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Sven war Genosse in Tübingen, ein paar Jahre älter als ich (genauer gesagt, neun Jahre, aber das war mir damals egal). Ich selbst wurde als Gymnasiast in die späte Phase der 68er Bewegung gezogen, als der antiautoritäre, rebellische und individualistische Geist der frühen Zeit mehr und mehr durch dogmatische marxistische Ideologie ersetzt wurde, und leninistische, trotzkistische, maoistische, stalinistische und andere bizarre Varianten von Dogmatik, Rechthaberei und Sektierertum Einzug hielten. Als ich Sven begegnete auf Teach-ins, AStA Kongressen, Vollversammlungen, war er zweifellos genauso linksradikal wie ich. Aber da er, anders als ich, aktiv teilgenommen hatte, als sich die Radikalität der 68er aus viel breiteren Strömungen von philosophischen, soziologischen, psychoanalytischen – und auch politischen Wurzeln entwickelte, war für mich schon damals spürbar, dass er aus reicheren Quellen schöpfte als ich, der hauptsächlich theoretisch nachvollzog, was andere vorgedacht hatten.

Politik war damals mein Leben, und ausserhalb der zahllosen öffentlichen und konspirativen Veranstaltungen und Aktionen, die damals unsere Tage füllten, hatte ich keinen Kontakt mit Sven, aber er war eine vertraute Gestalt, freundlich, zugetan und ich hatte das Gefühl, dass ich ihn jederzeit um Rat fragen konnte. Was ich natürlich nie tat.

Später mussten wir uns alle, jeder für sich, aus dem Verlies linksradikaler Dogmatik wieder herausarbeiten. Schrittweise, über Jahre, und immer wieder über Brüche, in denen wir unsere eigenen Wege gingen und alte Zusammenhänge aufgaben. So habe ich den Kontakt zu Sven verloren.

Jahre später wurde er mir eine vertraute Gestalt im Fernsehen, und jedesmal freute ich mich: Mensch, das ist doch Sven, den kennst du doch! – Er enttäuschte mich nicht. Er war charmant, leicht ironisch, gut aussehend, und er machte ausgezeichneten Journalismus. Ich dachte höchstens: Schade, dass man den Kontakt zu interessanten und angenehmen Menschen so dumm verliert, weil man ihn nie gepflegt hat.

Ich gestehe, ich habe es gar nicht mitbekommen, als er seine aktive Laufbahn beendete, und eines Tages sah ich ihn wieder auf dem Bildschirm in einer Talkshow, diesmal als Gast – eine Gesichtshälfte vollständig gelähmt. Ein schrecklicher Anblick.

Ich war so erschüttert, dass ich keinerlei Erinnerung daran habe, worum es in der Sendung ging. Das kann man natürlich heute im Internet nachlesen. Aber in dem Moment folgte ich der ganzen Sendung nur, um Sven anzuschauen, dem der Auftritt offenbar so wichtig war, dass er dafür in Kauf nahm, sich so entstellt zu zeigen, wie er war. Es war ihm sichtlich unangenehm; immer wieder drehte er die “gute” Gesichtshälfte zur Kamera, und mit einem Tüchlein bedeckte er den einseitig gelähmten Mund.

Jetzt habe ich sein Buch gelesen – Altern wie ein Gentleman. Abgesehen davon, dass der Titel etwas schräg neben dem Buch steht – hier vermute ich den Verlag am Werk, denn der Begriff “Gentleman” taucht sonst im Buch überhaupt nicht auf – ist es eine gut recherchierte, schön geschriebene Studie über die Besonderheiten der ins Alter kommenden “baby boomer” Generation, die Sven Kuntze die “vierziger” nennt.

Gleichzeitig ist das Buch auch sehr persönlich. Er selbst gehört zu dieser Generation, und er beschreibt, wie er sich der Herausforderung des Alters stellt.

Dass dieses Buch beide Perspektiven verbindet – die objektive des wissenschaftlichen Beobachters, der wahre Aussagen macht über eine Population, und die subjektive, die um Fragen ringt, deren Zielpunkt der eigene Tod ist – macht das Buch gleichzeitig interessant und problematisch.

Denn während die objektive Perspektive einer Wahrheit verpflichtet ist, die letztlich auf Statistik ruht, für den Einzelnen aber vielleicht ganz anders aussieht (“die 40er Generation hat den Generationenvertrag aufgekündigt”), ringt die subjektive mit dem Anspruch auf persönliche Ehrlichkeit. Man kann Sven Kuntze abnehmen, dass er beides sehr ernst nimmt. So hat er das Leben in Altenpflegeheimen so intensiv recherchiert, wie er sich mit dem Moment seines eigenen Ausscheidens aus dem Arbeitsalltag auseinander gesetzt hat. Beides habe ich noch vor mir und habe – nicht nur deshalb – Svens Ausführungen mit grossem Interesse gelesen.

Aber hier laufen die Dinge auseinander. Sven meint in dem Buch – das er vor der Operation schrieb, die sein Leben gerettet, aber sein Gesicht zerstört hat – dem Altern quasi als idealtypischer Vertreter seiner Generation entgegenzusehen. “Wir wissen, dass der Körper langsam entkräftet.”

Statistisch und insgesamt ist das die Wahrheit. Aber ich neige zu der Auffassung, dass die wirklich bösen und verderblichen Keulenschläge des Schicksals immer aus einer Richtung kommen, wo wir sie nicht erwarten und uns deshalb schwer wappnen können. Und dass der Weg nach unten in vielen Fällen weniger einer geneigten geraden Linie ähnelt als einer Treppe mit unregelmässig breiten und tiefen Stufen, von denen uns jede auf unterschiedlichste Art, aber immer unvorbereitet trifft.

Gerade weil ich Svens Buch die Ernsthaftigkeit abnehme, mit der er sich seinem Altern stellt, geht es mir seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf und ich schreibe hier ganz unsinnig lange Texte darüber. Das ist doch schon mal etwas. Lieber würde ich mich mit ihm darüber unterhalten.

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