “Anti-Interventionsgruppen, Studenten, Erzieher, Juristen, Politische Organisationen, Künstler, und die verschiedenen Gegenden, aus denen die Leute kommen” – “Da ist ja wirklich alles vertreten!”).

Die Vorabend-Kommentare der beteiligten Kräfte wurden vorgetragen. Die Organisatoren kamen zu Wort, die Polizei, der Oberbürgermeister von New York. Und einhellig wurde die Erwartung ausgesprochen, der morgige Tag werde eine großartige Demonstration bringen. Wir erzählten noch, dass wir am Montag an der geplanten CD-Aktion (“Civil Disobediance”) am UNO Gebäude teilnehmen würden und Ehepaar Goelz meinte sorgenvoll: “Hoffentlich gibt es keine Gewalt”.

“Wir wecken euch rechtzeitig morgen früh, damit ihr noch frühstücken und euch für die Demonstration stärken könnt.”

Für ein paar Minuten allein und in Ruhe (und frisch geduscht, was wichtig ist!) versuchte ich noch, den Papierwust ein wenig zu sortieren, der sich bereits am ersten Tag angesammelt hatte. “Wahrscheinlich werden wir nächste Woche, zurück in Deutschland, herausfinden, was wir alles verpasst haben.” – Zum Beispiel der kleine Zettel hier: Das “International Liaison Office” hatte ein “speakers bureau” eingerichtet und vermittelte Redner aus der internationalen Friedensbewegung an interessierte Gruppen und Gemeinden. “Da müssten wir uns auf jeden Fall morgen bei diesem internationalen Verbindungsbüro melden.” – Ach ja, aber die Müdigkeit setzte diesem Bemühen bald ein Ende. An Tagebuchschreiben gar nicht zu denken!

Franz meinte noch: “Ist dir aufgefallen, dass sie nicht so sehr für den zivilen Ungehorsam zu haben sind?”

Samstag, 12. Juni 1982

Pünktlich um sieben Uhr wurden wir von Charles geweckt. In der Küche hatte er eine Frühstücksbar eingerichtet. Wir säbelten uns linkisch etwas Käse herunter (und eine kurze Verlegenheit schlich uns an: wie reagiert man auf eine Frühstücksbar in der Küche eines biederen Amerikaners?), nahmen von dem angebotenen Toast und jeder einen großen Napf Kaffee. – “Ich möchte versuchen, ob ich meine Esslinger Transparente noch in der Riverside-Kirche loswerde.” – “Ihr müsst nur immer den Riverside Drive hinaufgehen; das ist ein schöner Morgenspaziergang.” – “Wir sollten dann aber so schnell wie möglich aufbrechen. Vielleicht erwischen wir noch jemanden.” – “Na dann wünschen wir euch einen schönen Tag. Wir werden uns wahrscheinlich ja nicht begegnen.”

Kaum waren wir unterwegs, als Franz bemerkte: “Jetzt habe ich doch meine Tasche bei den Goelzens stehenlassen. Dabei wollte ich doch filmen!” – und nochmal zurück ging. – “Ich komme dann gleich zur Wohnung von Jo und Eberhard.” – Auf diese Weise war ich bereits nach wenigen Minuten bar jeder Begleitung (und blieb es auch für den Rest des Tages).

Als ich nach einigem Suchen den richtigen Eingang in die Betonburg “Riverside Church” gefunden und mich bis zum internationalen Kontaktbüro im neunzehnten Stock durchgefragt hatte, traf ich dort nur eine alte Dame in einem großen Saal mit sieben Schreibtischen an. Diese wusste weder etwas vom “speakers bureau” noch von den Transparenten und war von den im ganzen Saal verstreuten klingelnden Telefonen offensichtlich überfordert. “Versuchen Sie doch am besten, das Transparent zur 47. Straße zu bringen. Dort sind sie jetzt alle.”

Im Ausgang traf ich Daniel, der beim Pförtner einen Kassettenrecorder abholen wollte, der aber aus irgendeinem Grund nicht abzuholen war. “Sag den anderen, ich komme nicht zu dem Termin in die Wohnung. Ich gehe direkt zur Demonstration und sehe mir die Computer-Leute an.”

Vom Bus aus sah ganz New York so aus, als mache es sich zur Demo auf. Am Columbus Circle hatten sie eine riesige Friedenstaube über die Fassade des Hauses gehängt. Immer wieder waren kleine Gruppen von Leuten mit Transparenten und Plakaten zu sehen, und auch mindestens die Hälfte der Leute im Bus sah so aus, als hätte sie das gleiche Ziel wie ich. Verwundert war ich nur, als sie alle viel früher ausstiegen, als ich erwartet hätte.

Zwei Haltestellen später drehte sich der Busfahrer nach hinten und rief: “Dieser Bus endet hier. Bitte alles aussteigen.” – Natürlich: Die ganze 46. Straße war wegen unserer Demonstration gesperrt. So stand ich kurz vor zehn Uhr am Times Square, 6. Avenue und 42. Straße, gut drei Kilometer vom Abmarschort entfernt. Die Straßen waren voll mit Leuten, die das gleiche Ziel hatten wie ich: zusammengerollte Transparente, Plakate an Papp-Rollen (wie ich später erfuhr, hatte die Polizei das Mitführen von Holzlatten untersagt), Sandwich-Plakate über Bauch und Rücken gehängt: “Freeze now!” – “Schluß mit dem Wettrüsten!” – und was nicht alles an lustigen Sprüchen (die meisten habe ich natürlich gleich wieder vergessen; der richtige Berichterstatter hätte jetzt Notizblock und Bleistift gezückt und sich Notizen gemacht. Dazu war ich viel zu aufgeregt).

Ich nahm mir vor, zunächst ganz zur Spitze der Aufstellung zu gehen (und auch zu sehen, was sich bei den “Internationals” so tat, und anschließend drei Straßen weiter zu den Computer-Leuten zu laufen und mich denen anzuschließen. Wie gesagt, das nahm ich mir vor.

So kämpfte ich mich durch die langsam immer voller werdenden Straßen durch, längst waren hier keine Autos mehr unterwegs, nur noch Menschenmassen. Dann war kein Schritt mehr möglich. Und von hinten drängten noch immer mehr Menschen nach (“Das hat doch keinen Sinn, Leute! Da vorne ist alles abgesperrt!”). So stand ich eingekeilt zwischen zigtausenden von Demonstranten und Schaulustigen, und immer wieder Einzelnen, die sich energisch von irgendwo nach irgendwo durch die Menge schoben, und bewaffneten Polizisten, die freundlich aber unerbittlich eine Absperrung bewachten und sich nicht erweichen ließen, irgendwen durchzulassen (“Gehen Sie zurück! Sie dürfen hier nicht herüber. Gehen Sie in die andere Richtung!” – woher die Leute drückten). Eine ältere Dame bekam Platzangst, aber auch sie konnte die Uniformierten nicht erweichen. – “Das Rote Kreuz ist da vorne. Hier können Sie nicht weiter.” – Und ich schlug mir die Computer Technicians aus dem Kopf.

Ich stand ziemlich weit vorne. Eine Bühne war aufgebaut mit etlichen Lautsprechern, und von dort wurden die üblichen unumgänglichen Reden gehalten. “Ende das Wettrüstens”, “Ächtung von Atomwaffen”, “Einsatz der nationalen Ressourcen nicht für Waffen, sondern für Programme, die sich an den Nöten der Menschen ausrichten”, “Schluss mit militärischen Interventionen in fremden Ländern!” und “Schluss mit dem jetzigen Militärbudget, das bereits jetzt lebenszerstörend ist für Schwarze, Mexikaner, Frauen, Alte und Arme!” – Mein Interesse galt allerdings mehr dem Geschubse und Gedrängel der Schwarzen, Mexikaner, Frauen, Alten, Armen und anderen rund um mich, so dass ich wenig von dem Gesagten mitbekam. Plötzlich brach Applaus los: Die größte Demonstration in der Geschichte New Yorks hatte sich in Bewegung gesetzt.

Der Demonstrationszug führte auf der First Avenue in südlicher Richtung am UNO-Gebäude vorbei; die 42. Straße nach Westen zum Times Square, wo ich vorhin aus dem Bus gestiegen war; Seventh Avenue nordwärts bis zum Central Park; nach links bis zum Columbus Circle; am Rand des Parks die Eighth Avenue weiter nach Norden; schließlich in den Park hinein auf einen riesigen Rasen.

Der Marsch selbst war unbeschreiblich und überwältigend. Ich trennte mich immer wieder aus den Reihen der Demonstranten, lief ein Stück weit auf dem Bürgersteig am Zug vorbei nach vorne und reihte mich wieder ein. Die riesigen Figuren des ‟Bread & Puppet Theatre” – Anklänge an Kölner Karnevalsumzüge – ein riesiger Walfisch, Friedensengel, eine Weltkugel. Die gelb gekleideten Buddhistenmönche mit ihrem monotonen Rhythmus, der von den Wolkenkratzern der Seventh Avenue widerhallend etwas gigantisches hatte. Die Flugblattverteiler, T-Shirt-Verkäufer, Button-, Würstchen-, Brezel- und Zeitungshändler, die sich alle auf diesen besonderen Tag vorbereitet hatten. Eine Großmutter, die auf dem Vordach eines der Häuser am Park stand und es genoss, die vorbei marschierenden anzufeuern und dafür mit immer neuen Wellen von Applaus gefeiert wurde. Central Park. Die Menschenmassen. Ich hatte mir eingebildet, ziemlich vorne im Demonstrationszug zu marschieren, aber die “Große Wiese” war schon überfüllt, als ich ankam. Es waren nochmal um eine Größenordnung mehr Menschen als auf den Rheinauen in Bonn. Unglaubliche Lautsprecheranlagen. W. S. Coffin, der Pfarrer der Riverside-Kirche, gab das Startsignal für mehrere tausend silbrige Luftballons: Symbolischer Abschied von den Atomraketen. Die Musik: James Taylor, Linda Ronstadt, Joan Baez, Pete Seeger, Jackson Brown, Holly Near.

“Wir sind jetzt 800’000 Menschen hier im Park, und 200’000 sind noch in den Straßen. Die letzten haben gerade die Abmarschplätze verlassen. Wir sind eine Million. Und wir fordern: Schluss mit dem Wahnsinn!”

Ich ließ die Blicke schweifen über die vielen, unglaublich vielen Leute, die aus extrem unterschiedlichen sozialen Sphären kamen und die hier friedlich gemeinsam saßen: Was hatte man nicht alles gehört von der Gewalttätigkeit im Central Park; daß man sich dort nicht mehr allein hin trauen kann. Heute war das anders. Heute sah man hier Schwarze und Weiße, Puertoricaner und Halbstarke, die sonst ihre Umwelt in Rage brachten. (Und einen jungen Kerl kostete es auch sichtlich Selbstüberwindung, als er gebeten wurde, sich hinzusetzen, weil sonst die hinter ihm nichts sehen konnten, seine Haltung des ‟Mich kann keiner” abzulegen – aber auch er schaffte es schließlich.) “Ach, Sie sind wohl aus Deutschland?”, fragte mich ein Mann Mitte vierzig, der den tatsächlichen Ablauf der Kundgebung mit dem verglich, was im Programmheftchen angekündigt war, und dort fleißig seine Änderungen eintrug. Ansonsten erregte ich kein Aufsehen.

Von zwei bis sechs blieb ich im Park. Meine Taschen waren vollgestopft mit Pamphleten und Flugblättern diverser Gruppen und Grüppchen, die anscheinend aus dem ganzen Land hierhergekommen waren und die ansässigen New Yorker Spinner und Sektierer noch vermehrt hatten. Zu den seriöseren dieser blättchenverteilenden Gruppen gehörten “Sience for the People” aus Cambridge, Massachusetts, und das “Lawyer’s Committee on Nuclear Policy”, das in Zusammenarbeit mit dem “ILO”, dem International Liaison Office (jener Betonburg am Riverside Drive) vor einer Woche ein “internationales Symposium über Moralität und Legalität von Atomwaffen” veranstaltet hatte. Zu den abstruseren Druckerzeugnissen zählte die Nummer 10 der Zeitschrift “Unity”, “Newspaper of the US League of Revolutionary Struggle (M-L)” mit Artikeln in englisch, spanisch, chinesisch, japanisch und deutsch (“Stoppt das Wettrüsten das Supermächte!”) und die Yippie-Zeitschrift “Overthrow”, die dazu aufrief, am Montag die “heimlichen Atommächte Südafrika und Israel” zu blockieren. Die “Communist Workers Party” attackierte in ihrem “Workers Viewpoint” Nr. 19 die Kennedy/Hatfield-Resolution als “Einfrieren der Friedensbewegung”. Die “Socialist Labor Party” gab in ihrer Zeitung “The People” Nr. 5 ihren “sozialistischen Standpunkt” zum Besten, dass eben doch der Kapitalismus an allem schuld sei und “Freeze” und all das Zeug unnütz, solange der Sozialismus nicht errungen sei. Die “New York Alliance” warb für ihre Kandidaten für den Kongress des Staats New York. Die “Workers World Party” stellte in einer Sondernummer ihres Blättchens “Workers World” die sehr berechtigte Frage “12. Juni – Wie weiter?” und gab auch gleich die Antwort: Klassenkampf! – Die Zeitung “Daily World” (offensichtlich die amerikanische “UZ-Tagesausgabe”) brachte schon die heutige Rede von Henry Winston, dem Vorsitzenden der “offiziellen” KP, der – was sollte er auch sonst tun – den “Minimalkonsens” der amerikanischen Friedensbewegung beschwor. Von den “New Society Publishers” in Philadelphia, Pennsylvania, fand ich einen Prospekt über ihre neuesten Bücher in meiner Tasche. Irgendwie zu blöde war ich allerdings, um die Zeitung “Freeze and Scream” aus Setauket, New York, zu verstehen, die sich als “The Official Paper of the Nuclear Freeze Campaign” bezeichnete, die Demonstration am 12. Juni aber schon vorab als Geschwafel, dummes Zeug und an den Realitäten vorbei beschimpfte. Genauso wenig konnte ich mit “The Star Times” anfangen, die anscheinend von der “Women’s International League for Peace and Freedom” herausgegeben wurde und ganz wirre Meldungen über angebliche Abrüstungserfolge brachte, die wohl lustig gemeint waren.

Langsam bekam ich kalte Füße in meinen hochsommerlichen Strandsandalen. Von den Deutschen hatte ich natürlich die ganze Zeit nichts gesehen. Ich kaufte mir ein dunkelblaues “Freeze”-T-Shirt (Ich bemerkte erst später, dass es nicht das “offizielle” war) und lief zur Wohnung von Charles und Shirley. Ehe ich mir ein Abendprogramm überlegte (was die anderen jetzt wohl taten?) mußte ich mir Strümpfe und richtige Schuhe anziehen. ‘

Dort sah ich unsere Demonstration gleich nochmal im Fernsehen. “Fünfhunderttausend bis sechshunderttausend” hieß es da. – “Dann gibt es bei euch also auch jedesmal den Krieg um die Teilehmerzahlen nach einer Demonstration?!” – “Völlig richtig. Ihr habt das bei euch wahrscheinlich genauso.” – “Wir sind erst um vier Uhr von unserem Platz an der 51. Straße abmarschiert”, erzählte Charles halb stolz, halb leidend, “und von der Abschlußkundgebung haben wir fast nichts mehr mitbekommen. Hast du gesehen, wie Coffin die Luftballons losließ?” – Er erzählte, dass William Sloan Coffin eine bekannte Figur schon seit den Studentenunruhen in der Vietnamkriegszeit ist. Er war “liberaler” Rektor an der Washington-Universität und ging von dort zur progressiven Riverside-Kirche, die ihrerseits von Rockefeller gebaut worden war und ein sehr “linkes” Image hat. “Shirley kennt ihn gut. Sie sieht ihn ja fast jeden Sonntag. Ich selbst bin kein so begeisterter Kirchgänger.” – “Ich will mich noch ein wenig in der Stadt umsehen,” entschuldigte ich mich, denn Charles schien sich ganz gerne mit unsereinem zu unterhalten. “Vielen Dank für die Gastfreundschaft und bis heute Nacht.”

Ohne konkreten Plan fuhr ich mit der Buslinie 104 zum UNO-Gebäude. Gegen acht Uhr abends war dort aber alles verwaist. In meinem Adressbüchlein fand ich Annes Nummer und versuchte, sie in Brooklyn anzurufen, bekam aber nur “Kein Anschluss unter dieser Nummer”. (Dann hatte sich ihre Telefonnummer also doch geändert. Die neue hatte sie mir in ihrem letzten Brief mitgeteilt. Und der lag in meinem Koffer im elften Stock im Riverside Drive.) Jetzt rächte es sich, dass ich den Anschluss an meine Reisegenossen verloren hatte. Bestimmt waren die jetzt in geselliger Runde und nur ich trottete wie ein Idiot allein durch nächtlich-leere Straßen in einer Büro- und Geschäftshausgegend.

Meiner Stimmung entsprechend bestellte ich in einem Fast-Food-Restaurant mit etwas unsicherer Stimme ein Roastbeef und ein Bier. Dreimal musste der Mann hinter der Theke zurückfragen, bis ich ihn verstand: Ob ich es als Sandwich oder auf einem Teller haben wolle. Der Kerl wurde ob meiner Begriffsstutzigkeit ganz sauer. Ich setzte mich in eine gepolsterte Nische, aß das nicht übermäßig zarte Roastbeef-Sandwich, und schrieb das erste Mal drei Zeilen in mein Tagebuch.

Weil ich nicht ganz unverrichteter Dinge wieder zurückfahren wollte, entschied ich mich nach einem flüchtigen Blick auf den Stadtplan, dem “Civil Disobedience Office” in der Lafayette Street einen Besuch abzustatten. Das waren die Leute, die am Montag eine Blockade-Aktion geplant hatten, und dort würde voraussichtlich noch jemand sein. Unterwegs erstand ich eine druckfrische Sonntagsausgabe der New York Times, auf deren Titelblatt ein riesiges Foto der Demonstration prangte.

Auf meinem Touristenplan waren zwischen der 42. Straße und der 12. drei Querstraßen eingezeichnet. Tatsächlich sind es dreißig Blocks oder knapp drei Kilometer. Das ist so weit wie vom Stuttgarter Hauptbahnhof bis zum Südheimer Platz. Und meine Beine wussten genau, was sie heute schon geleistet hatten. So ein Unsinn. Dabei war mir das bei meinen früheren drei New-York-Besuchen schon jedes mal passiert. Fürchterlich müde und schlecht gelaunt kam ich kurz vor zehn Uhr im Büro in der Lafayette Street an.

Unterwegs traf ich einige Demo-Helfer, die Absperrgitter von einem Lastwagen abluden. Einer sah meine Zeitung und wollte wissen, wie “sie” herausgekommen seien. Er gab einen Fluch von sich, weil die ersten Aufmacher den Kriegen im Libanon und auf den Falkland-Inseln gewidmet waren, und nur das Titelfoto und die dritte Zeile auf die Demonstration Bezug nahmen. – Ganz schön verwöhnt, die Jungs: Eine Million Demonstranten sind zwar eine wichtige Nachricht, aber ein paar tausend Tote im Libanon doch wohl auch, und innerlich sprach ich den Redakteuren von der New York Times meine Zustimmung aus für die Reihenfolge ihrer Schlagzeilen.

Im hintersten Raum des Civil-Disobedience-Büros saßen sieben junge Leute, die gerade die Ereignisse des heutigen Tages durchsprachen. Ich sagte, ich sei aus Deutschland und wolle mich erkundigen wegen des “Civil Disobedience Training” für Montag. “Ach, aus Deutschland bist du? Ist ja toll!” – “Willst du einen Schluck Wein?” – (Die Gruppe erinnerte mich gleich an meine Bekannten und Mitstreiter von der “Rocky Flats Truth Force” aus Boulder, Colorado. Sie gehörten der Nach-Hippie-Generation an, dem jungen Schlag der Kernkraftgegner, den “New Age”-Spontis, von denen die Ökologiebewegung, die Körnerfresserei, die Anti-AKW-Bewegung und eine Menge neues Leben auch zu uns herüber geschwappt ist.) – “Ja, gerne”.

Einer machte sich begeistert über meine druckfrische Zeitung her. Ein Mädchen fragte in die Runde: “Habt ihr Kuomo gesehen?” (Kuomo war Oberbürgermeister-Kandidat für New York und stand bei den engagierten jungen Leuten offensichtlich nicht hoch in Kurs.) – “Er trug eine Fackel und lief die ganze Route mit der rechten Hand zum Victory-Zeichen erhoben!” – Alle lachten. – “Welch ein Anblick! Mir wärs fast hochgekommen!” – Jemand entgegnete: “Das wäre eine neue phantasievolle Form bürgerlichen Ungehorsams für die Blockade am Montag: die Botschaften der Atommächte kollektiv vollkotzen.” – Aber niemand griff seinen Vorschlag auf.

“Mobilisation for Survival” nannte sich der Zusammenschluss, der sowohl das Büro betrieb als auch die Aktion am Montag tragen sollte. Meine Aufkleber, die ich vom Stuttgarter Büro der Grünen mitgenommen hatte, waren hier so gut aufgehoben wie irgendwo, und so lud ich sie auf dem Tjsch ab. Dafür wurde ich von einem der Anwesenden, die gerade im Aufbruch begriffen waren, gefragt, ob ich Lust hätte, mit zum Konzert zu gehen, er habe noch eine Karte übrig. “Welches Konzert?” – “Holly Near, sie hat auch auf der Demo gespielt.”

Gern willigte ich ein und bekam eine Karte in die Hand gedrückt. “Dance Party” stand darauf. Und: $7. “Oh, danke schön”. Jetzt war ich gerade eine Viertelstunde unter diesen Leuten, und schon fühlte ich mich hier zuhause. Der mit der Karte fragte mich: “Was heißt denn ‘Kernkraft’?” – “Nuclear Power” – “Oh, dann heiße ich ‘Nuclear’ – mein Name ist Bruce Kern.”

Bruce kam aus Kanada: “Wir haben dort eine große Bewegung gegen die Nachrüstung, sie nennt sich Cruise Missile Conversion Project” – und ich musste zugeben, noch nie davon gehört zu haben. Bruce war seinerseits wohl informiert über die Friedensbewegung in Deutschland, und er schenkte mir eine kanadische Plakette, die ich sehr schön fand. – “Dann lasst uns aber gehen, das Konzert fängt gleich an.” – “Aber mein Becher ist noch halbvoll!” – “Dann nimm ihn doch mit und trinks unterwegs!” – sprachs, nahm die Weinflasche und schüttete ihn mir nochmal randvoll. Na ja. Andere Länder…

Auf dem kurzen Fußweg zum ‟Loeb Student Center” (in etwa der Mensa der New York University) stellte ich bei erster Gelegenheit meinen Pappbecher unauffällig ab. Eine meiner neuen Bekannten fragte mich: “Wie war denn dein Eindruck heute?” – Mächtiger Stolz schwang in der Frage mit über “ihre” Leistung. Aber auch anerkennendes für “uns” Europäer: “Was ihr da in Europa auf die Beine gestellt habt, in London und in Bonn und so weiter, das hat uns schon mächtig angespornt.”

Vor dem Portal der Mensa fand ich erst nach längerem Suchen meine kostbare Eintrittskarte wieder. Drinnen wurde getanzt, es war warm und meine Fuße waren müde. Jacke und Tasche (mit Reisepass!) warf ich auf einen Berg von Kleidungsstücken, tanzte, trank Wein aus Papp-Bechern, ruhte mich aus auf der Terrasse zwei Stockwerke über dem La Guardian Place, lauschte der Musik von Holly Near, die mit zwei Frauen und “African Dreamland”, einer farbigen Reggae-Gruppe, sowie einer Gebärdensprachen-Interpretin für Taubstumme auftrat (die auch auf der Kundgebung alle Reden in Gebärden übersetzt hatte; dort fand ich das ja toll, aber hier: welcher Taubstumme geht schon in ein Konzert?!). Die Stimmung war satt und erfüllt von der vollbrachten Tat des heutigen Tages. Ich unterhielt mich noch kurz mit einer hübschen, dunkelhaarigen Studentin, die zwar begeistert mitdemonstriert hatte, aber meinte: “Eigentlich müsste man ja vor allem in Moskau demonstrieren; nur darf man das dort nicht. Die Russen rüsten ja noch viel mehr als unsere. Meinst du nicht?”

Gegen Mitternacht bestellte ich mir kurzentschlossen ein Taxi (nein, die Qual der U-Bahn-Schächte wollte ich meinen Füßen nicht mehr antun), und bezahlte überraschend nur $ 21 für die recht lange Strecke bis zur Wohnung von Goelz’. Unterwegs blätterte ich in meiner New York Times von morgen. Da stand doch prompt ein kurzer Artikel über Holly Near’s Auftritt (nein, das konnte doch nicht sein: sieh da, es war ein Bericht über einen Auftritt am Donnerstag). Sie sei “eine der Anführerinnen der feministischen Musikbewegung” (noch eine Bewegung mehr!).

Der Hauseingang war dunkel und verriegelt. Niemand reagierte auf mein Klingeln. Jemand ging aus dem Haus und ich schlüpfte hinein. Die Wohnungstür war angelehnt, alles schlief. Ich riegelte ab. Franz lag schon auf seiner Matratze und in Minutenschnelle war auch ich eingeschlafen.

Sonntag, 13. Juni 1982

Beim Aufstehen tauschten Franz und ich Erfahrungen vom Vortag aus. Er war mit dem Block der “Internationals” marschiert und sie hatten mit ihrem deutschen Transparent viel Aufsehen und Interesse auf sich gezogen. Das Frühstück, für das Ehemann Charles zuständig schien, war ein wenig karger als gestern; das Herausragende an ihm war der riesige Napf voll Kaffee, den jeder von uns vieren vor sich stehen hatte. Wir saßen im Mansardenzimmer, hoch über dem Riverside Drive, und die Sonne glitzerte durch die schweren Wolken über dem Hudson River. “Ich kann Ihnen nur immer wieder sagen, wie schön Sie hier wohnen.”

Nach einer Weile begann Charles leicht verlegen: “Ich weiß nicht, ob man es Ihnen schon mitgeteilt hat, aber wir können Ihnen leider nur Quartier geben bis Montag früh, weil wir beide die ganze Woche hindurch arbeiten.” – “Sicher”, beeilten wir uns, ihm zu erwidern, “wir wollten sowieso heute als Erstes in die Riverside-Kirche, da können wir gleich die Übernachtungsfrage klären.”

“Gestern sind wir eigentlich genug gelaufen”, entschied Franz, und ich schlug auch gleich vor, ein Taxi zu nehmen. Aber er sagte: “Ich bin für die Unterstützung des öffentlichen Nahverkehrs. Da fährt auch ein Bus”, und mochte auch meiner Ausführung nicht folgen, dass die Taxis in New York doch irgendwie zum System der öffentlichen Nahverkehrsmittel dazugehörten. Also stellten wir uns an die Bushaltestelle. Inzwischen nieselte es leicht. Charles hatte uns vorausschauend einen Regenschirm geliehen. Es war Sonntag früh, wenig Verkehr, und der Bus ließ lange auf sich warten. “Wenn er in den nächsten fünf Minuten nicht kommt, nehmen wir doch ein Taxi”, lenkte Franz schließlich ein, und prompt kam dann auch der Bus. “Siehst du!”

Jetzt hatten wir dafür solche Bange, die richtige Station zu verpassen, dass wir prompt zu früh ausstiegen, und trotz bezahlter 25 ¢ noch ein gehöriges Stück durch den inzwischen stärker gewordenen Regen tappten.

Im Internationalen Verbindungsbüro im elften Stockwerk der Riverside-Kirche saß eine junge Dame allein in dem riesigen Büro. “Hallo, ich heiße Kate.” – Rundum bediente sie die über den Raum verstreuten sieben Telefone (“Hier ist das International Liaison Office, Kate Williams. Was kann ich für Sie tun? … Nein, bedaure, der Friedens-Basar fällt heute aus. Nein, wir hatten einfach in dem Trubel niemanden mehr, der ihn vorbereiten konnte. Und außerdem regnet es. … Ja, bitteschön. Vielen Dank für Ihren Anruf!”) – “Was kann ich für euch tun?”

Wir erzählten von unserem Unterbringungsproblem. Kate wühlte in ihren Karteikarten. ‟Wo wohnt ihr?” – “Shirley und Charles Goelz.” _ “Ach ja …” – eines der Telefone klingelte (“Hier ist das International … Friedens-Basar … nein, bedauere … außerdem: der Regen .. Auf Wiederhören!”) – “… hier: dann seid ihr Jo Müller und Eberard Schmidt.” – Das waren wir natürlich nicht, und nun wurde die Sache kompliziert. “Es war nämlich extra vorgesehen, daß Schmidt und Müller zu Shirley gehen, weil sie anschließend zu Debbie und Steve Oakland ziehen sollten. Die sind nämlich gezielt an Wissenschaftlern interessiert.” – Ein anderes Telefon klingelte. – “Schmidt ist doch Professor?!” – (“Hier internationales Verbindungsbüro … der Friedens-Basar? Nein … niemand mehr da … die letzten Tage so viel los … aber bitte, gern geschehen!”) – Kate lächelte uns entschuldigend an. ‟Hier ist zur Zeit wirklich viel los. Also, wo waren wir?” – Nein, Nicht-Wissenschaftler mochte sie zu den Oaklands nicht schicken. “Wir achten sehr darauf, unser gutes Verhältnis zu den Leuten, die uns helfen, nicht zu trüben.” – Ich rief bei Jo Müller an und versuchte die beiden zu bewegen, zu Oaklands zu ziehen und uns ihre Wohnstatt zu überlassen. Das scheiterte daran, dass die beiden sich schlicht weigerten, weil Jo im selben Haus wie seine Freundin wohnen wollte, und Eberhard “so einen guten Kontakt zu unserer Gastgeberin geknüpft hat, dass es sehr unhöflich wäre, wenn wir jetzt ausziehen würden.”

Kate blätterte wieder in ihren Karteikarten, die Telefone klingelten abwechselnd, und ich machte mich nützlich, indem ich ab und zu abnahm und das Sprüchlein vom Friedens-Basar repetierte (es war nur etwas schwierig, mit den vielen blinkenden Knöpfen auf den Telefonapparaten nicht durcheinanderzukommen, und ab und zu war auch mal ein Gespräch “futsch”).
Kate versuchte, hier und dort anzurufen, meist war gerade niemand zuhause. – “Macht es euch etwas aus, wenn ihr in Brooklyn untergebracht werdet?” – Die Tür ging auf und Eva Quistorp trat ein. – “Nein”, rief ich, Das Telefon klingelte. Kate rief in Brooklyn an. – “Was tut ihr denn hier?” – “Suchen Unterbringung” antwortete Franz, “Und du?” – Ein Telefon klingelte. – “Der Friedens-Basar fällt aus”, sagte ich zum Teilnehmer am anderen Ende der Leitung. Eva schaute etwas befremdet. -“Ich geb euch mal Reneé Cafiero, bei ihr könnt ihr wohnen”, sagte Kate und reichte mir den Hörer. – “Hier soll irgendwo Achim Maske sein”, meinte Eva. “Ja, hier sind zwei Leute aus Deutschland. Können wir bei dir von Montag Abend an für vier Nächte wohnen?”, fragte ich in die Muschel. Wieder ging die Tür, und zwei Männer traten ein. “Ach, da bist du ja”, begrüßte ihn Eva. Ich ließ mir von Reneé ihre Telefonnummer und Adresse durchgeben. “Wir melden uns morgen wieder. Vielen Dank!” – “Kann ich noch was für euch tun?”, fragte Kate – erleichtert, ein Problem gelöst zu haben. Franz überlegte: “Da war doch noch die Sache mit den Transparenten” – Eva stellte uns vor: “Achim Maske, KofAZ, und Guido Grünewald, DFG/VK.” – “Hallo, sehr erfreut.”

Inzwischen hatte ein weiterer Mitarbeiter des Büros dasselbe betreten, er hieß Henry, und bediente immerhin drei der sieben Telefone. Kate zeigte Franz und mir dicke Stoffballen in einer Abstellkammer. “Das sind lauter internationale Transparente. Aus Schweden und England und so weiter. Die anderen hat Chimiko.”

Eva verfocht ihre Lieblingsidee einer deutschen Pressekonferenz. “Am besten gleich morgen, während der Civil Disobedience Aktion an Ort und Stelle.” – Achim Maske stimmte ihr mit leicht säuerlichem Gesicht (“Das wird sowieso nichts. Bei dem, was hier im Moment alles los ist. Und außerdem ist das viel zu kurzfristig.”) zögernd zu.

Kate gab mir die Telefonnummer Chimikos, und ich rief sie an. ‟Bleibt solange im Büro, ich komme gleich vorbei” schlug sie vor.

“Heute um zwei Uhr gibt Sidney Peck eine Pressekonferenz im Tudor-Hotel”, erklärte Eva, “da ist die ganze Presse anwesend. Wenn wir bis dahin die Ankündigung für unsere Pressekonferenz fertig haben …” – Ich fragte Kate: “Kann ich mir einen von den netten Aufklebern nehmen, die hier liegen?” – Ich durfte (“END THE ARMS RACE – NOT THE HUMAN RACE”) – und peppte ihn mir vorne auf den Hut. Nun kam Chimiko mit einem jungen Japaner, Akio Kawamuto. – “Können wir hier eine Schreibaschine benutzen?” fragte Eva, und bekam eine solche zugewiesen. “Wo soll die Pressekonferenz überhaupt stattfinden?” – Eva versuchte, im ILO Church Center Branch am UNO-Hauptquartier anzurufen, ob dort etwas frei sei. Aber niemand ging ans Telefon. “Immerhin ist heute Sonntag!” – Achim Maske sagte: “Da wird sowieso nichts draus”, setzte sich aber vorsorglich schon mal an die Schreibmaschine. “In diesem Haus sind so viele Räume, irgendwas werden wir da schon bekommen. Und das Coffee House ist jedenfalls offen.” – Chimiko, Akio, Franz und ich besprachen die Lage an der Transparente-Front: “Wir brauchen etwa zehn Leute, um sie aufzuhängen”. Chimiko erklärte sich bereit, die Dinger zusammenzunähen. “Wir sollten die UNO-Beamten vorher informieren und fragen, ob sie vorhaben, Schwierigkeiten zu machen!” – “Wir sollten die Leute nicht noch nervöser machen, als sie morgen sowieso schon sind!” – Achim, Guido und Eva komponierten ihre Presseerklärung. Und während das Gewirr nicht abnahm, die Schreibmaschine klapperte, die Telefone klingelten, verstrich die Zeit (Franz murmelte: “Kate sollten wir morgen einen Blumenstrauß mitbringen. Sie hat ihn sich verdient.”) – “Wenn wir noch zu Sidney Pecks Pressekonferenz gehen und dort unsere Einladung verteilen wollen, müssen wir jetzt Dampf machen!”

Am Ende hatten wir mit den Japanern einen Termin heute abends im Coffee-House abgemacht, wo wir die Aktion mit den Transparenten entscheiden wollten. Zum Civil Disobedience Training ging nur Franz. Achim und Guido waren verschwunden, sobald die Einladung zur Pressekonferenz fertig geschrieben war (die ich aber nochmal völlig neu schrieb, einmal wegen des verheerenden Englisch, in dem sie abgefasst war, zum anderen, weil ich unsere Transparente-Aktion noch mit darauf bringen wollte); Eva und ich nahmen ein Taxi und ließen uns mit viel Dramatik von dem schwarzen Taxifahrer zu einem Kopiergeschäft fahren (das noch dazu Sonntags geöffnet sein musste), ich ließ die Einladung (schön mit “Aufstehen fûr den Frieden”-Briefkopf) zwanzigmal kopieren, und dann fuhren wir direkt zum Tudor-Hotel zu Sidney Pecks Pressekonferenz. Unterwegs sagte Eva: “Hast du gesehen, wie schnell Achim Maske sich an die Schreibmaschine gesetzt hat? Da muss man immer höllisch aufpassen!” – “So; meinst du.” – “Sie bringen immer ihre ‘Einseitige Abrüstung’ rein.”

Mit dem Aussehen der Presse-Einladung waren wir jetzt ganz zufrieden (“Ist doch gut, daß ich sie nochmal überarbeitet habe, gell?”). Sie hatte folgenden Wortlaut:

Press Release

A press conference will be held in the Ploughshare
Coffee House at 777 UN Plaza (1st Ave at 44th Street)
at 11 AM on Monday, 14th of June.

1.
Representatives of the West German peace movement,
who were involved in organizing the June, 10th rally
in Bonn will discuss the following items:
1. Our expectations for the Second Special Session on
Disarmament
2. Our evaluation of the rallies in Bonn and New York
3. Plans for further activities of the peace move-
ments

Speakers for the press conference include Eva
Quistorp (Women for Peace), Jochen Dietrich (National
Union of Students), Hajo Kracht (The Greens), Guido
Gruenewald (German Peace Society), Achim Maske
(Committee for Peace, Disarmament and Cooperation).

2.
Additionally we inform you that representatives of
the international peace movements intend to put a
huge peace banner around the United Nations building.
The banner is composed of many single banners from
countries including Norway, Japan, Britain, Germany
and Holland.
Representatives of those countries will also be there
at the press conference.

For further information call the International
Liaison Offiee / Riverside Church Tower #19 / 490
Riverside Drive / New York, N.Y. 10027 / Phone: (212)
749-3810

Im Foyer des Hotels fiel mir auf, dass mich die Leute so merkwürdig anstarrten. “Der Aufkleber auf dem Hut ist vielleicht ein bisschen affig, meinst du nicht?” fragte ich Eva. Die sagte nur: “Ja”, und ich nahm ihn schleunigst ab und klebte ihn auf die Rückseite meiner Umhängetasche.

Wir waren noch früh genug im Tudor Hotel angekommen, um zusammen mit Sidney Peck, dem mich Eva vorstellte, in den Ersten Stock zum Raum der Pressekonferenz zu gehen. Dort waren noch keine Presseleute; wir holten Stühle aus einer Seitenkammer, und Mr. Peck gab Regie-Anweisungen: Alle, die hier nichts zu suchen hätten, sollten bitte den Raum verlassen (da so wenig Platz sei), er werde die Teilnehmer vorstellen; zentrales Thema sei die Visa-Verweigerung für Leute aus Japan und anderen Ländern; andere Themen sollten bitte höchstens im Anschluss daran angesprochen werden. Außerdem bat er alle dreizehn anwesenden Sprecher, sich extrem kurz und deutlich zu fassen. Eva setzte sich vorne an den Präsentier-Tisch, ich nahm in einer der hinteren Stuhlreihen Platz (und drückte Eva noch die Kopien unserer Einladung in die Hand: “Ich glaub, es ist besser, wenn du sie verteilst – ich trau mich nicht so recht.”)

Erst sah es so aus, als ob die etwa zwanzig Anwesenden unter sich blieben, dann rückte aber – mit kurzer Verspätung – doch noch ein Trupp Journalisten an: vier oder fünf Zeitungen waren vertreten, zwei Fernsehteams drängelten sich mit Scheinwerfern und Kamera-Stativen in den Vordergrund, und auffallend: ein ganzer Pulk japanischer Journalisten nahm in einer Ecke des Raumes Platz.

Die Einleitung sprach Peck. Er sprach über die Arbeit des Internationalen Verbindungsbüros, “im Kontext einer wachsenden internationalen Friedensbewegung”, und stellte dann Sheila Cooper vor, die im “Internationalen Sekretariat für Abrüstung und Frieden” arbeitete. Diese drückte ihre Enttäuschung über die verweigerten Visa aus: “Wir hätten uns eine noch repräsentativere internationale Zusammensetzung der Demonstration erhofft.” Dann gab Peck das Wort an “Hochwürden P. Sato”, einen japanischen Mönch in gelbem Umhang, der von den 28.852.935 Unterschriften für Abrüstung berichtete, die in Japan gesammelt worden seien. “Die Vereinigten Staaten sind Gastgeber der Vereinten Nationen. Das gibt ihnen aber nicht das Recht, darüber entscheiden zu können, wer die öffentlichen Sitzungen der Versammlungen der UNO besuchen darf!” – Als nächstes war Sidney Lens an der Reihe, ein Gewerkschaftler, Autor und Mitarbeiter eines Progressiven Magazins. Er berichtete von einem “Round Table”-Gespräch der Gewerkschaften über Abrüstungsfragen, und führte im Einzelnen aus, dass 323 Ausländern das Visum verweigert worden war: 286 Japanern, fünf Kanadiern, und Mitgliedern des “World Peace Council” (das der Sowjetunion freundlich gesinnt ist). Gegen die Visa-Verweigerung war eine Klage eingereicht worden, die aber in der Berufung abgelehnt worden war. Sidney Peck berichtete dann, dass in den letzten Wochen in Hiroshima eine Demonstration von 250’000 Menschen stattgefundgn hatte, in Tokiyo eine mit 500’000 Teilnehmern, und dass – zusammengerechnet – über 5’000’000 Japaner an Friedensdemonstrationen teilgenommen hätten.

Der interessanteste Sprecher war Bruce Kent aus England. Die Friedensbewegung in Großbritannien umfasse 5% (der Bevölkerung?), zwei mal 250’000 Leute hätten in Großbritannien demonstriert, und ihre Forderungen seien: 1. Einseitige Abschaffung der unabhängigen britischen Atomwaffen, und 2. Keine weiteren amerikanischen Raketen. Die Ausrichtung sei hin auf einen nicht-paktgebundenen Status Englands. Er sprach sehr klar und deutlich und hatte bis dahin als einziger etwas über die politischen Forderungen der Friedensbewegung zu sagen.

Nach ihm sprachen James George aus Kanada und Eva Quistorp, die im Inhalt ähnlich wie Kent politische Anliegen der Friedensbewegung ansprach, vor allem, dass bestimmte einseitige Forderungen erhoben würden, die aber wieder einmal sehr hastig und schnell ihre “Message” herunter spulte, so dass selbst ich, der den politischen Inhalt ihrer Aussagen kannte, Mühe hatte, zu folgen – wie viel mehr wohl schläfrige amerikanische Journalisten, die wussten, dass sie sowieso nur zwei Sätze an Information zwischen zwei “Commercials” packen konnten? Und nun folgten Reverend Toraki, Ishi Guro (der auf ein eingeschränktes Visum eingereist war), Toranorai Kumamoto und Shunji Tsuvoi, bei denen ich große Mühe hatte, zu folgen, sie erschienen mir langatmig, unverständlich und dem amerikanischen ‘Information Fast Food’-Stil völlig unangepasst. Die Fernsehleute schalteten ungerührt mitten in der Rede eines der Japaner ihre Kameras ab und begannen, abzubauen, und insgesamt kam einige Aufbruchstimmung auf.

Dann erwähnte Sidney Peck einen Welt-Friedens-Marsch, der von Schweden in die UdSSR führen sollte, und gab einem sehr amerikanisch-leger gekleideten Cowboy neben mir das Wort; er hieß Paul Carpino, und er stellte eine Aktion ‘Run for Peace’ vor, einen Staffellauf von New York nach Seattle, der am 21. Juni beginnen sollte, und von dem auch einige Teilnehmer an dem Marsch in die UdSSR teilnehmen sollten.

Die Journalisten waren sichtlich ermüdet (ich signalisierte Eva, sie solle doch denen, die jetzt schon den Raum verließen, ein Exemplar unserer tollen Presseerklärung in die Hand drücken – vergebens), jetzt durften Fragen gestellt werden (Frage 1: “Ist einseitige Abrüstung nicht Selbstmord?”, Frage 2: “Sollte nicht die Sowjetunion auch abrüsten?”), und dann begann der japanische Journalisten-Block an die japanischen Redner Fragen zu stellen, und bald war die Angelegenheit eine innerjapanische Affäre, weil die meisten amerikanischen Journalisten, aber auch (ihnen nachschwänzelnd) die meisten nicht-japanischen Sprecher den Raum verlassen hatten. Eva brachte in letzter Minute immerhin noch einige unserer Einladungen an den Mann, und dann war die Pressekonferenz auseinandergelaufen.

“Da sind doch immerhin einige Presseleute erschienen”, resümierte Eva, als wir wieder auf der Straße waren. – “Ich muss jetzt unbedingt was essen gehen”, maulte ich, und so kehrten wir in einem lieblos-hell eingerichteten Coffee Shop ein, (“Was vernünftiges wirst du hier in Amerika wohl nicht so schnell finden”, akzeptierte Eva). Wir aßen “the all-American junk food”: Fish’n’chips ich, einen XY-Burger Eva. “Hier muss es doch so etwas wie einen Presseclub geben. Sollten wir dort nicht heute noch unsere restlichen Einladungszettel abgeben?” fragte Eva. Ich fand die Idee bestechend. “Und bei unserer UNO-Botschaft sollten wir auch mal einen Besuch abstatten _ dass die uns wenigstens zur Kenntnis nehmen!”

Mit den beiden jungen Japanern und Franz hatten wir uns im Ploughshare Coffe House verabredet. Als wir hinkamen, standen sie schon im kühlen Wind vor dem vergitterten Eingangstor, und wir gingen mangels besseren Unterschlupfs in die gegenüberliegende Bar des Ambassador-Hotels.

Franz berichtete auf deutsch von seinem Training in gewaltfreiem Widerstand: “Das war ein Kalter!” – “??” – “Was die Amis hier unter gewaltfreiem Widerstand verstehen… Das wird eine stink-brave Aktion! Stellt euch vor: die haben alles mit der Polizei abgesprochen!‟ – Er konnte sich gar nicht beruhigen: “Das ist mir zu läppisch! Da mach ich nicht mit! Reiner Kindergarten!”

Mit den beiden Japanern besprachen wir zwischendurch auf englisch, was wir jetzt mit den Transparenten anfangen wollten, Kimiko hatte die Dinger aneinander genäht, aber niemand hatte großen Erfolg in der Mobilisierung von Leuten gehabt, die wir für’s Aufhängen brauchten. “Wir auch nicht”, und ehrlicherweise mussten wir zugeben: Wir hatten auch nichts dafür unternommen. Auch von der Gebäudeverwaltung hatte man niemanden erreicht. “Wollt ihr die Aktion wirklich durchführen?” fragte Kimiko, “sonst lassen wir es besser sein!” – Und wir einigten uns, morgen Vormittag, nach der Blockade-Aktion spontan zu entscheiden, wie wir weiter vorgehen würden: “Jedenfalls haben wir alles vorbereitet.”

Währenddessen hatten wir ein ständiges Geplänkel mit der Bedienung der Bar, die es fast ungezogen fand, dass wir jeder nur eine Tasse Kaffee (“Und wenn es geht, eine Kleinigkeit zu essen”) wollten. “Bedauere, dies ist eine Bar, wenn Sie etwas zu essen haben wollen – das Restaurant ist gleich nebenan.” – Aber ein Blick auf die piekfein gedeckten Tische nebenan schreckte uns gleich wieder ab. “Das ist sicher unbezahlbar!”

Kimiko fragte mich nach meinem Eindruck von der Konferenz in der Cooper Union am Freitag Abend, und ich gab meinem Befremden über die japanischen Rituale Ausdruck. “Ja”, meinte sie bedauernd, “die konservativ-religiösen Organisationen sind die stärkste Kraft in der japanischen Friedensbewegung. Die jungen Leute sind viel weniger aktiv, weil sie Hiroshima nicht mehr erlebt haben.”

Evas Hauptinteresse galt einer jungen dunkelhäutigen Frau aus Hawaii, die mehr zufällig mit uns gekommen war. Sie erzählte von dem speziellen Anliegen der Hawaiianer an der Abrüstungs-Sitzung der UNO: Dass dort Tests stattfänden und die US-Regierung äußerst brutal gegen den Widerstand vorginge: “Da ist auch viel Rassismus dabei”, meinte sie. Eva – gewiefte Politikerin, die sie ist – tauschte gleich Adressen aus. (Ich würde im entsprechenden Moment nicht mal auf so eine Idee kommen!)

‟Dann bis morgen früh um neun im Coffee House”, verabschiedeten wir uns von Kimiko und Akio. Franz erklärte, er wolle sich heute Abend ein wenig mit unseren Gastgebern unterhalten. Eva gab sich der Spontan-Idee hin, bei der Rezeption des Hotels nachzufragen, ob nicht eine bestimmte Person hier abgestiegen sei, deren Name mir nicht geläufig war, die aber hohe Bedeutung für unsere Mission in New York habe; währenddessen blätterte ich in verschiedenen Telefonbüchern und rief die Auskunft an, um die Nummer der westdeutschen Botschaft und des Presseclubs ausfindig zu machen.

“Hier: International Press Club, 120 Wall Street, Nummer: 480-9160. Ich finde, wir sollten einfach ein Taxi nehmen und dort hinfahren”, berichtete ich, und im Taxi sitzend: “Jedenfalls kann man eins nicht sagen: dass wir untätig sind!” – Die Fahrt führte über den Franklin Roosevelt Drive und South Street entlang monströser grauer Viadukte, Zubringer und Häuserschluchten. “Dass es Leute gibt, die hier wohnen können”, wunderte sich Eva: “Eine widerliche Stadt. Schau nur: nichts als Beton!” – “Mich fasziniert das aber auch”, widersprach ich, “obwohl wir gerade sicher nicht am schönsten Punkt New Yorks angelangt sind.” – “Nein, ich bin froh, wenn ich hier wieder ‘raus bin.”

Unser Besuch beim Internationalen Presseclub war ein “Kalter”, wie Franz gesagt hätte. Der ganze Block am hintersten Ende von Wall Street wirkte in der Abenddämmerung tot und ausgestorben. Das Gebäude, das mit einem kleinen Messingschild als Presseclub ausgewiesen war, war verschlossen, und auch auf unser Klingeln hin tat sich nichts. “Bitte fahren Sie uns zur nächsten Telefonzelle”, baten wir unseren Taxifahrer, dort rief ich im Presseclub an. Tatsächlich meldete sich jemand. Nein, dort sei nichts los, man solle sich doch besser an den Presseclub in Washington wenden; morgen um neun Uhr sei wieder geöffnet; nein, Presseleute seien auch keine da, die seien alle in Washington.

“Versuche doch, ob es einen Nationalen Presseclub gibt”, schlug Eva, die im Taxi sitzengeblieben war, vor. Ich rannte wieder zur Telefonzelle, aber etwas derartiges war bei der Auskunft nicht bekannt. – “Wir können nicht ewig mit Chauffeur umher kutschieren”, sagte ich, “das wird jetzt schon irrsinnig teuer!” – Also stiegen wir bei der nächsten U-Bahnstation aus, ich zahlte (und sagte im Stillen: “Jetzt bist du aber mal dran”) – “Und was tun wir jetzt?”

“Dann lass uns doch wenigstens nochmal zum Civil-Disobedience-Büro in der Lafayette Street fahren und sehen, ob sich da was tut.” – “Ob da noch jemand ist?” – “Heute Abend sicher.” – Wir nahmen die U-Bahn.

Dort ging es hoch her. Scharenweise wollten sich noch “Bezugsgruppen” eintragen lassen. Hektisch wurden letzte Vorbereitungen getroffen. Ich war schon einigermaßen müde, aber Evas Energie war unerschöpflich. Eberhard und Jo hatten schon ihre Fußstapfen hinterlassen: in einer Pressemappe, die morgen früh an die anwesenden Journalisten gehen würde, waren sie als westdeutsche Teilnehmer an der Aktion erwähnt; Eva sorgte dafür, dass auch mein und ihr Name in die Erklärung aufgenommen wurde. Sie hatte etwas Bedenken, durch direkte Teilnahme an der Blockade-Aktion ihr US-Visum zu verlieren; also formulierten wir die Sache so, dass wir beide, so wie Robert Jungk in die “Unterstützer”-Gruppe gehen würden. Dann wafte Eva noch endlos mit den dort arbeitenden; ich besuchte kurz meine neuen Bekannten von gestern Abend im hinteren Büro, lieferte all meine Meinungs-Knöpfe ab (und erfuhr, dass der dicke Stapel “Schwerter zu Pflugscharen”-Aufkleber, den ich gestern hier gelassen hatte, bereits unter die Teilnehmer der Blockade vor der Sowjet-Botschaft verteilt war – nicht schlecht!) und bediente mich im Austausch mit allerlei netten amerikanischen Plaketten “für daheim”. Als wir endlich zur Tür gingen, goss es draußen in Strömen.

“Wo wollt ihr hin?” fragte ein stoppelbärtiger junger Mann. – “Zur U-Bahn.” – “Dann wartet; ich hab schon ein Taxi bestellt.” – So kam es, dass wir mit zwei etwas schrägen Typen (“Wollt ihr nicht noch schnell mitkommen, etwas essen?”) in einer unvorstellbar unappetitlichen Schnellimbiß-Hölle landeten, wo man den Eindruck hatte, dass hier der untere Rand der amerikanischen Gesellschaft sich in offener Flamme gebrannte Hamburger und Bier reinzog. Unser freundlicher Taxi-Spender, der offensichtlich Eva recht ins Herz geschlossen hatte, hieß John Hayes, wohnte in Brooklyn (gab uns seine Adresse, 372 Autumn Ave) und nannte sich Schriftsteller. Sex and Crime – “nur zum Geldverdienen”. Er war genauso ausgeflippt wie die ganze Situation. Besonders Eva merkte man an, dass sie sich fühlte, als sei sie unerwartet auf dem Mond gelandet. Sie setzte sich in den Kopf, partout einen Maiskolben zu essen, obwohl die schwarzen Serviermädchen ihr mehrfach bedeuteten, diese seien nicht gar und sie müsse mindestens eine halbe Stunde warten (und offensichtlich auch gar kein Interesse hatten, um diese Uhrzeit noch Maiskolben zu kochen).

In mir kroch mit Macht die Müdigkeit hoch. Zu allem Überfluss traf Eva hier als wir gehen wollten, noch jemanden, mit dem sie unbedingt über die morgige Aktion reden musste. Ich war sehr froh, als wir in der U-Bahn saßen. “Soll ich dich noch nach Hause bringen? Es ist schon sehr spät.” – “Unlieb wärs mir nicht.” – Und so fuhr ich mit bis zu Evas Haltestelle, begleitete sie bis zu ihrem Hauseingang und lief dann in nächtlicher Ruhe und gedankenversunken die zehn Blocks zurück bis zur Wohnung von Goelz.

Franz war noch wach. “Morgen müssen wir früh raus, nicht?” – “Um sechs müssen wir aus dem Haus.” – “Na denn – gute Nacht”

Montag, 14. Juni 1982

Pünktlich wurden wir von Franz’ Wecker aus dem Schlaf gerissen. Die Goelzens waren auch schon auf den Beinen und spendierten uns jedem eine letzte Tasse Kaffee. Wir packten unsere Siebensachen, bedankten uns artig, überreichten als Abschiedsgeschenk die mit Dankeswidmung versehene deutsche Version des Kennedy/Hatfield – Buches (das ich mir am Flughafen in Köln gekauft hatte; mittlerweile hatte ich das Original erstanden) und fuhren mit Sack und Pack mit der U-Bahn bis zum Grand Central Bahnhof, denn heute Abend sollten wir ja bereits in Brooklyn wohnen. Von dort bis zum vereinbarten Treffpunkt 42. Straße / Roosevelt Drive war es etwa ein Kilometer, und ich merkte mir einen Radio Shack Computerladen, an dem wir vorbeikamen; bei Gelegenheit…

Am Treffpunkt war noch niemand. ‟Wir werden doch nicht den falschen Platz erwischt haben?” – Unschlüssig gingen wir einige Schritte in Richtung auf den UNO-Eingang, bis zum Original des “Schwerter zu Pflugscharen”-Emblems – einem ziemlich hässlichen Standbild in der Manier des sozialistischen Realismus der Stalin-Zeit – und zurück. (“So eine Scheußlichkeit ist das also”, sinnierte Franz: “Wenn ich gewusst hätte, wofür man sich da stark macht…‟) – Eine Frau tauchte auf und stellte sich in deutscher Sprache vor: Erika Sulzer-Kleinemeier aus Gleisweiler. Sie sei freiberufliche Journalistin und habe vor, eifrig Aufnahmen von der Aktion zu machen. Wenn wir Interesse hätten, könnten wir gern Abzüge bekommen (später gab sie uns ihre Adresse: Hauptstr. 7, 6741 Gleisweiler, tel. 06345-2882). Und ganz allmählich trudelten einzeln oder gruppenweise Leute ein, die so aussahen, als ob sie “dazugehörten”.

“Was machen wir eigentlich mit unseren blödsinnigen Koffern, wenn das hier richtig losgeht?” – Ich erklärte mich bereit, den ganzen Krempel zum Grand Central in ein Schließfach zu bringen. Beladen wie ein Packesel stapfte ich also zurück zum Bahnhof, fand nach einigem Suchen auch Schließfächer, musste noch die passenden Münzen einwechseln, zwängte mit Gewalt alle Koffer und Taschen in ein einziges Fach und kehrte abgekämpft zu unserem Treffpunkt zurück, wo inzwischen eine mittelgroße Menschenmenge zusammengekommen war: Eva, Jo, Eberhard, Robert Jungk und Ruth – alle waren gekommen.

Ehe wir uns im zu erwartenden Tohuwabohu aus den Augen verlieren würden, machten wir noch mit Jungk aus, uns morgen früh um neun im Howard Johnson’s an der Ecke 49. Straße / Broadway zum Frühstück zu treffen, und etwa gegen acht Uhr setzte sich die ganze Mannschaft in Bewegung; gongschlagende japanische Mönche waren natürlich auch wieder da, und bereits nach wenigen Schritten erblickten wir die Streitmacht der Gegenseite: rund um US-Botschaft und UNO-Komplex hatte eine waffenklirrende Polizeiarmee Stellung bezogen. Absperrgitter. Behelmte, mit Revolvern und Schlagstöcken bewaffnete Polizeitruppen, Scharfschützen auf den Dächern, Panzerfahrzeuge im Hintergrund. Es hätte einer Militärmacht mittleren Ausmaßes bedurft, um sich hier irgendwelchen Rabatz erlauben zu können. Vielleicht ist es gerade die Unzweideutigkeit, mit der hier in den Vereinigten Staaten die Staatsmacht ihre Muskeln spielen lässt, die andere Gedanken als die an gewaltlosen Protest innerhalb der Friedensbewegung gar nicht erst aufkommen lassen kann (und was aus den Black Panthers, den “Weather”-Leuten und anderen radikalen Gruppen geworden ist, scheint den Organisatoren der Friedensaktionen gut im Gedächtnis zu sitzen).

Immerhin: Die First Avenue und die Straßen rund um das Hochhaus der amerikanischen UNO-Botschaft waren gestopft voll. Mehrere Zäune waren aufgebaut. Zuerst eine Reihe, die diejenigen ausgrenzen sollte, die mit der ganzen Aktion nichts zu tun hatten. Dann eine Barriere, die den Bereich abgrenzte, innerhalb derer die Blockierer sitzen und festgenommen werden sollten. Und schließlich ein abgesonderter Bereich für die Presse, die verwirrend zahlreich anwesend war. Mit der Polizeiführung genau abgesprochen war der Zeitrahmen. Die Blockierer sollten Gelegenheit haben, sich die Sache zu überlegen, sich presse- und fotogerecht hinzusetzen, ein oder zwei Lieder zu singen, und dann abgeräumt werden. Jo und Eberhard waren unter denen, die sich hinsetzten; Eva, Franz und ich stellten uns in die Nähe der Presseleute, die auch ständig herumliefen und Kurzinterviews machten; ich hatte so die Gelegenheit, gegenüber den Reportern mehrerer Provinzblättchen vom Schlage eines Milwaukee Enquirers auszuführen, ich sei von den Grünen aus Deutschland und wir unterstützten diese Aktion aus ganzem Herzen. Lieder wurden gesungen, eine Weile tat sich nichts. Schließlich ging eine Welle der Aufregung durch die Menge: die Polizei hatte angefangen, zu räumen.

Unter den Rufen “Freeze now!” und “The whole world is watching” wurden die Blockierer in Polizeibusse verfrachtet und unter dem Jubel der Menge weggefahren. Immer wenn ein Bus voll war, gab es eine gewisse Stockung, weil der nächste Bus in Stellung gebracht werden musste. Schließlich gingen denen die Busse aus – mit so vielen Blockierern hatten sie nicht gerechnet. Wieder brausender Jubel.

Brausenden Jubel gab es auch, wenn ab und zu ein Angestellter der Firmen, die in dem Hochhauskomplex untergebracht waren, sich für ein paar Minuten symbolisch zu den anderen setzte. Und als Jo und Eberhard sich sehr malerisch abtransportieren ließen, schrie ich auch begeistert mit.

Um neun Uhr war jedenfalls das Happening noch in vollem Gange. Franz und ich rissen uns irgendwann los und gingen zum “Coffee House” im 4. Stock des Church Center in der 44. Straße und trafen dort Akio und Kimiko. Angesichts der geballten und mit entsicherten Schusswaffen bereitstehenden Polizeimacht ließen wir unseren Plan fahren, hier und heute noch eine Sonderaktion mit dem UNO-Gebäude anzufangen, zumal wir auch nicht in vernünftige Nähe zu dem Gebäude gekommen wären. Immerhin hatte einer von uns (ich bilde mir ein, ich war es sogar selbst) die phänomenale Idee, unsere fein säuberlich von Kimiko zusammengenähten und aufgerollten internationalen Transparente einfach hinunter auf die Straße zu tragen und den anwesenden Passanten in die Hand zu drücken. Die Sache erwies sich als ganz simpel. Man musste nur einen Ersten finden, dem man einen Zipfel in die Hand drücken konnte, dann rollte man den Stoffballen auf, und bat jeden, an dem man vorbeikam, doch mal kurz zu halten. Im Nu hatte man ein riesiges Transparent von einem Ende des Platzes zum anderen entrollt und ein paar hundert Leute, die es hielten.

Die Aktion lief wunderbar, nur waren es so schrecklich viele Transparente. 5 Stoffballen, die auseinander gerollt vielleicht 500 Meter “peace banner” ergaben, so dass uns am Ende die Demonstranten ausgingen. Meine Bitte an herumstehende Polizisten, sich doch auch für kurze Zeit zur Verfügung zu stellen, wurde von denen freundlich aber entschieden abschlägig beschieden, und so konnte ich die letzte Rolle nur noch zur Hälfte entrollen.

Um elf Uhr, unserem verabredeten Pressekonferenz-Termin, erlebte die Aktion nochmal einen letzten Höhepunkt, als die ersten Abtransportierten wieder auf der Bildfläche erschienen und berichten konnten, wie es ihnen ergangen war. Sie waren eine Weile herumgefahren, erkennungsdienstlich behandelt und dann ziemlich weit im Norden der Stadt wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Einige ganz eifrige setzten sich gleich ein zweites Mal zu den Blockierern, von denen immer noch ab und zu einige weggetragen wurden.

Achim Maske war der einzige, der zu unserer Pressekonferenz erschien und spöttisch meinte, er habe das ja gleich gesagt. Wir standen etwas dumm herum, und als dann doch einige Leute den Raum betraten, taten sie das nicht wegen uns, sondern um ans Fenster zu treten, denn gegenüber wurde jetzt Ronald Reagan zur UNO gefahren (auch Helmut Schmidt erspähten wir aus der Ferne). Es war schon ein makaberer Anblick, wie hier Tausende herumstanden und für Abrüstung demonstrierten, und wenige Meter weiter, hermetisch abgeschirmt, von Geheimpolizisten vorn und hinten, links und rechts flankiert, in einer gepanzerten Limousine angekarrt und von einer waffenstarrenden Bürgerkriegsarmee flankiert, der Präsident dieses Landes die UNO betrat: Zwei Welten, und dazwischen ein Todesstreifen.

Franz bemerkte besorgt, dass unten die Leute langsam weniger wurden. “Wir müssen unsere Transparente wieder zusammensammeln, sonst sind alle futsch!‟ – Er ging mit Akio nach unten und berichtete später, als er keuchend und mit der Befriedigung des Jägers nach dem Erlegen großer Beute mit nicht mehr ganz so sauberen Stoffknäueln wieder zurückkam, er habe sich heldenhaft um die Transparente schlagen müssen. Weil die Fronten und Absperrungen sich in der letzten Zeit verschoben hatten, die Transparente aber am selben Platz – immer wieder von anderen Leuten gehalten – geblieben waren, führten sie schließlich quer durch die Absperrungen hindurch, wo ihn die Polizisten nicht durchlassen wollten, um sie zusammenzurollen. Kimiko fragte mich, ob sie unsere Transparente mit nach Japan nehmen dürfe. Obwohl man mir mehrfach aufgetragen hatte, die Dinger nach Möglichkeit wieder zurückzubringen, fühlte ich mich berechtigt, freudig und im wörtlichen Sinne erleichtert zuzustimmen. “Herzlich gerne! Das ist natürlich ganz im Sinne der westdeutschen Friedensfreunde!”

“Das ist ja ein hochinteressantes Haus”, bemerkte Eva, nachdem sie die Schilder am Lift gelesen hatte. “Wer hier alles sein Büro hat!” – Wir fuhren von Stockwerk zu Stockwerk. Überall Friedens-, Kirchen-, UNO-, NGO (Non Gouvernmental Organisations)-Abrüstungsbüros, deren Namen Eva sicherlich mehr, mir fast nichts sagten. “Um zwei ist hier eine Pressekonferenz der Holländer; da sollten wir zumindest dabeisein” – und ich machte wieder die Beobachtung, dass ich doch zum Politiker völlig ungeeignet war.

Ich wartete immer noch ratlos vor dem Aufzug, weil man gesagt hatte, im Keller sei ein Münzfernsprecher, schon hatte Eva wieder jemand Wichtiges “kontaktet” und Adressen ausgetauscht beziehungsweise einen Interviewtermin ausgemacht. Die Aufzugtür ging auf und jemand rief: “Hajo!”

“Welche Überraschung! Jim!” – Jimmy Walker stand mir gegenüber, den ich 1978 in Boulder, Colorado, in der “Rocky Flats Truth Force” kennengelernt hatte. “Deinen Hut hast du auch immer noch”, war seine erste Bemerkung. – “Und du deine Narbe auf der Nase!” – “Ja, süße Erinnerung!” – Die Narbe kam nämlich von jener schweren Glaslampe, die ihm mitten im Gesicht zerschellt war, nachdem ich sie – durch meinen breitkrempigen Hut am Sehen gehindert – mit meiner Jacke von der Decke geschlagen hatte, obwohl ich nur eine freundschaftliche Drohgeste machen wollte, weil er mich mit “here comes the German fascist pig” gefoppt hatte, als wir von der Blockadeaktion gegen die von Rockwell International betriebene Atombombenzünderfabrik bei Boulder zurückkamen. “Jimmy is crazy”, hatte Sumiko Chikamoto immer gesagt und glänzende Augen bekommen, wenn die Rede auf ihn kam. Jim war einer der wenigen Truth-Force’ler gewesen, die ihre Aktion in einem politischen Rahmen gesehen hatten und er hatte mich auch immer ausgefragt, was die Leute in Deutschland über Atomkraftwerke, Atomwaffen und Kriegsgefahr dachten.

Jetzt aber hatte er wenig Zeit; er war mit einer Gruppe aus Colorado gekommen und musste weiter. Morgen würden sie New York schon wieder verlassen, und so hatten wir keine Chance, uns nochmal zu sehen. – “Was war dein Eindruck von der Aktion heute?” fragte er und antwortete gleich selbst: “Chicken shit. Da sind wir schon viel weiter, Das war ja der reinste Spaziergang.” – Kaum blieb Zeit, ihn zu fragen, ob es die Rocky Flats Truth Force noch gibt (Ja, aber in letzter Zeit machten sie kaum noch Blockaden, weil die Strafsätze immer weiter nach oben gegangen seien – für einen Wiederholungstäter drohe jetzt bis zu einem Jahr ohne Bewährung) und ihm meine neue Adresse zu geben, da war er wieder verschwunden, und in mir blieb ein leichtes Gefühl der Leere, weil ich mir ein solches Wiedersehen doch etwas anders vorgestellt hatte: “Also dann bis irgendwann auf irgendeinem Punkt dieses Globus – vielleicht…”

Im Coffee House herrschte ein reges Kommen und Gehen. Kaffee und Cookies wurden für einen Dime gereicht und um zwei Uhr – unten war jetzt fast nichts mehr los, nur die Polizisten waren wohl für den ganzen Tag angeheuert worden und standen etwas unnütz in der Landschaft herum – begann die Pressekonferenz der Holländer. Die erste Sprecherin, von der Kampagne “Stop de Neutron bomb”, stellte die Ziele der holländischen Friedensbewegung dar. Ich weiß zwar nicht mehr, ob ich mir anschließend ein genaueres Bild machen konnte als vorher, aber ich fand sie sympathisch und wollte Eva nacheifern und auch politische Kontakte machen. Sprach sie also nach ihrem Auftritt an und schrieb ihren Namen in mein Notizbuch: Joke van Kampen, sagte sie und ging weiter. Der zweite Sprecher war von Pax Christi und führte aus, der Unterschied zwischen den Friedensbewegungen in den USA und in Holland sei, dass das “Freeze”-Konzept darauf beruhe, die Abschreckung dort zu belassen, wo sie sei, während die Holländer vom Abschreckungskonzept herunter wollten. Der dritte Sprecher, Hans Vibenhaar, stellte eine Plattform der radikalen Friedensgruppen in Holland vor und vertrat das Konzept der atomwaffenfreien Städte, Straßen und Häuser.

Der Kopf rauchte mir vor lauter Organisationsbegriffen, weil ich unglücklicherweise immer gleichzeitig den Eindruck hatte, dass hier, in diesem Supermarkt der internationalen Querverbindungen, ein ganz bestimmter Schlag von Leuten sich tummelte, bei denen man nie genau zu sagen vermochte, wo ein wirkliches Gewicht, reale politische Kraft dahinterstand, und wo es sich um reine Schaumschlägerei handelte. Das “Ploughshare Coffee House” hatte ein fortlaufendes Programm über die ganze Woche der UNO-Abrüstungskonferenz. Während im hinteren Teil des Raumes Sprecher auftraten (Wieso fiel mir dabei Hyde Park Corner ein?), kamen und gingen die Leute, wurde Kaffee ausgeschenkt, und für viele schien es das Wichtigste, Kontakte zu knüpfen und small talk zu halten. Nachdem die wenigen anwesenden Journalisten den Holländern noch ein paar Fragen gestellt hatten, ging es weiter mit einem Referat über das “International Network (Action Conference)”; diese Leute hatten wiederum Verbindungen zum CND in Großbritannien, der “Campaign for Nuclear Disarmament”. Darauf folgte jemand von der Aktion Sühnezeichen in Deutschland (soweit ich mich erinnere, war es Andreas Zumach), und ich kam mir recht blöd vor, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, dass heute jemand aus Deutschland hier auftreten würde (Eva meinte nur: “Diese Leute haben einfach ausgezeichnete Connections; da muss man höllisch aufpassen!”).

Anschließend war ein Irrer an der Reihe, der ein schlüssiges Konzept zur sofortigen Weltverbesserung vortrug (ich ergriff die Gelegenheit, dem NGO-Büro einen kurzen Besuch abzustatten), und irgendwann ein gewisser Mike Clare, der ein recht interessantes theoretisches Referat vortrug zum Problem, wie atomare und konventionelle Rüstung immer ununterscheidbarer werden, und er führte das aus am Konzept der RDF (“rapid deployment force”) der unter Carter geschaffenen “Schnellen Eingreiftruppe”, die im Krisenfall die Funktion eines atomaren Stolperdrahtes bekommen könnte, wenn sie nämlich – in einem der Iran-Affäre vergleichbaren Fall – bewusst in eine aussichtslose Konfrontation vorgeschickt werde und daraus eine für die amerikanische Öffentlichkeit durchaus überzeugende Notwendigkeit abgeleitet werden könne, “unsere Jungs” dort wieder herauszuholen – notfalls mit Atombomben. Mike Clare knüpfte an diese Ausführungen den Appell, nicht nur auf die Atomwaffen zu starren, sondern das Gesamtkonzept der amerikanischen Rüstung als Interventionsinstrument gegen andere Länder zu begreifen und zu kritisieren.

Franz und ich wollten nicht zu spät bei unserer neuen Gastgeberin aufkreuzen, und für die Fahrt nach Brooklyn rechneten wir eine Stunde. So ließen wir Eva, die wieder und wieder auf Leute traf, die sie ansprechen musste, im Coffee House zurück (“Du weißt: morgen früh, neun Uhr, Howard Johnson!”), zerrten unsere Siebensachen aus dem Schließfach im Grand Central und bestiegen die U-Bahn nach Brooklyn.

Unsere neue Gastgeberin Reneé Cafiero war Gewerkschaftsaktivistin und Lektorin für Übersetzungen aus dem Deutschen bei einem New Yorker Verlag. Sie lebte allein mit ihren zwei Katzen in einer ziemlich chaotischen und nicht gerade blitzsauberen Zweizimmerwohnung mit einer hübschen Terrasse nach hinten im ersten Stock. Sie war für heute Abend verabredet und gab uns gleich ihre Schlüssel.

Wir wollten, nachdem wir unsere Sachen bei ihr abgelegt hatten, ein wenig herumlaufen und vielleicht eine Kleinigkeit essen gehen. Schließlich landeten wir in einem Lokal, das direkt zu Füßen der monumentalen Brooklyn Bridge am Wasser lag; es war wohl ein umgebautes Bootshaus, und wir saßen draußen auf den Planken. Franz erzählte von sich, ich von mir, und die Stimmung war ausgesprochen friedlich und freundlich. Nachher zahlten wir $ 33.50 (für 5 Bier, einen Campari und ein Käsebrot), und wunderten uns nicht mehr, warum wir auf dem Parkplatz vor dem Lokal all diese Luxusschlitten vom Schlag Rolls-Royce gesehen hatten. Trotzdem würde ich wieder dorthin gehen, und sei es nur wegen des unvorstellbaren Anblicks der beleuchteten Brücke, deren Bögen in schwindelnder Höhe über uns den dröhnenden Verkehr trugen, der gleichmäßig laut und von weit her herunter hallte.

Unsere Unterbringung bei Reneé war sehr angenehm und nur durch die Tatsache beeinträchtigt, daß wir unser Zimmer mit den beiden Katzen teilen mussten. Das Katzenklo stand im Badezimmer, und um dorthin zu kommen, mussten wir jedes mal durch Reneés Schlafzimmer, derer wir dort leichtgeschürzt ansichtig wurden.

Epilog

Wie üblich ließen mir die laufenden Ereignisse nicht die Muße, den Text fortzuspinnen bis zu unserer Rückkehr am darauffolgenden Samstag. Meine Notizen lassen zu wünschen übrig und an die meisten Details erinnere ich mich kaum noch. Stattdessen will ich wenigstens in einer Art Inhaltsangabe kurz berichten, was wir die nächsten Tage alles trieben.

Am Dienstag trafen wir uns um neun Uhr mit Jo, Eberhard, dessen Freundin Ulrike, Frau Sulyer/Kleinemeier aus Gleisweiler und dem Ehepaar Jungk im Howard Johnson’s zum Frühstück, tauschten Erfahrungen aus (Jo und Eberhard berichteten von ihrer Festnahme) und trennten uns dann. Franz, Eva und ich liefen ein wenig durch die Stadt (ich machte dabei meinen Abstecher in den Computerladen von Radio Shack und war enttäuscht, weil die haargenau dasselbe verkaufen wie ihre Filialen in Deutschland). Eva wechselte Geld und dann entschieden wir uns, der Freiheitsstatue einen Besuch abzustatten. Dabei bekam ich den “Spiegel” in die Hand, in dem Petra Kelly ihre These aufstellte, daß die Grünen lieber bei 7% bleiben als 13% gewinnen und Ministerposten übernehmen sollten.

Der Ausflug zum Liberty Island (einschließlich der Besteigung der gusseisernen Dame) nahm den ganzen Tag in Anspruch. Am Abend wollte ich mich endlich mit Anne Meldon treffen, die ich am Vortag erreicht hatte, aber aus mir nicht mehr erinnerlichen Gründen platzte dieser Treff und ich ging mit Reneé in ein Café in der Nähe ihrer Wohnung; Franz war mit Eva weitergezogen und kam am Abend in jenes Café nach, wo er höchst abenteuerliche Geschichten von seinen Erlebnissen mit Eva in Greenage Village zu erzählen wußte.

Soweit unser “politikfreier” Dienstag. Am Mittwoch standen nochmal politische Aktivitäten auf der Tagesordnung. Franz und ich trafen uns nach einem Frühstück von “hot cakes” in einem Coffee Shop in der Nähe der UNO mit Eva im Ploughshare Coffee House. Zusammen mit ihr gab ich ein Interview für einen australischen Journalisten namens Andrew Phillips. Dann besuchten wir das 12th June Committee, die Organisation, die die Demonstration organisiert hatte, im Gebäude der Unitarian Church an der Ecke Monroe Place / Pierpont Street (wohin wir mit Taxi fuhren). Eva machte sich mit einer Leslie Cagan aus Cambridge, Massachusetts, bekannt, die als Vertreterin der Gruppe ‟Mobilisation for Survival” in das Organisations-Komitee entsandt worden war. Sie berichtete in einem für amerikanische Verhältnisse ungewöhnlich politischen Stil von der Koalition, die diese Demonstration getragen hatte. Vor allem die Einbindung der farbigen Bevölkerungsgruppen in das Bündnis wurde von ihr als ein bedeutender Erfolg gewertet.

Am Nachmittag war Eva mit Bella Abzug verabredet. Bella ist in den USA eine bekannte Figur, die als Feministin im Stadtrat von New York sitzt. Es sei besser, wenn sie erst allein dorthin ginge, meinte Eva; wir sollten später dort anrufen und ausmachen, ob wir entweder nachkommen oder sie irgendwo treffen wollten. Franz und ich gingen auf die runde Aussichtsplattform in der Spitze des Empire State Building und erlebten dort oben ein unglaubliches Gewitter mit Blitzen rund um uns (und auch einigen wohl in das Gebäude selbst). Dann riefen wir an und wurden – welche Ehre – zum Abendessen bei Bella eingeladen.

Eine Wagner’sche Walküre ist nichts gegen Bella. Wir zitternden Männlein nahmen artig Platz auf dem Sofa im Wohnzimmer ihres schwer bewachten Domizils (um hinein zu kommen, musste man sich bei zwei schwerbewaffneten Gorillas anmelden, die telefonierten dann in die Wohnung, und von dort musste jemand kommen, um die Besucher persönlich an der Eingangstüre abzuholen). Eine Freundin von Bella war zugegen, sowie ein weiblicher Body Guard, eine Art Rausschmeißerin, die wenig sagte und uns Männer kaum eines, und wenn, dann eines höchst abschätzigen Blickes würdigte. Bellas berühmte Hutsammlung, die dekorativ auf einen Hutständer im Wohnzimmer drapiert war, ihr jüdisch-New Yorker Slang und die Geschwindigkeit, mit der sie Anekdoten von bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens New Yorks hinlegte, nahmen uns ganz in Bann. An das Essen entsinne ich mich nicht mehr, das beste an ihm war zweifellos Bella. Schließlich wurden Franz und ich, weil ihre Freundin ganz in der Nähe in Brooklyn wohnte, von ihrer Rausschmeißerin in die Hicks Street kutschiert. “Uff”, sagten wir nur, “das war ein Erlebnis.”

Am Donnerstag machten wir ein Interview mit der Zeitschrift “Guardian”, ich versuchte – ohne Erfolg – Kontakt mir Barry Commoners “Citizen’s Party” aufzunehmen; endlich traf ich Anne Meldon. Ich besuchte sie in ihrer Wohnung in der St. Marks Avenue, wo sie ein ganzes Rudel Hunde und Katzen beherbergte. Ich ging mit ihr mexikanisch essen und irgendwie kamen wir nicht mehr richtig ins Gespräch. Zu viel Zeit war vergangen seit unserem letzten Treffen vor fünf Jahren.

Am Abend nahm Reneé Franz und mich mit zu einer Sitzung der Brooklyn Independent Democrats, der Basisorganisation der Demokratischen Partei. Dort war viel von “Freeze” die Rede, es ging um die Aufstellung der Kandidaten für die Parlamentswahlen im Herbst, und wir hatten beide das Gefühl, in einem ganz merkwürdigen, ein wenig sozialdemokratischen, hauptsächlich aber ur-amerikanischen Laden zu sein.

Damit war unser Programm so gut wie abgeschlossen. Am Freitag sahen wir uns im Coffee House noch Filme an. Mein Lederhut war auf einmal weg, und dann begann schon die lange Heimreise. Erst mit der U-Bahn zu einem Flughafen-Zubringer, dann ins Flugzeug, wo wir die Reisegefährten wiedersahen, und nach Flug über Nacht, dann Eisenbahnfahrt, dann Taxifahrt war ich am Samstag früh pünktlich und wie geplant wieder zuhause.

Schon wieder allerhöchste Eisenbahn

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Wieder mal viel zu spät, aber weil ja weniger als 50% abstimmen, vielleicht noch eine ultimative Erinnerung: Heute in der Post oder Sonntag im Wahllokal.

Diesmal gibt es nur Stadt-Zürcher Abstimmungen. Und natürlich – vielleicht das Wichtigste – die Stichwahl zum Ständerat für den Kanton.

Weil ich mich in diesem Blog auf die Abstimmungen konzentriere, nur ein Link zu einem 20-Sekunden-Video mit meiner Wahlempfehlung. (Das Format kommt von den Facebook-“Stories”, bei denen man maximal 20 Sekunden lange Videos hochladen kann, und ich es als sportliche Herausforderung angenommen habe, ob es gelingt, in 20 Sekunden einen Gedanken – nicht nur eine Gefühlsaufwallung – zum Ausdruck zu bringen.)

Aber jetzt zu den Abstimmungen.

1. 1% gegen die globale Armut

Wer erinnert sich noch an die Hornkuh-Initiative? Ich fand das damals schon beeindruckend: Wie irgendwer, der einfach erfüllt ist von seiner Idee, es mit genügend Energie und Ausdauer bis hin zu einem Volksentscheid bringen kann. Jetzt also die Effektiven Altruisten. Sicher besser als ineffektive Altruisten, aber sie wirken auf mich schon ein wenig sektenhaft. Vielleicht täusche ich mich ja. Jedenfalls wollen sie, dass wir alle uns altruistisch verhalten, 1% spenden, und das nach der RCT Methode effektiv machen (die Methode ist in der medizinischen Forschung anerkannt,, aber es ist nicht ganz klar, wie man alle Spenden mit randomisierten Exemplaren testen kann).

Jedenfalls ist das ganze mal wieder so entwaffnend und von hoher Gesinnung getragen, dass – ausser den hartgesottenen Gutmenschen-Verächtern von der SVP (und mit einer etwas gewundenen Begründung auch der FDP) – sich niemand traut, “nein” zu sagen. Stattdessen wird’s per Gegenvorschlag so runtergekocht, dass es einigermassen schmerzfrei ist.
Da mag ich mich auch nicht verweigern, und sage: meinetwegen. Dabei hat die FDP nicht unrecht: Bei Spenden in Millionenhöhe, um die es hier geht, ist eine sorgfältige Prüfung, ob das Geld in die richtigen Hände fällt und wirklich Nutzen stiftet, unumgänglich, und dazu hat der Bund die Institutionen und Ressourcen, weshalb es in jedem Fall nötig ist, dass das durch den Bund verwaltet wird; auch wenn das Geld aus dem städtischen Budget kommt.

2. Sozialzentrum Röschibachstrasse

Die Angelegenheit ist sachlich unumstritten. Bei der Abstimmung geht es ums Geld. Die Stadt hat 2014 einen Gebäudekomplex an der Röschibachstrasse gekauft (gleich hinter dem Coop Wipkingen). Im Moment ist da unter anderem “Think Tank Foraus” eingemietet. Jetzt will die Stadt Arbeitsplätze, die zur Zeit zwei Häuser weiter angemietet sind, in diesem Gebäude konzentrieren. Das Verblüffende ist der Preis für die Sanierung: für 200 Arbeitsplätze, die neu an dem geplanten Standort bereitgestellt werden, entstehen 31 Millionen Sanierungskosten (nach dem Kaufpreis von 34 Mio). Das sind insgesamt SFr 325’000 pro Arbeitsplatz. Ich kenne Kalkulationen, bei denen eine Büromiete von 3600 SFr pro Jahr pro Arbeitsplatz gerechnet wird. Demnach wären hier knapp hundert Jahre Miete vorab gezahlt (nicht gerechnet die veranschlagten 3,3 Mio Franken jährliche Folgekosten).
Bei aller Liebe zu meiner Stadt: Wäre es nicht sinnvoller, die Stadt würde für 3600 SFr pro Jahr und Arbeitsplatz (oder meinetwegen das Doppelte) Arbeitsplätze anmieten und wäre dann ganz flexibel? Ich kann die Kosten hier wirklich nicht nachvollziehen und lehne deshalb die Vorlage ab.

3. Schulanlage in Wollishofen

Das scheint völlig unproblematisch. Klar.

4. Forensisches Institut

Ich gestehe, dass ich mich in dieses Thema nicht eingearbeitet habe. Es geht darum, zwei Abteilungen (von Kanton und Stadt), die bereits zusammengelegt sind, jetzt auch rechtlich zusammenzuführen. Was da die beste Rechtsform ist, mögen die Experten entscheiden.
Ich möchte das nicht aufhalten. Insbesondere habe ich versucht, die Argumente der Gegner – der SVP – zu verstehen, und bin daran gescheitert. (Oben: Leseprobe aus der SVP Stellungnahme im Abstimm-Heft der Stadt). Also: im Angesicht meiner geringen Kenntnis der Details: Dafür.

Ein Tumult an Erinnerungen

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Rechtzeitig zum Jahrestag des Mauerfalls hat Ilko-Sascha Kowalczuk das Buch dazu geschrieben: Die Übernahme. Ich konnte das Buch nicht mehr weglegen. Zu viel hat es in mir wachgerufen.

Zunächst zum Buch selbst: Kowalczuk beschreibt im Detail die Abläufe vor, aber auch nach dem Fall der Mauer. Er bezieht die Perspektive der Beteiligten und auch der Betroffenen ein, bemüht sich aber um die Distanz des wissenschatlichen Betrachters, versucht also nicht, uns (grauenvolles Wort) ein “Narrativ” zu präsentieren.

Das Buch ist sehr gut geschrieben. In seinen ersten Kapiteln folgt es den atemraubenden, sich immer wieder überschlagenden Entwicklungen jener Tage; im zweiten Teil stellt er die Widersprüchlichkeit und die langfristigen Auswirkungen der Geschehnisse von 1989ff. dar, die bis heute nachwirken.

Interessant, und heute weitgehend ausgeblendet, ist seiner Darstellung der Rolle der westdeutschen Grünen in diesen Tagen. Über den Wahlkampf zur ersten (und einzigen) freien demokratischen Wahl zur DDR Volkskammer schreibt er: “Die Bürgerrechtsgruppen verfügten nicht über belastbare, flächendeckende Arbeitsstrukturen, über keine nennenswerten Finanzmittel und hatten mit den «Grünen» auch noch die einzige bundesdeutsche Partei im Rücken, die ihnen eher in diesen fiel, als ihn zu stärken. Zwar unterstützten einzelne Politikerinnen und Politiker der «Grünen» die ostdeutschen Oppositionellen, insgesamt jedoch überwog Desinteresse an der DDR und Ablehnung der deutschen Einheit.”

Ich selbst – so zumindest mein Anspruch – zählte mich damals zu den “einzelnen Politikern” – und war tief frustriert.

Erstens waren die Grünen damals in grossen Teilen eine “linke” Angelegenheit. Zumindest die antikapitalistisch eingestellte Linke sah auf alles, was sich in Osteuropa als Opposition regte, mit grösstem Misstrauen. Waren das nicht eigentlich Anti-Sozialisten? Selbst Solidarność war vor diesem Argwohn nicht gefeit. Eine wichtige Ausnahme war damals Petra Kelly, die kompromisslos Partei ergriff für die Oppositionsbewegungen – überall.

Zweitens war die “nationale Frage” für die Grünen einfach nur igitt. Small is beautiful, kleine Einheiten, aber bloss nicht “Deutschland” (das “Sommermärchen” war Jahre später). Und plötzlich setzten die Menschen in der DDR die nationale Frage auf die vorderste Stelle der Tagesordnung. Die meisten Grünen konnten da nur die Nase rümpfen.

Drittens hatten sich die Grünen nach Jahren zähen Ringens gerade ein schönes Plätzchen im politischen Garten der Bundesrepublik erobert, die Umfragewerte stiegen, Umweltschutz kletterte auf der Liste der wahlrelevanten Themen, da kam die Umwälzung in der DDR und pflügte mit Brachialgewalt den ganzen Bonner Garten um. Ökologische Themen interessierten niemanden mehr. Alle Prioritäten waren komplett neu sortiert, und den Arbeitsfeldern der Grünen der Boden entzogen.

Viertens erwiesen sich die wenigen Leute in der DDR, auf die sich die Grünen beziehen konnten – Rudolf Bahro, die Bündnis-90 Gruppe und andere – als genauso von der Realität der zusammenbrechenden DDR isoliert wie die Grünen selbst. Wohl vor allem deshalb, weil sie sich Illusionen über eine Reformierbarkeit der DDR machten.

Und fünftens verschoben sich die Dinge so schnell, dass man mit dem Schreiben von Positionspapieren einfach nicht mehr nach kam. Was man heute aufschrieb sah morgen schon komplett antiquiert und irrelevant aus, kurz: dämlich.

Mit anderen zusammen habe ich damals versucht, gegen die Verhältnisse anzugehen, und ich muss sagen: wir sind vollkommen gescheitert. Ein Beleg mag sein ein Positionspapier Skizze für eine Position der GRÜNEN zur deutschen Vereinigung, das unsere Gruppe der “Ökolibertären” wenige Tage vor der Volkskammerwahl verabschiedete, das aber weder irgendeine Auswirkung auf den Gang der Dinge hatte, noch bei heutigem Lesen mehr als Stirnrunzeln hervorrufen kann (wollten wir doch tatsächlich, dass die Bundesrepublik aus der NATO austritt und die EU sich aus Osteuropa heraushält).

deutschlandwetterJa, zur ersten gemeinsamen Bundestagswahl versuchten die Grünen, durch den Zusammenschluss mit Bündnis 90 die Fehler der ersten Phase des Umbruchs zu korrigieren, aber nicht wirklich: gerade die Positionen von Bündnis 90 waren, wie gesagt, damals die am wenigsten mehrheitsfähigen in der verschwindenden DDR. Kohl war da viel näher “bei de Leut”. (Und links ein original Wahlplakat der Partei “Die Grünen” zur gemeinsamen Bundestagswahl 1990. Das Resultat ist bekannt.)

Jedenfalls merkte ich, dass die westdeutschen Gewissheiten, mit denen ich grossgeworden war und die auch meine politischen Positionen geformt hatten, plötzlich nicht mehr mit den Anforderungen verantwortlichen politischen Handelns in Übereinstimmung zu bringen waren.

Ja, das alles ist jetzt beim Lesen von Kowalczuks ausgezeichnetem Buch wieder hochgestiegen.

A Letter From Syria

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Today I received this mail from Laila Kiki, The Syria Campaign (they are connected to the “White Helmets” who have done a lot of great work in Syria rescuing people). I would like to share this with all of you.


The Syria CampaignDear friends,

Many times over the past years we Syrians have dared to hope that the worst of the conflict may have passed. On so many occasions we have been wrong, and the conflict took a new, darker turn.

The latest disaster to befall us came after a phone call last weekend between US President Trump and the Turkish President Erdogan, after which Trump announced the withdrawal of US troops from the northeast of Syria. A few days after, Turkey advanced across the border and started its military operation to establish a buffer zone along the border and drive out the Syrian Democratic Forces (SDF), the Kurdish-led Syrian militia that has been in control of the area.

International attention has focused on Trump’s betrayal of the SDF, which was the main partner of the Global Coalition to Defeat ISIS and lost thousands of men and women in the fight. But behind those headlines there are civilians whose lives, rights, and aspirations are being ignored.

Already we have seen horrific losses: civilians killed, homes destroyed, executions, serious human rights violations by Turkish backed forces, and more than 160,000 civilians displaced. The people of northeast Syria–Arabs, Kurds, Assyrians, Chaldeans–have suffered tremendously since 2011 and it’s heartbreaking to see them subjected to further displacement and bombardment.

One of the worst fears for the area materialized only a few days later when Putin took the opportunity to broker a deal for the SDF to hand over control of the region to Assad in a bid to protect itself against Turkey. Assad forces, backed by Russia, advanced across the northeast and started seizing control of towns and villages there.

Syrians know well that Assad’s rule means total oppression and punishment for communities that have opposed him. Journalists and activists, many of whom resisted ISIS and its ideology at huge personal risk, will face detention and disappearance in Assad’s torture dungeons. Civil society groups that have received US support are particularly at risk, and the US has a responsibility to ensure they’re protected.

People in the area and across the country are living in fear and uncertainty about what will come next. The northeast has been thrown into chaos by the US withdrawal and the Turkish operation, and the ripples of these events will affect all parts of the country. Many fear that Turkey will forcibly resettle Syrian refugees to the buffer zone that it’s aiming to establish, which would constitute a further violation of Turkey’s obligations under international law. And while the world’s attention is on the northeast, the 3 million civilians in Idlib are terrified that Assad will use the opportunity to further escalate the attacks on them.

So, what’s next?

The situation is likely to get worse, and more complicated, and the dream we share with millions of Syrians of a free and democratic country may seem more distant than ever before. But we will not accept an international community that stands by while Trump, Putin, and Erdogan make decisions that will impact millions of Syrians. And we will continue to support Syria’s heroic civil society activists in their demands for a nationwide ceasefire, accountability for war crimes, and a Syria for all Syrians without Assad, without extremists, and without foreign forces. I hope you will too.

In solidarity,
Laila

Here you find the Web site of The Syria Campaign.

I am totally at a loss about what to do. Shame on Trump. But also shame on Europe who have not accepted their responsibility. And I wonder if there is not anything we can do except sharing posts and emails?

Nu staoht de Erpeln uppen Disk, nu werd’t se ock etten

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Am 1. September stimmt Zürich über die kantonale Umsetzung der am 19. Mai von 66% der Abstimmenden schweizweit angenommenen Steuerreform ab.
Ich habe mich damals mit wenig Begeisterung dazu durchgerungen, der STAF zuzustimmen. Mein Hauptgrund war die Abschaffung der Steuerprivilegien für überwiegend im Ausland tätige Konzerne.

Jetzt geht es nicht darum, alles nochmal über den Haufen zu werfen, sondern zu beurteilen, ob die Umsetzung für den Kanton Zürich ok ist.

Im Vorfeld der Abstimmung zeigt sich, dass mal wieder in sehr herkömmlicher Weise “links” und “rechts” gegeneinander auffahren. “Links” (AL, SP, Grüne, Gewerkschaften) ist dagegen, alle anderen (“rechts” sowieso, aber auch die sogenannten “Mitteparteien” wie z.B. die Grünliberalen) sind dafür.

Das Argumentarium der SP [↓ PDF] enthält die relevanten “linken” Argumente gegen die Annahme der Vorlage (und wird auch ziemlich wörtlich von den Grünen verwendet, wie sich überhaupt die Grünen in dieser Frage ganz im Schlepptau der SP zu befinden scheinen).

1. Um wieviel Geld geht es?

Der Regierungsrat schätzt die Mehrausgaben für die geplanten Änderungen so ein:

für den Kanton für die Gemeinden  
-240 Mio -205 Mio ohne Ausgleich durch Bundessteueranteil usw.
-180 Mio -85 Mio mit Ausgleich

Diese Einschätzungen unterliegen naturgemäss grosser Unsicherheit, und die SP befürchtet, dass die Rechnung am Ende viel höher ausfallen könnte. Da ist was dran, insbesondere weil der Regierungsrat damit rechnet, dass doch etliche der vom Wegfall ihrer Privilegien betroffene Firmen weiterhin im Kanton Steuern abführen werden. Wenn man allerdings die Wahrscheinlichkeit dafür erhöhen wollte, müsste man die Steuern noch weiter senken, was ganz im Widerspruch zur Position der SP steht.

Aber nochmal von vorne: die Firmen, die das Steuerprivileg für überwiegend im Auslang tätige Konzerne verlieren, und deshalb akut mögliche Kandidaten einer Abwanderung (aus der Schweiz) sind, tragen heute im Kanton Zürich 16% zum Steuerertrag aller Gesellschaften bei. Das sind bei 1.46 Mrd errichteten Staatssteuern durch juristische Personen im Jahr 2017 (siehe Geschäftsbericht [↓ PDF]) gerade mal 234 Mio. Um davon nicht den grössten Teil zu verlieren, verzichtet man auf 445 Mio Einnahmen. Wirklich? Klingt ein bisschen wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Oder was hab ich übersehen?

Die Alternative wäre, gar nichts zu machen, das Risiko in Kauf zu nehmen, dass diese Firmen in andere Steueroasen abwandern, und die Mindereinnahmen von 234 Mio einfach wegzustecken.
Das sähe dann so aus:

für den Kanton für die Gemeinden  
-127 Mio -106 Mio ohne Ausgleich durch Bundessteueranteil usw.
-67.4 Mio +13.8 Mio mit Ausgleich

Für mich sieht das deutlich schmerzfreier aus.

Ich schliesse daraus, dass die vorliegende Vorlage nicht die Umsetzung der am 19. Mai beschlossenen STAF ist, sondern einfach die Gelegenheit genutzt wird, Steuersenkungen für Unternehmen durchzusetzen. Klar ist jedenfalls, dass die Vorlage unter falscher Flagge segelt.

Wettlauf nach unten

Wichtiger als die 16% möglichen Einnahmeverluste durch das Wegbrechen der hauptsächlich im Ausland tätigen Firmen ist etwas anderes: der interkantonale Wettbewerb, der dazu führt, dass etliche Kantone die Unternehmenssteuern drastisch senken, und Zürich vielleicht gar keine Wahl hat, als bei dem Spiel mitzumachen. Die Senkung der Gewinnsteuer von 8% auf 7% lässt sich damit gut begründen, und Zürich wäre immer noch an der Spitze der Kantone.

Alte Schlupflöcher zu, neue auf

Problematisch finde ich den Umgang mit den durch die Abstimmung vom 19. Mai möglich gemachten neuen Schlupflöchern. Insbesondere zwei:

  • Wenn man Forschungs- und Entwicklungsausgaben zu mehr als 100% absetzbar macht (in unserem Fall: zu 150%), tritt der eigentliche Zweck der Forschungstätigkeit in den Hintergrund. Beispiel: Ich gebe eine Million aus für die Erforschung, wie sich die Mondphasen durch Wünschelrutengänge beeinflussen lassen. Natürlich kommt nichts dabei heraus. Dann setze ich anderthalb Millionen von meiner Steuer ab, und die Sache hat sich vielleicht doch für mich gelohnt. Oder ich deklariere ganz andere Aktivitäten als “Forschung” (so wie es die Japaner mit dem Walfang machen). Mit anderen Worten: solche überschiessenden Absetzungsmöglichkeiten fördern nicht die Forschung, sondern die kreative Buchhaltung.
  • Patentboxen haben gestartet als reichlich windige Methode, sich auf Kosten anderer Staaten zu bereichern. Inzwischen hat die OECD einigermassen klare Regeln dafür aufgestellt, wie solche Instrumente ausgestaltet werden sollten, um den Vorwurf der “harmful tax practices” zu vermeiden. Ich glaube aber, dass dies ein Feld sein wird, wo noch über Jahre ein Katz- und Mausspiel zwischen Steuervermeidern und -inspektoren stattfinden wird. Ich glaube nicht, dass es der Schweiz gut tut, in diesem Spiel vorne mit dabei zu sein.

Was folgt nun aus all dem?

Ich antworte mit dem Klassiker aller Antworten, in der Version aus dem Emsland (einer Gegend in Norddeutschland, die – wie man dem Dialekt entnehmen kann – an Holland grenzt): „Nu staoht de Erpeln uppen Disk, nu werd’t se ock etten.“ – Hochdeutsch: Jetzt stehen die Kartoffeln auf dem Tisch, jetzt werden sie auch gegessen.

Also: Augen zu, “ja” gestimmt, und sich anderen Themen zugewandt.

Europäische Debattenplattform

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In meinem letzten Beitrag zu diesem Blog habe ich vorgeschlagen, eine neue Plattform für eine europäische Innenpolitik zu bauen (inzwischen gibt es so etwas wie einen Prototypen hier).

Inzwischen habe ich zu dem Projekt eine interessante Rückfrage bekommen, auf die ich hier gerne eingehe.

“Danke für die Zusendung des spannenden Projekts! Ich habe die Unterlagen gelesen und wurde stark an voxeurop.eu erinnert (sowie natürlich Le Courrier International). Verstehe ich es richtig, dass der Unterschied zu dieser Plattform darin besteht, dass die Inhalte nicht von JournalistInnen geschrieben werden sollen? Wer sind auf deiner Plattform die AutorInnen, und aus welchen Gründen würden sie aktiv mitschreiben?”

Hier ein paar Punkte dazu:

  1. Wie schon Blogger Rezo in Einleitung zu seinem berühmten Zerstörungsvideo bemerkt hat, redet er nicht über EU-Politik, “…weil EU Politik fucking langweilig ist”. Wir bauen keine Plattform für EU Politik.
  2.  

  3. Es geht um eine neue Kategorie: eine Innenpolitik, die auf europäischer Ebene stattfindet und debattiert wird, weil sie die Menschen länderübergreifend betrifft. Beispiele:
    • Was sagen die politischen Akteure in Deutschland und der Schweiz zu der Tatsache, dass es seit Jahren, trotz klarer Staatsverträge keine vernünftige Bahnverbindung Zürich-Stuttgart gibt? Kann man da gemeinsam was machen?
    • Wie stehen NEOS, österrreichische Grüne, Liste Pilz und andere zu der Vignettenfrage, die zwischen Bayern und Österreich ausgefochten wird?
    • Wie stehen die liberalen Kräfte in der Slowakei zur Politik der Visegrad Staaten, und sehen sie sich als Teil dieser Gruppe?

    Das sind ein nur paar Beispiele, bei denen die Zivilgesellschaften verschiedener Länder miteinander ins Gespräch gebracht werden sollten. Es wäre interessant, die Liste zu erweitern.

  4. Die Struktur aller politischen Debatten verläuft heute entlang der (national unterschiedlichen) Parteienlandschaften und daher jeweils unterschiedlich (und nationalborniert).
    Beispiel:

    • Das Verhalten der deutschen SPD Europaparlamentarier zur Wahl von Ursula von der Leyen, von der man halten kann, was man will, das aber SPD-seitig ganz und gar von der deutschen innenpolitischen Perspektive beherrscht wurde.


    Die hier verlinkte interaktive Graphik der NYT zeigt, wie unterschiedlich die Parteienlandschaften der verschiedenen Länder sind (auch wenn man die Einordnung der einen oder anderen Partei anders sieht).

  5. Niemand vermisst eine weitere Verlautbarungs- (oder unidirektionale Informations-Verbreitungs) Plattform, vor allem nicht aus Brüssel. Schwerpunkt der hier vorgeschlagenen Plattform ist, Menschen sprach- und länderübergreifend ins Gespräch miteinander zu bringen über scheinbar eigene landesspezifische, in Wahrheit europäische innenpoltische Themen.
  6. Warum nicht einfach Facebook oder Twitter für den Zweck nutzen? Immerhin sind dort die grossen Zahlen.
    Das grösste Problem bei FB & Co. ist, dass es keinerlei Qualitätsmanagement gibt, stattdessen Algorithmen, die darauf zielen, rationalen Diskurs zu zerstören (der aufgeregteste Post gewinnt immer). Aus den Möglichkeiten und Problemen der Social Media sollten wir lernen; Qualität und Durchschaubarkeit in den Diskurs bringen.
  7. Das Beispiel voxeurop ist tatsächlich sehr interessant und führt weiter. Mehr dazu unten. Zunächst einmal ein Überblick über europaweite Informationsressourcen (was ich halt so gefunden habe; gerne erweiterbar).
Name Sprachen Beschreibung Alexa Rank
euronews.com 12 Sprachen Europe’s number one news channel 2’053
politico.eu en Ableger eines US Magazins 15’561
eurotopics de, en, fr, tr, ru Pressespiegel; Bundeszentrale für politische Bildung (D); 5.331 FB likes 236’699
eurozine en, de Europe’s leading cultural magazines at your fingertips 18.497 FB likes 288’083
the european de, en “das Debatten-Magazin“, hauptsächlich Deutschland-zentriert; 21.844 FB likes 314’768
debating europe en, de Vermittelt Diskussionen mit EU-Funktionären 227.568 FB likes 356’361
vox europ cs, de, en, es, fr, it, nl, pl, pt, ro Nachfolgeprojekt von Presseurop.eu (mehr dazu s.u.) 48.895 FB likes 591’060
ipg-journal en, de, ru Internationale Politik und Gesellschaft (Ebert Stiftung) 9.794 FB likes 719’033
green european journal 21 Sprachen Hg. Grüne Europafraktion; Artikel jeweils in wenigen Sprachen 4.332 FB likes 1’114’669
european data journalism network en, de, fr, it, es, pt, pl, hr Funded by European Commission; 28 members (u.a. SPON, DW), hat Seite auf medium.com 1’122’135
netzwerk-ebd de Europäische Bewegung Deutschland – Netzwerk aus 249 Mitgliedsorganisationen 5.285 FB likes 1,206,371
  1. Voxeurop ist ein Nachfolgeprojekt von presseurop.eu, das von 2009 bis 2013 von der Europäischen Kommission gesponsort wurde. Sehr lehrreich: der Abschlussbericht zu presseurop von Deloitte im Jahr 2012. Dieser Bericht ist eine Pflichtlektüre für Leute, die sowas wie ich machen wollen. Ganz grob hier meine Argumente, warum ich meine, das von mir vorgeschlagene Projekt sei anders.
    • Zielgruppe soll nicht die “politische Klasse in Brüssel” sein (für die würden die Sprachen en, fr, de ausreichen, wie im Deloitte-Bericht ausgeführt), sondern politisch (nicht im engen Sinn europapolitisch) interessierte Menschen, die entdecken, dass ihre Anliegen über die Nationalgrenzen hinaus reichen.
    • Es geht nicht primär darum, den Presseorganen, die ihre eigenen Verbreitungskanäle haben, einen weiteren hinzuzufügen (das kann ein Nebeneffekt sein), sondern Menschen in Austausch miteinander zu bringen, und zwar auf bessere Weise, als dies heute über FB % Co. geschieht.
  2. Es bleibt die entscheidende Frage: Wer hat ein Interesse an einer solchen Plattform, und wer würde sich (unentgeltlich) beteiligen?
    Als Nutzer sehe ich weniger die politischen Partei-“Familien” im Europaparlament (obwohl auch dort grosser Bedarf nach transnationaler Debatte besteht), als transnationale Basisbewegungen: Fridays for Future, Pulse of Europe u.a.
    Dass “die Inhalte nicht von JournalistInnen geschrieben werden sollen” ist teilweise richtig. Das Format würde journalistische Inhalte einbeziehen und auf diese verweisen, aber als Herzstück eine eigene transnationale (und mehrsprachige) Debatten- und Kommentierfunktion bieten. Viele meiner FB-Kontakte posten fleissig Links zu Beiträgen, die sie für interessant halten, und sie tun dies ganz unentgeltlich. Diese Diskussion jenseits der nationalen Dunstglocke führen zu können, ist für sie vielleicht attraktiv.

Für eine europäische Innenpolitik

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Das Denken in Europa wird europäischer. Umso mehr fehlt ein europäische Debatten-Plattform. Grundproblem ist natürlich die Sprache. Aber moderne Technologien können da einen Beitrag leisten. Thinking becomes more European. All the more is a European debate magazine missing. The basic problem is, of course, the language. But modern technologies can make a contribution. Il pensiero diventa più europeo. Tanto più manca una rivista di dibattito europea. Il problema di base è, ovviamente, la lingua. Ma le tecnologie moderne possono dare un contributo.

Nach den Europawahlen zeigt sich mehr denn je, dass eine europäische Kommunikationsplattform fehlt.

Penser devient plus européen. D’autant plus qu’il manque un magazine de débat européen. Le problème fondamental est, bien sûr, la langue. Mais les technologies modernes peuvent apporter une contribution. El pensamiento se vuelve más europeo. Más aún falta una revista de debate europea. El problema básico es, por supuesto, el lenguaje. Pero las tecnologías modernas pueden hacer una contribución. Myślenie staje się bardziej europejskie. Tym bardziej brakuje europejskiego magazynu debatowego. Podstawowym problemem jest oczywiście język. Ale nowoczesne technologie mogą wnieść swój wkład.

Das Denken in Europa wird europäischer. Die Wahlbeteiligung an den Europawahlen ist ein klares Indiz. Wenn man aber die Berichterstattung über die Wahl und den Wahlausgang verfolgt, sieht man, dass 90% der abgehandelten Themen rein innenpolitsch bestimmt sind. Nach wie vor ist es extrem schwierig, zwischen den Menschen in den verschiedenen Ländern einen direkten Ideenaustausch herzustellen.

Denken wordt meer Europees. Des te meer ontbreekt een Europees debatmagazine. Het fundamentele probleem is natuurlijk de taal. Maar moderne technologieën kunnen een bijdrage leveren. A gondolkodás európai lett. Még inkább egy európai vitaüzenet hiányzik. Az alapvető probléma természetesen a nyelv. De a modern technológiák hozzájárulhatnak. Η σκέψη γίνεται πιο ευρωπαϊκή. Όσο περισσότερο λείπει ένα ευρωπαϊκό περιοδικό συζήτησης. Το βασικό πρόβλημα είναι, φυσικά, η γλώσσα. Αλλά οι σύγχρονες τεχνολογίες μπορούν να συμβάλουν. Mõtteviis muutub eurooplasemaks. Veelgi enam on puudu Euroopa arutelu ajakiri. Põhiprobleem on muidugi keel. Kuid kaasaegsed tehnoloogiad võivad anda oma panuse.

Gedankenaustausch zwischen den Ländern findet statt

  • entweder durch Journalisten, wobei diese meist aus innenpolitisch motivierten Sicht ihres eigenen Heimatlandes berichten,
  • oder durch eine kleine Schaar von Teilnehmerinnen und Teilnehmern an internationalen Konferenzen, vermittelt über die englische Sprache, was in vielen Ländern einen Grossteil der Menschen ausschliesst.

Reinhard Bütikofers wöchentlicher Blog gibt deutschen Lesern immerhin einen kleinen Einblick aus Grüner Perspektive in das, was in Brüssel abgehandelt wird.

Umso mehr fehlt eine europäische Debatten-Plattform. Grundproblem ist natürlich die Sprache. Aber moderne Technologien können da einen Beitrag leisten.
Maschinelle Übersetzung hat ihre Begrenzungen. Für “abstracts”, die erst mal möglich machen, zu verstehen, worüber in einem anderen Land gesprochen wird, kann sie bereits heute gut eingesetzt werden. Ebenso für die verzögerungslose Übersetzung von Kommentaren, die einen Diskurs zwischen Menschen verschiedener Sprachen ermöglicht.

Ich plädiere für den Aufbau einer mehrsprachigen pro-europäischen parteiunabhängigen Debatten-Plattform unter Verwendung von maschineller und manueller Übersetzung mit dem Ziel, Menschen aus den verschiedenen Ländern Europas direkt in Austausch zu bringen und Informationen hoher Qualität für den Diskurs verfügbar zu machen.

Dazu bräuchte man eine Gruppe von Leuten als “ambassadors” in den verschiedenen Sprachregionen, die aktiv Beiträge für dieses Magazin einholen, Qualitätskontrolle der Übersetzungen machen und die Verbreitung fördern.

Politische Ausrichtung

Die Plattform müsste unabhängig sein von Parteien. Parteizeitungen erlauben wenig intellektuelle Eigenständigkeit und sind deshalb meist langweilig. Ausserdem sind die Unterschiede, selbst innerhalb der im EU-Parlament vertretenen “Parteifamilien” so gross, dass eine Parteianbindung eine fruchtbare Debatte nur unterbinden kann. Gefragt ist aber eine klare pro-europäische Ausrichtung, wobei es durchaus verschiedene Meinungen darüber geben kann, was man darunter versteht. Eine “Republik Europa” wird von den einen angestrebt, eine nach Prinzipien der Subsidiarität organisierte zwischenstaatliche Instanz (“Konföderation”) von anderen gewollt. Was der Plattform die Identität gibt ist der Wille, eine europäische Innenpolitik zu entwickeln, in der nicht Institutionen sondern Menschen zusammenkommen.

Technisches: Prinzip der Übersetzung:

Die Autorin eines Textes (eines eigenen Beitrags, einer Empfehlung (mit Link auf einen Original-Text), oder eines Kommentars sieht unmittelbar beim Hochladen die Übersetzung ins Englische und kann damit sowohl die Qualität des eigenen Textes als auch die der Übersetzung kontrollieren und ggf. korrigieren. (Beispiel: “Ein Typo im Originaltext kamm zu einer absurden Übersetzung führen” wird zu “A typo in the original text comb would lead to an absurd translation”).
Alle weiteren Übersetzungen finden dann aus dem Englischen statt.
Besucher melden sich in ihrer eigenen Sprache an (z.B. Finnisch), und können dann alle Beiträge wahlweise in (a) ihrer eigenen Sprache (also Finnisch), (b) Englisch oder (c) der Originalsprache des Dokuments sehen.
Sie können die Dokumente kommentieren, wobei ihre Kommentare sofort ins Englische übersetzt werden. Hierbei ist eine Qualitätskontrolle notwendig, da Kommentare oft ungrammatisch, mit Tippfehlern und Auslassungen verfasst werden, was eine maschinelle Übersetzung problematisch macht. Gegebenenfalls ist es eine Aufgabe der “ambassadors”, hier einzugreifen bzw. Kommentare freizugeben.

Kein Business Plan (Version 0.01):

Die folgenden Kostenblöcke sind ein erster Versuch, die Dimensionen zu verstehen.
Man braucht genügend Geld, um ein Jahr ohne weitere Einnahmen zu überbrücken. Danach müsste man imstande sein, den Fortbestand über Spenden (oder vielleicht andere Einnahmen wie Werbung, Mitgliedsbeiträge u.a.) zu sichern.

  • Ich nehme mal an, dass der eingebrachte Content in der ersten Phase kostenfrei ist (das Versprechen der Plattform liegt in der Verbreitung der Inhalte über alle Sprachregionen, wobei es interessante Aspekte bezl. des Copyright der Übersetzungen geben wird)
  • Leute, die Empfehlungen posten, sollten mit einem kleinen Betrag (z.B. 1¢ pro Klick) belohnt werden. Je nach Klick-Zahlen kann das in den Bereich von 100’000 € gehen.
  • Die technische Plattform selbst muss bereitgestellt und gewartet werden.
  • Software-Entwicklung wird im ersten Jahr kontinuierlich erforderlich sein
  • Lizenzen für die Übersetzungs-Software fallen an.
  • Pro Sprachregion benötigt man einen Ambassador (Teilzeit, vielleicht 20% Job), der auch die QA für die Übersetzungen überwacht. Man sollte mit mindestens 12 Sprachen beginnen (Das deckt immer noch nicht alle Sprachen der EU ab, aber es wäre ein Anfang; die Zahl könnte in einer zweiten Phase auf 25 gesteigert werden).
  • Man braucht eine Governance-Struktur, um Qualität und Ausrichtung der Plattform zu gewährleisten
  • Die Plattform muss beworben werden.

Digitaler Druck auf die Presse

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Seit Jahren liegt alle vierzehn Tage eine Gratiszeitung in unserem Briefkasten. Wir haben sie nicht angefordert, und fast immer landet sie ungeöffnet im Altpapier: Die “Höngger Zeitung”. Ganz selten mal ein eiliger Blick auf den einen oder anderen Artikel: neben allerlei Werbung lokaler Kleinkram aus unserem Stadtquartier. Sie fiel kaum auf neben all dem Neu-Altpapier im Briefkasten (vor allem von den zwei Schweizer Supermarkt-Giganten), das unbesehen aber akkurat gebündelt wird, wie es sich in der Schweiz gehört.

Vor ein paar Tagen allerdings war dies anders. Als “Sonderausgabe” trug der “Höngger” den Titel Zukunft und Relevanz der Lokalzeitungen. Das Inhaltsverzeichnis versprach “Nichts Amtliches”, “Keine Meinung”, “Kein Sportgeschehen”. Und viele ansonsten leere graue Kästchen enthielten Texte wie “Hier sehen Sie nicht, wer Ihre Karies bekämpft”, “Hier sehen Sie nicht, wer Ihnen den Haushalt räumt” usw. Beim Durchblättern wurde klar, dass hier ein Verleger die Öffentlichkeit aufrütteln will, weil ihm die Einnahmen und damit die Geschäftsgrundlage wegbrechen. Die lokale Wirtschaft inseriert nicht mehr. Auch die überregionalen Inserenten, die das lokale Publikum in Höngg erreichen wollen, bleiben weg.

Für den 14. Mai lud die Sonderausgabe zu einer Podiumsdiskussion ein (natürlich in Höngg), zu der sich immerhin knapp 300 Leute einfanden (ältere Jahrgänge gut vertreten), denen etwas lag am Schicksal dieses Blattes.

Erstens bin ich beeindruckt von der Frische, der Originalität und der hohen Qualität dieser “Sonderausgabe” (PDF hier), zweitens war auch die Podiumsdiskussion gut besetzt, spannend und informativ. Ich will hier nicht den Verlauf der Diskussion nachzeichnen (darüber berichtet eine Redaktorin des Höngger hier), sondern einige weiterführende Gedanken festhalten.

It’s the Advertisers, Stupid!

Das konventionelle Geschäftsmodell des “schreibenden” Journalismus besteht aus dem Zusammenspiel zweier Akteure: Die Anzeigenabteilung verkauft Anzeigen und sorgt für die Einnahmen, die Redaktion schreibt interessante Texte und sorgt damit für Leser. Platziert werden beide – Anzeigen und Artikel – im Blatt, das dem Verleger gehört. So werden Werbekunden und Leser zueinandergebracht und der Laden läuft (Die Abo-Gebühren spielen dabei eine unterstützende, aber nicht die wesentliche Rolle, und im Fall von Gratisblättern gar keine).
Wie auch die auf dem Podium anwesenden Experten bestätigten, sind die Haupt-Treiber der Zeitungskrise nicht so sehr die Leser, die nach wie vor an den redaktionellen Beiträgen interessiert sind (vielleicht, verwöhnt durch das Internet, weniger bereit, dafür auch zu zahlen), sondern die Werbekunden, die sich von den Print-Medien (auch den online-Ausgaben dieser Print-Medien) abwenden und auf die Internet-Medien (Social Media, Google u.a.) verlagern.

Das kann man bedauern, aber grundsätzlich handelt es sich um rationale kaufmännische Entscheidungen: Mit einer gezielten, personalisierten Internet-Ansprache erhalte ich bessere Resonanz für weniger Geld, und: Ich kann den Erfolg meiner Anzeige wesentlich besser messen und rückverfolgen als im Print-Bereich. Es nützt also gar nichts, den Zeigefinger zu heben und auf den kultur- und demokratietheoretisch bedenklichen Untergang der Print-Medien hinzuweisen. Davon kommt kein Anzeigenkunde zurück.

Stattdessen müssen sich die Verleger überlegen, wie sie entweder ohne Werbung auskommen, oder ihren Werbekunden besseren Wert bieten können (wenn sie nicht einfach mit den Anzeigenpreisen in den Keller gehen wollen).
Der Trick bei den digitalen Medien besteht ja darin, dass beim selben journalistischen Beitrag je nach Leserin unterschiedliche Anzeigen geschaltet werden können. Dadurch wird die Anzeige relevanter für die Leserin, und effizienter für den Werbetreibenden. Es gab schon Experimente mit digitalem Papier, oder mit personalisiert gedruckten Zeitungen, aber das ist alles noch unerschwinglich teuer und Science Fiction. Nichts desto trotz: Den Werbekunden besseren Wert zu bieten ist die Herausforderung. Wenn die Verleger diese nicht meistern, gehen sie unter. So einfach.

Aus zwei mach drei

Ich habe oben gesagt, das konventionelle Geschäftsmodell des Journalismus bestehe aus dem Zusammenspiel zweier Akteure. Das war schon dort nicht ganz richtig: den Verleger und die Zeitung selbst habe ich unterschlagen. Dieses Spiel wird im Internet-Kontext neu aufgemischt: Jetzt sind es wirklich drei Akteure. Die Journalisten, die Werbeabteilungen, und – die Plattform. Dabei besteht zwischen Journalisten und Plattformen eine sehr problematische Beziehung, denn sie sind nicht von diesen entlohnt, und die Plattformen werden zum dominierenden Player überhaupt. Google. Amazon. Facebook.

Bei diesen Plattformen gibt es eine Oligopolbildung, der mich als alten IT-Hasen an die Verdrängung der Hersteller-spezifischen (“proprietary”) Betriebssysteme erinnert. Wer weiss noch von Blackberry, den Betriebssystemen von DEC, IBM und anderen? Die sind heute alle fort, und es gibt weltweit nur noch drei grosse: Android, Windows, Apple (und, um die anderen zu ärgern, Linux).

Viel spricht dafür, dass bei den Informationsplattformen nur ganz wenige Giganten überleben. Die traditionellen Zeitungen sind auch Plattformen, aber sie ähneln eher den “proprietary” Systemen von damals.

Einer der Riesen-Vorteile der wirklich grossen Plattformen für Anzeigen-Kunden besteht darin, dass sie durch ihre riesigen Datenmengen von Milliarden von Nutzern, ihre weit entwickelten Analyse- und Profilierungsverfahren eine Zielgenauigkeit erreichen können, gegen die eine Mini-Plattform mit ein paar zigtausend Lesern nicht ankommt.

Ein Gedankenexperiment

Nicht, dass dies einfach zu machen wäre, oder dass ich überhaupt grosse Verwirklichungschancen sehe. Aber nur mal so gesponnen:

Nehmen wir an, es gäbe eine Online-Plattform (genannt: “Swiss News”). Sie koste im Abo so viel wie der Tagi (oder deine Lieblingszeitung). Alle Artikel des Tagi seien dort lesbar, also 40 Seiten voller Artikel. Durch mein Abo habe ich das Recht, alle 40 Seiten zu lesen.
Aber jetzt kommt der Clou: Auch alle Artikel der NZZ sind auf dieser Plattform. Mein Abo erlaubt mir, auch von dort Artikel zu lesen. Nur: die Gesamtmenge ist auf 40 Seiten begrenzt. Und ja, Freddy Haffner, auch die Höngger Zeitung wäre hier. Und der BUND, und vielleicht gar die Weltwoche.

Die Einnahmen aus meinem Abo gehen natürlich den Redaktionen zu, deren Seiten ich lese. Und wenn mir die 40 Seiten nicht ausreichen, kann ich schmerzfrei mehr Content kaufen, wie Roaming-Daten beim Telefon.

Für Leser wie mich wäre das ideal. Ich könnte mir meine Tageszeitung so zusammenstellen, wie ich das heute möchte, und werde nicht gequält, wenn ich gelegentlich mal einen Artikel einer anderen Zeitung lesen möchte, dass ich nun auch noch diese Zeitung abonnieren soll.

Da es sich um ein digitales Modell handelt, könnten die Anzeigen, die zwischen und neben den Texten stehen, auf mich zugeschnitten sein. Das wäre die Aufgabe der KI-getriebenen Anzeigenverwaltung, die den Inserenten ein attraktives Angebot machen kann. Die Gesamtmenge der Leser von “Swiss News” wäre deutlich grösser als die jeder einzelnen Zeitung.

Die Redaktionen würden ihre Unabhängigkeit erhalten. Es wäre sogar einfacher, für ganz kleine Redaktionen, ebenfalls Artikel zu platzieren, sofern sie sich an bestimmte Qualitätsstandards halten. Und ihre Papierausgaben dürfen die Verleger auch behalten.

Und die Aufgabe des Staates bestünde hauptächlich darin, dafür zu sorgen, dass auf der Plattform fair play herrscht, niemand unbillig behandelt wird und niemand die Plattform missbraucht.

Nur mal so als Idee.

Ach ja, und die “Höngger Zeitung” werde ich in Zukunft mit etwas anderen Augen sehen.

Unternehmenssteuer und Waffen

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Am 19. Mai ist es wieder so weit: Die Schweiz stimmt ab. Die geplante Umsetzung der EU-Waffenrichtline beherrscht die öffentliche Debatte haushoch, obwohl wahrscheinlich die Abstimmung über Unternehmenssteuer und AHV (STAF) die folgenreichere sein wird. Auch scheint, dass bei der Waffen-Frage die Meinungen weitgehend “gemacht” sind, und es nur noch darum geht, wer besser mobilisieren kann. In der Steuer- und Rentenfrage sind viele noch unentschlossen und ratlos. Im Einzelnen.

Bundesgesetz über die Steuerreform und die AHV-Finanzierung (STAF)

Zu AHV haben wir am 17. 03. 2017 das letzte Mal abgestimmt. Ich war mit Bauchschmerzen “eher dafür”. (Meinen Senf dazu habe ich hier abgegeben.) Damals, 2017, wurde vorgeschlagen: Rentenalter rauf (für Frauen ein Jahr), Umwandlungssatz runter (entspricht 12% Rentenkürzung), dafür Mehrwertsteuer rauf (von 8% auf 8,3%). Als Trostpflaster die AHV um 70 Franken monatlich rauf. Ausserdem darf man, wenn man will, 15 Jahre länger arbeiten, und wenn man vorher den Job verliert, wird man nicht automatisch von der Rentenkasse vor die Tür gesetzt.

Dieser Vorschlag wurde mit 52.7% abgelehnt.

Zur Unternehmenssteuer gab es am 12. 02. 2017 die letzte Abstimmung. Ich war “eher dagegen”. (Mein Kommentar dazu hier.) Vorgeschlagen wurde 2017 ein Konvolut von 12 einzelnen Massnahmen, die in verschiedener Weise vom Bund und den Kantonen angewandt werden (können), und – da war ich nicht der Einzige – schwer zu durchschauen, noch schwerer quantitativ abzuschätzen waren.

Auch dieser Vorschlag wurde abgelehnt – mit 59.1%.

Weil aber die Zeit läuft, der internationale Druck auf die Schweiz wegen unfairer Steuervorteile für international tätige Unternehmen wächst, und das Leck in der AHV auch nicht kleiner wird, versuchen es Bundesrat und Parlament jetzt nochmal. Diesmal kommen beide Themen im Kombi-Pack.

Dabei wird im Abstimmungsheft etwas neblig davon gesprochen, das Ziel der Reform sei, dass die Schweiz zukünftig “neuen internationalen Anforderungen entspricht und wettbewerbsfähig bleibt”. Vielleicht um nicht auch in dieser Frage die Pawlow’schen Anti-EU-Reflexe bestimmter Kreise zu wecken, wird nicht erwähnt, dass ganz konkret die EU die Schweiz am 05.12.2017 auf eine “graue Liste” von Ländern gesetzt hat, welche sich zwar verpflichtet haben, den OECD Richtlinien zu folgen, dem aber keine Taten folgen liessen.
Der nächste Schritt – von der “grauen” auf die “schwarze” Liste – zeichnet sich ab. Es besteht also dringender Handlungsbedarf.

Gar kein dringender Handlungsbedarf besteht übrigens beim Thema AHV. Es ist nämlich so – das wird auch im Abstimmungsheft beschrieben – dass bereits im Sommer 2019 ein umfassendes AHV-Reformpaket geplant ist, und was auch immer am 19. Mai beschlossen wird, nur den Charakter einer teilweisen Vorwegnahme dieser Reform hat, gleichsam ein “Zückerli”, das schon mal verkostet werden kann. Und wenn die jetzige Vorlage abgelehnt wird, na ja, dann wird die Sache im AHV 21 Paket eben mit behandelt.

Für Annahme oder Ablehnung der STAF Vorlage sollte man deshalb ausschliesslich auf den Unternehmenssteuer-Teil schauen. Dass diese beiden Themen in der Vorlage kombiniert wurden, ist ein verfassungsmässig zweifelhafter Trick, und ich kann Leute verstehen, die die Vorlage schon aus diesem Grund ablehnen.

Im Vergleich mit der Vorlage von 2017 halte ich den Vorschlag zur Unternehmenssteuerreform aber für etwas klarer. Sicher entspricht er nicht vollkommen meinen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit. Die beiden grössten Einwände, die ich habe, sind der Komplex der “Patent-Boxen” (eine Unsitte, die sich in einigen Ländern eingenistet hat, und bei der die Schweiz glaubt, nicht abseits stehen zu dürfen) und das Anfeuern des kantonalen Steuer-Wettbewerbs nach unten, was aber für die Schweiz systemkonform und nicht völlig zu verhindern ist.

In Übrigen glaube ich, dass die Abschaffung der “harmful tax regimes”, und dafür zu sorgen, dass die Schweiz von “grauen” und “schwarzen” Listen internationaler Steuer-Übeltäter gestrichen wird, diese Gesetzesänderung rechtfertigt und werde – mit den üblichen Vorbehalten – dafür stimmen.

Umsetzung der EU-Waffenrichtlinie im Schweizer Waffenrecht

Die Schweiz hat mit einer Volksabstimmung 2005 beschlossen, sich als “assoziierter Staat” dem Schengenraum anzuschliessen, dessen Zweck einerseits Reisefreiheit, andererseits Sicherheit ist. Jetzt wurde die Waffenrichtlinie zur besseren Bekämpfung von Waffenmissbrauch überarbeitet, und es wird erwartet, dass alle beteiligten Länder diese auch umsetzen, so auch die Schweiz. Ganz gut zusammengefasst wird die Situation vom Beobachter.

Die Meinungen in dieser Frage – auch meine – sind weitgehend “gemacht”. Die Argumente wurden des Langen und Breiten vorgetragen. Deshalb spare ich mir das hier. Nur 1% der Befragten weiss noch nicht, wie abzustimmen. Es geht wohl nur noch darum, welche Seite besser mobilisieren kann.

Mir fällt aber auf, dass dieselben Leute, die jahrelang gegen die Mitgliedschaft in Schengen polemisiert haben, jetzt unter der Parole Schengen ja, Entwaffnung nein auftreten. Und es ist schon ziemlich hanebüchen, wenn sie vorbringen: “Schengen ist nicht in Gefahr | Nein zum Entwaffnungsdiktat der EU!” – und nicht mal den eklatanten Widerspruch in ihrer Parole bemerken: Wenn’s ein Diktat ist, wie kann dann die Mitgliedschaft in Schengen nicht in Gefahr sein? Dann wär’s kein Diktat sondern nur ein netter Vorschlag. Wenns andersherum ein Diktat wäre, müsste man doch den Austritt aus Schengen fordern. Ich denke, die nehmen ihre eigenen Sprüche nicht ernst.

Sie meinen: “Nichts wie raus aus Schengen”, und sagen: Wird schon nichts passieren, wenn wir ein bisschen zündeln. Sie schlagen den Sack (Waffenrecht) und meinen den Esel (die EU). Und die Abstimmung geht überhaupt nicht um das Waffenrecht, sondern darum, mal wieder einen Vorwand zu finden, die Schweiz von Europa abzukoppeln.

Schon deshalb stimme ich nicht nur der geänderten Waffenrichtlinie zu, sondern unterstütze auch Operation Libero in ihrem Einsatz dafür. Und weil es diesmal mehr um Mobilisieren als um Überzeugen geht: Fühlt euch mobilisiert!

 
 

Wohnsiedlung Leutschenbach, Wasserschutzpolizei, Schulanlage Freilager

Dann gibt’s in Zürich noch drei lokale Bauvorhaben abzustimmen. Die erste Abstimmung entsprechend den üblichen links-rechts Frontlinien, die zweite einstimmig, die dritte – jaaa, interessant.

1. Neue kommunale Wohnsiedlung Leutschenbach

Die Stadt will in der Nähe des Hallenstadions in Oerlikeon 369 sozialverträgliche Wohnungen bauen und dafür 210 Millionen ausgeben. FDP und SVP sind gegen das konkrete Bauvorhaben. Die FDP, weil die Stadt, statt selber zu bauen, das Projekt an Private hätte vergeben sollen; die SVP lehnt die Verschuldung ab und verurteilt “ein von den Steuerzahlenden finanziertes Zuhause mit vielen Extras” – zum Beispiel Kindergärten und Kinderbetreuungsräumen. Auch das “Zuwanderungsregime” der Schweiz ganz generell wird als Argument gegen das Bauvorhaben aufgeführt.
Ich weiss nicht, ob man an dem einen oder anderen hätte sparen können, aber mir scheint der vorgelegte Entwurf plausibel und zustimmungsfähig.

2. Wasserschutzpolizei Enge

Bei diesem vom Gemeinderat mit 113:0 befürworteten Vorhaben gibt’s gar niemanden, der was dagegen sagen will, also auch ich nicht, denn Wasserschutz ist die sympathischste Polizei.

3. Neubau Schulanlage Freilager

Jaaa, in Albisrieden soll ein neues Schulgebäude errichtet werden, und zunächst sieht es so aus, als sei auch das eine ganz unstrittige Sache; der Gemeinderat hat sich 100:10 dafür entschieden, und auch im Abstimmungsheft fehlt ein Nein-Votum.

Dann scheint es aber den Grünen gedämmert zu haben, dass das geplante Gebäude zu klein dimensioniert ist, und schon jetzt Erweiterungspavillons eingeplant werden müssen. Mir scheinen die Argumente der Grünen einigermassen plausibel. Nur: Hätte euch das nicht früher einfallen müssen? Wenn ich zum jetzigen Zeitpunkt, und ohne dass eine klare Alternative (ein grösseres Projekt) im Raum steht, “nein” einlege, heisst das doch eher, dass ich gegen den Schulbau bin, als dass ich ihn grösser haben will.

Also unabhängig davon, ob die Grünen hier einen Punkt haben, muss ich sagen: so was gehört im Vorfeld vorgetragen, und nicht auf den letzten Metern der Abstimmung. Also werde ich dem Neubau zustimmen.

Blockchain – Disruptive Innovation oder Schlangenöl?

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Zu “Kryptowährungen” gibt es ganze Bibliotheken von Texten, Artikeln, Blogs. Hier geht es darum, ob und wie die zugrunde liegende Technologie – die “Blockchain” – auch anderweitig verwendet werden und als Innovationstreiber wirken kann. Schlagwort: «Blockchain for Business».

1. Krypto

Um aber über Blockchain zu reden, muss man auch kurz über Bitcoin zu reden, denn

  • Bitcoin ist die Anwendung, mit der die Blockchain-Technologie bekannt wurde;
  • Bitcoin ist die erprobteste, verbreitetste und dabei bemerkenswert robuste Anwendung von Blockchain. Man kann über Bitcoin gutes und schlechtes sagen, aber es ist beeindruckend, dass sie, ohne zentral gesteuert zu werden, soeben ihren 10. Geburtstag feiern konnte (Man erinnere sich: bei ihrem Start kam gerade Windows 7 auf den Markt), mit Kurssprüngen auf und ab, über 30 Millionen Usern und 300,000 Transaktionen am Tag;
  • Die Attraktivität des Blockchain-Konzepts stammt wesentlich vom Paradigma Bitcoin;
  • In dem Sinne, dass Blockchain mehr ist als eine sequentielle, nicht nachträglich veränderbare (append only) Datenbank mit einigen unglaublich redundanten Lese- und Schreiboperationen, sind die einzelnen Komponenten stark von den konkreten Anforderungen an eine Kryptowährung geprägt.

Deshalb ein paar Worte darüber, was mit Kryptowährungen bezweckt wird und wie das bei Bitcoin funktioniert.

Warum gibt es Kryptowährungen? Was ist der Reiz an ihnen? Neben gelegentlich genannten Merkmalen wie schneller Zahlungsabwicklung, geringen Transaktions­gebühren, leichter Verwahrbarkeit, sicherem Transport auf Reisen – alles Dingen, die E-Banking heute ebenfalls bietet – sind es vor allem vier Eigenschaften, die Krypto-Geeks zum Träumen bringen, und die ich den «anarchistischen Kern» von Krypto nenne:

  • Transaktionen ohne Mittelsmann (peer-to-peer)
  • Anonym, und resistent gegen Zensur
  • Dezentral und demokratisch
  • Kein Vertrauen in Regierung, Notenbank, Bank notwendig (trust-less).

Dazu aus dem Original-Paper von Satoshi Nakamoto, dem unbekannten „Erfinder“ von Bitcoin:

„Das Kernproblem konventioneller Währungen ist das Ausmaß an Vertrauen, das nötig ist, damit sie funktionieren. Der Zentralbank muss vertraut werden, dass sie die Währung nicht entwertet, doch die Geschichte des Fiatgeldes ist voll von Verrat an diesem Vertrauen. Banken muss vertraut werden, dass sie unser Geld aufbewahren und es elektronisch transferieren, doch sie verleihen es in Wellen von Kreditblasen mit einem kleinen Bruchteil an Deckung. Wir müssen den Banken unsere Privatsphäre anvertrauen, vertrauen, dass sie Identitätsdieben nicht die Möglichkeit geben, unsere Konten leerzuräumen. Ihre massiven Zusatzkosten machen Micropayments unmöglich.
Eine Generation früher hatten Nutzer von Time-Sharing-Computersystemen ein ähnliches Problem. Vor dem Aufkommen von starker Verschlüsselung mussten die User sich auf Passwort­schutz für ihre Daten verlassen und dem Systemadministrator vertrauen, dass dieser ihre Informationen vertraulich hielt. Diese Privatsphäre konnte jederzeit aufgehoben werden, wenn der Administrator zu dem Schluss kam, dass sie weniger wog als andere Belange, oder auf Anweisung seiner Vorgesetzten. Dann aber wurde starke Verschlüsselung für die Masse der Nutzer verfügbar, und Vertrauen war nicht länger nötig. Daten konnten auf eine Weise gesichert werden, die einen Zugriff durch Dritte – egal aus welchem Grund, egal mit wie guten Entschuldigungen, egal was sonst – unmöglich machten.
Es ist Zeit, dass wir dasselbe mit Geld machen. Mit einer elektronischen Währung, die auf einem kryptografischen Beweis beruht und kein Vertrauen in Mittelsmänner benötigt, ist Geld sicher und kann mühelos transferiert werden.“

Werfen wir einen genaueren Blick auf die den Kryptowährungen zugrunde liegende Blockchain.

hash0Zunächst ist da die namengebende statische Struktur: eine Kette von Blöcken, die dadurch gesichert ist, dass mit Hash Codes sowohl die Inhalte der Blöcke als auch der Header des vorigen Blocks gesichert sind, was eine nachträgliche Manipulation des Inhalts irgend eines dieser Blöcke mit heutigen Mitteln ausschliesst.

Jeder kann diese Blöcke lesen, aber niemand kann sie ändern, denn sie sind dezentral, in tausenden von Kopien gespeichert.

Die Kette ändert sich nur dadurch, dass hinten neue Blöcke angehängt werden. Dies geschieht so, dass eine kryptographische Aufgabe gelöst werden muss, die nur durch Ausprobieren gefunden werden kann (und man muss zigtausend Mal probieren, bis man eine Lösung findet). Sobald einer der aktiven „Miner“ die Lösung hat, darf er einen neuen Block in die Kette eintragen, die inzwischen stattgefundenen Transaktionen (die zeitweise in einen Pool von „unconfirmed transactions“ abgelegt wurden) in seinen neuen Block eintragen, das Netzwerk über den neuen Block informieren, und das Spiel beginnt von vorne.

Dabei ist es interessant, einen Blick auf die Zahlenverhältnisse der Beteiligten zu werfen.

Einen neuen Block gibt es etwa alle zehn Minuten. So lange dauert das Ratespiel. In dieser Zeit laufen 1000 – 2000 Transaktionen auf. Pro Tag nehmen 500‘000 „unique addresses“ an Transaktionen teil, das sind die Anwender, die mit Bitcoin handeln (manche nutzen mehr als eine Adresse, so dass die Zahl der Menschen, die an Transaktionen beteiligt sind, wohl etwas niedriger ist, aber ganz genau weiss das niemand). Es gibt derzeit 10‘220 „Full node“ Installationen, das sind die Installationen, die als Voll-Teilnehmer dafür ausgestattet sind, die Korrektheit der neu eingestellten Blöcke nachzuprüfen, und aus ihrem Kreis speist sich auch die Menge derjenigen, die an dem „Mining“ teilnehmen. Von den 564 Blöcken, die etwa am 20. Jan. 2019 geschürft wurden, wurden 436, also 87,3% von 14 „mining pools“ geschürft. Also nochmal im Überblick:

  • 500‘000 Anwender (oder etwas weniger) setzen Transaktionen ab;
  • 10‘000 „full nodes“ (= 2% der Anwender) haben eine Kopie der vollen Chain und können die Korrektheit nachrechnen;
  • 14 an einem Tag erfolgreiche Miner (= 0,14% der „full nodes“).

Da ein „Rennen“ 10 Minuten dauert, spricht nichts dagegen, dass die Sieger von heute auch die Sieger von morgen sind, es sei denn jemand anderes rüstet seinen Rechnerpark markant auf.

Nun noch einen Blick auf die Dynamik der Chain.

hash1

Nehmen wir an, die Blöcke 001 bis 106 sind geschürft, bestätigt, und in die Chain eingehängt. An ihnen kann nichts mehr geändert werden. Jetzt schürfen mehrere Miner im Wettbewerb um Block 107. Einer von ihnen gewinnt (im Beispiel 107a), meldet seinen Erfolg an alle Teilnehmer der Chain, und alle Miner stürzen sich auf den soeben hinzugefügten neuen Block und schürfen mit diesem als neuem Ausgangspunkt. Was passiert mit Block 107b? Der Miner kam etwas zu spät. Der Block wird nicht bestätigt und „verdorrt“, denn nur der jeweils längste Ast gilt als relevant.

Dabei hindert niemand einen Miner, am Block 107b weiterzuschürfen; das ist nur verlorene Liebesmüh, da die Mehrheit der Miner an den Folgeblöcken von 107a arbeitet und immer nur die längste Kette Gültigkeit hat.

Ausser…

hash2

… einem Miner mit sehr hoher Rechenpower gelingt es, alle anderen Miner zu überholen. Plötzlich befinden sich die Blöke 107a und 108b auf dem Nebengleis, und Transaktionen, die für ein oder mehrere Zyklen als verbürgt galten, gelten plötzlich nicht mehr. Das nennt sich die „51%-Attacke“ und kann fatale Folgen haben (Ich kaufe ein Objekt mit Bitcoin, die Transaktion geht durch und ist verbürgt, das Objekt wird übereignet, und dann wird die Bitcoin-Transaktion ungeschehen gemacht).

Hier zeigt sich auch, wo die wesentlichen Angriffsflächen des Konzepts liegen: Nicht innerhalb der krypto-gesicherten statischen Blöcke, sondern dort, wo sie Berührungspunkte mit der Aussenwelt haben. Hier einige der bekanntesten Schwachstellen:

Exit Scam

Wenn eine neue Kryptowährung auf den Markt gebracht wird, ist es üblich, dass die Leute, die das neue System entwickelt haben, einen ICO („Initial Coin Offering“) lancieren. Damit laden sie öffentlich dazu ein, ihre neuen „Coins“ (oder „Tokens“, oder wie auch immer sie sie nennen) gegen Geld zu kaufen, in der Hoffnung, dass die neue Währung ins Laufen kommt und sich dann auf der Plattform Geld verdienen lässt. Das hat in der Vergangenheit oft wunderbar geklappt, und zig Millionen von Dollars (bzw. Euros bzw Bitcoins) wurden eingezahlt. Der „Exit Scam“ besteht nun darin, dass sich die Herausgeber des ICO, nachdem sie das Geld eingesammelt haben, vom Acker machen und spurlos verschwinden. Diese Betrugsmasche hat so zugenommen (man hört von 80% aller ICOs als betrügerisch), dass die US Bördenaufsicht eingeschritten ist und jedes ICO als Ausgabe von Wertpapieren behandelt, so dass jeder der sie verkauft, oder mit ihnen handelt, und sich nicht an die Vorgaben für Wertpapiere hält, strafrechtlich verfolgt wird. Bitcoin selbst war davon nicht betroffen, denn es hat in den ersten Jahren eine lange Durstphase hinter sich gebracht, wo noch niemand ans schnelle Geldverdienen gedacht hat.

Wallet Hack

Hier wird nicht die Blockchain angegriffen, sondern der PC oder das Smartphone des Anwenders: Jeder, der mit Bitcoins handelt, benötigt eine „Wallet“. Das ist eine 36stellige Kombination von Ziffern und Buchstaben, und der „private Key“ des Anwenders. Dieser Schlüssel ist die einzige Möglichkeit, an die dem Anwender gehörenden Bitcoins heranzukommen. Wer die Nummer verliert, vergisst, oder wem sie gestohlen wird (z.B. durch einen Hacker, der die Datei sperrt, die sie enthält), hat Pech. Es gibt keine Möglichkeit, diese Nummer zu rekonstruieren. Man hört, dass bis zu 30% aller Bitcoin verloren gegangen sind, und heute herrenlos in der Chain liegen, ohne dass irgendwer sie aktivieren kann.

Auch wenn ein Hacker in den Besitz dieser Nummer gelangt und im Namen des Anwender Transaktionen vornimmt, gibt es keine Möglichkeit, die Nummer zu sperren, Transaktionen anzufechten oder rückgängig zu machen. Es gibt keine Schlichtungsstelle und keine Berufungsinstanz.

51% Attack

Das ist die schon oben beschriebene Möglichkeit, bereits bestätigte Blöcke durch solche aus einem Nebenzweig der Chain zu „ersetzen“. Dies ist ein „known bug“ und widerspricht dem Anspruch auf Unveränderbarkeit der Blockchain. Bislang ist so etwas bei Bitcoin noch nicht passiert (bei jüngeren Chains mit weniger Volumen allerdings sehr wohl). Wenn man aber weiss, dass heute 80% der Rechnerkapazität der Bitcoin-Miner in sechs grossen Datenzentren in China konzentriert sind, ist die Vorstellung, dass so etwas passieren könnte, nicht ganz unrealistisch.

Cryptojacking

Bei dieser Masche stechen sich die Miner gegenseitig aus, in dem sie illegal die Rechnerleisung von Unbeteiligten missbrauchen.

coffeeminer

„Coffee Miner“ ist ein publiziertes Experiment, bei dem der Miner sich in einen offenen WLAN-Router (z.B. eines Coffee Shop) einhackt, der dann den Verkehr aller anderen WLAN-Nutzer über den eigenen Rechner leitet, der ihnen Code-Snippets unterjubelt und sie dergestalt dazu bringt, für ihn zu „minen“. Praktische Bedeutung hat dieser Hack nicht, denn heute werden zum Minen ganz andere, wesentlich leistungsstärkere Spezial-Prozessoren verwendet. Allerdings ist denkbar, dass grosse Bot-Netze (von mehreren zehntausend Rechnern) durchaus Effekte erzielen können.

Ein anderer Einzelfall ist das All-Russian Research Institute of Experimental Physics (RFNC-VNIIEF) in Sarov, das eigentlich theoretische Grundlagen für Nuklearwaffen entwickelt und berechnet. Einige Beschäftigte dort haben die Rechnerleistung ihrer Supercomputer dazu benutzt, heimlich am Bitcoin-Minig teilzunehmen. Die Sache flog auf, weil irgendwer sich wunderte, wieso diese streng geheime Anlage vorschriftswidrig ans Internet angeschlossen war.

Die Motivation für die Hacker ist nicht unerheblich. Für einen neuen Block gibt es 12.5 Bitcoin, das sind nach gegenwärtigem Kurs $ 44’800 – alle 10 Minuten. Wenn ich über 24 Stunden alle Blöcke schürfen könnte (was unrealistisch ist), hätte ich 6,5 Millionen verdient.

Anspruch und Wirklichkeit

Wenn wir Anspruch und Wirklichkeit der Kryptowährungen – vor allem mit Hinblick auf den „anarchistischen Kern“ kontrastieren, ergibt sich folgendes Bild:

  • Anspruch: Schnelle Zahlungsabwicklung
    Wirklichkeit: Bitcoin ist auf 1 Block alle 10 Minuten gedrosselt, was ca. 200 Transaktionen pro Minute entspricht und um Dimensionen niedriger ist, als was Visa & Co. heute leisten. Bis eine Transaktion überprüft und bestätigt wird, dauert es ca. 6 – 18 Minuten (bis nämlich ein neuer Block geschürft und meine Transaktion dort eingetragen ist).
  • Anspruch: Leichte Verwahrbarkeit, sicherer Transport auf Reisen
    Wirklichkeit: Die klassischen Instrumente wie Kreditkarten sind fast überall überlegen, weil ich Verluste melden, Karten sperren und wiedergewinnen kann.
  • Anspruch: Peer-to-peer (ohne Mittelsmann)
    Wirklichkeit: Das ist korrekt, allerdings bin ich auf eine Infrastruktur mit Minern, Tool Providern etc. angewiesen.
  • Anspruch: Anonym und Zensur-Resistent
    Wirklichkeit: Das ist eigentlich nur wahr gegenüber meinen Handelspartnern. Regierungen, Geheimdienste, aber auch kriminelle Organisationen haben längst Mittel und Wege gefunden, dich auf der Blockchain zu identifizieren
  • Anspruch: Dezentral und demokratisch
    Wirklichkeit: Es gibt in dieser Welt eine Oligarchie von „Full Nodes“, Supercomputer-getriebenen Mining Pools und haufenweise Abzockern und Betrügern, die Abwesenheit von demokratischen und einforderbaren Regeln.
  • Anspruch: Kein Vertrauen in Regierung, Notenbank, Bank notwendig
    Wirklichkeit: In Wahrheit begibt sich, wer mit diesen „Währungen“ handelt, aus der regulierten Welt von Bankenaufsicht und Regulatoren hinaus und hinein in die Welt der „Snake Oil Vendors“. Wer das möchte: Willkommen!

snake_oil

2. Blockchain for Business

Seit längerem wird daran gearbeitet, das Konzept der Blockchain aus der Welt der Kryptowährungen herauszulösen und für andere Anwendungen nutzbar zu machen. Warum?

Ein hübsches Beispiel ist der Quartierverein Wiedikon. Wiedikon ist ein Stadtkreis von Zürich, und die Mit­gliedschaft in diesem Verein beträgt 20 SFr im Jahr. Seit kurzem kann man seine Jahresgebühr auch in Bit­coin bezahlen, die dann von einem Jungunternehmen in Franken umgewechselt werden.

wiedikon.png

Praktischen Nutzen hat das Ganze sicher nicht, aber es wird klar, was das Motiv ist: es ist cool!

Und weil es neu ist, cool, und etwas mysteriös, knüpfen sich an die Verwendung von Blickchain alle möglichen Erwartungen und Versprechungen für so gut wie jede Branche (siehe Kasten).

Versprechen der Blockchain-Enthusiasten für Unternehmen und Branchen
Banking and Payments
Exchange money faster, more efficiently and more securely
Many banks are already adopting it
Cybersecurity
Less susceptible to data loss, corruption, human error and hacking
Resistant to unauthorized changes and hacks
Internet of Things
No central location, where hackers can gain access
Address these security concerns
Unified Communications
Faster, safer and more reliable automated communication
Immutable record of communication enhances safety and reliability
Government
Reduce bureaucracy and increase security, efficiency and transparency
More easily verify and distribute Welfare and unemployment benefits
More easily count votes and verify for legitimacy
Crowdfunding and Donating to Charities
Ensure that your money gets exactly where you need it to go
Create trust through smart contracts and online reputation systems
Allow donors to see where their donations go
Healthcare
Create a centralized and secure database for healthcare organizations
Share medical records strictly with authorized doctors and patients
Rentals and Ride-sharing
Create decentralized peer-to-peer ride-sharing apps
Allow car owners to auto pay for things like parking, tolls and fuel

Nun hat die Verwendung der Blockchain-Struktur für die meisten dieser Anwendungen zwei Probleme.

Erstens der Preis des anarchistischen Kerns.

Wie oben ausgeführt, besteht der Reiz der Blockchain darin, dass egalitäre Beziehungen zwischen den Teilnehmern versprochen werden.

  • Ohne Mittelsmann (peer-to-peer)
  • Anonym und resistent gegen Zensur
  • Dezentral und demokratisch
  • Kein Vertrauen in Autoritäten (Regierung, Notenbank, Bank) notwendig (trust-less)

Damit die Kryptowährungen diese Versprechen zumindest in Ansätzen erfüllen können, zahlen sie – verglichen mit einer konventionellen Datenbank – softwaretechnisch einen hohen Preis:

Schlechte Skalierbarkeit

Jede Transaktion muss von jedem Teilnehmer auf seiner Kopie nachvollzogen werden. Die Belastung des Gesamtsystems (Summe aller Benutzer) steigt exponentiell.

Software-Updates schwierig

Bei einem zentral gesteuerten System lassen sich relativ leicht Updates durch das Gesamt-Sytem schieben, wegen Sicherheitslücken, neu entdeckter Bugs, Schliessen von Funktionslücken. In einem verteilten System ist der Update der Teilnehmer freiwillig und deshalb muss jedes Update abwärts­kompatibel sein.

Aufwendige Entwicklung

Die Schwierigkeit, Updates schnell durch das Gesamtsystem zu verbreiten, führt dazu, dass die Software-Entwicklung sehr viel mühsamer ist. Fehler dürfen nicht vorkommen. Das zwingt zu aufwendigen und teuren Tests. Konventionelle Systeme können mit “rapid prototyping” und ähnlichen Methoden sehr viel preisgünstiger entwickeln und etwaige Fehler korrigieren, wenn sie auftreten.

Schlechte Wartbarkeit

Eine Wartung kann bei einem dezentralen System praktisch nicht stattfinden. Änderung der Regeln, Korrektur von Einstellungen, all das wird von der dezentralen Struktur verhindert. Es gibt keine Datenbank-Administration im herkömmlichen Sinne, und auch niemanden, der dafür zuständig ist.

Keine Undo-Funktion

Was drin ist, ist drin und kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Das bedeutet, dass auch den Anwendern gegenüber das System keine Fehler verzeiht.

Keine Schlichtungsinstanz

Wenn es einen Disput gibt (weil jemand meinen Key geklaut hat, weil die Leistung, die ich bezahlt habe, nicht oder mangelhaft erbracht wurde), gibt es keine Instanz, an die ich mich wenden kann. Ich kann keine Rückforderung machen, keine Karte sperren, nichts davon.

Zweitens: Die Zähmung des Anarchistischen Kerns

Nun hängen viele der beschriebenen Nachteile mit Eigenschaften der Blockchain zusammen, die für eine Kryptowährung wichtig, für eine Unternehmensnutzung aber nicht nötig, oder sogar unerwünscht sind. Daraus ergibt sich das Bemühen, solche Attribute aus der Blockchain-Technologie herauszuoperieren.

  • Anonymität: widerspricht meist legalen (z.B. Geldwäsche­gesetze) und Business-Anforderungen. Ich will wissen, mit wem ich es zu tun habe.
  • Jeder kann zugreifen: Ist für viele Anwendungen unerwünscht. Ich will einen geschlossenen Teilnehmerkreis.
  • Jeder Teilnehmer kann alle Transaktionen sehen: Widerspricht bei vielen Anwendungen den Anforderungen an Vertraulichkeit
  • Jeder Teilnehmer kann Transaktionen absetzen: Ist in vielen Anwendungen unrealistisch, wenn bestimmte Rollen auf bestimmte Transaktionsarten im System begrenzt sind.
  • Jede Transaktion wird für immer festgehalten: Das widerspricht sicher schon mal der Europäischen Datenschutz-Grundverord­nung, nach der Anwender das Recht haben, aus Systemen “auszu­ziehen” und ihre Spuren zu löschen.

Und so weiter, und so fort.

Eine verbreitete Kate­gorisierung solcherart “domestizierter” Block­chains findet sich in der folgenden Abbildung. “Public permissionless” ist die original Bitcoin-Variante.

blockchain_options.png

Was sich aus diesen Änderungen auch ergibt, ist die Notwendigkeit, Eingriffe in den laufenden Betrieb der Blockchain zuzulassen (das ist genau das, was im Original­konzept ausgeschlossen werden sollte), und eine Reihe von Rollen zu definieren, die viel näher an der geordneten Welt der Datenbanken als der Welt der dezentralen unregulierten Kryptowährungen liegt.

Vorgesehene Rollen in einer “Blockchain for Business”
Blockchain user
Join the blockchain and conduct transactions with other participants.
Regulator
Oversee the transactions happening within the network.
Blockchain developer
Create the applications and smart contracts that enable blockchain users to conduct transactions
Blockchain network operator
Define, create, manage, and monitor the blockchain network.
Certificate authority
Manage the different types of certificates required to run a permissioned blockchain
Traditional processing platform
Existing computer system that may be used to augment processing. May also need to initiate requests into the blockchain.
Traditional data source
Influence behavior of smart contracts and help to define how communications and data transfer will occur between traditional applications/data and the blockchain.

(“Traditional Platform” und “Traditional Data Source” sind hier mit gutem Grund aufgeführt, denn obzwar der Inhalt der Blockchain selbst nachträglich nicht verändert werden kann, könnte das Ziel eines Links aus der Blockchain sich sehr wohl ändern.)

Damit werden die freizügig gegebenen Sicherheits­versprechen, die mit dem Begriff Blockchain verbunden sind, ausgehebelt und es handelt sich im Wesentlichen um Datenbank­anwendungen, die mit dem Label “Blockchain” ultramodern aussehen, obwohl sie in Wirklichkeit nur ineffizient sind.

Oder, um mit Eugen Roth zu sprechen:

Ein Mensch erblickt ein neiderregend
Vornehmes Haus in schönster Gegend.
Der Wunsch ergreift ihn mit Gewalt:
Genau so eines möcht er halt!
Nur dies und das, was ihn noch störte,
Würd anders, wenn es ihm gehörte;
Nur wär er noch viel mehr entzückt
Stünd es ein wenig vorgerückt…
Kurz, es besitzend schon im Geiste,
Verändert traumhaft er das meiste.
Zum Schluss möcht er (gesagt ganz roh)
Ein anderes Haus – und anderswo.